Umwelt

Schottland vor dem Ausverkauf

Naturschutz Donnerstag, 9 November

Von Cathy Newman
Bilder Von Jim Richardson

Am 30. Juli 2015 um Punkt 18 Uhr wechselte das altehrwürdige Gut Balavil in Schottland nach 225 Jahren den Eigentümer. Zu dem Anwesen gehören unter anderem das graue Herrenhaus, fünf Kilometer des Flusses Spey, die hügeligen Moore und das Hausgespenst Sarah.

Fünf Millionen Pfund, rund 5,8 Millionen Euro, zahlte der niederländische Unternehmer Eric Heerema an Allan Macpherson-Fletcher, dessen Familie Balavil gehört hatte, seit der legendäre Architekt Robert Adam, Begründer des klassizistischen Adamstils, das Haus im 18. Jahrhundert entworfen hatte.

„Wir hatten ein großartiges Leben dort. Aber es war an der Zeit, zu gehen“, sagt Macpherson-Fletcher und wiegt das Whiskyglas in der Hand. Er sitzt im Wintergarten des renovierten Pächterhäuschens, das er für sich und seine Frau Marjorie behalten hat. Der weißhaarige Mann mit runder Schildpattbrille und Strickjacke wirkt regelrecht erleichtert.

65 Jahre alt war er zum Zeitpunkt des Verkaufs, die Rente stand kurz bevor, und seine Kinder hatten kein Interesse, das Anwesen zu übernehmen – „klugerweise“, wie Macpherson-Fletcher sagt. Balavil instand zu halten, habe ihm oft Sorgen bereitet – und den Geldbeutel belastet. „Schneller als mit Grundbesitz in den Highlands kann man Geld nicht verlieren“, sagt er scherzhaft.

Das liege unter anderem an der Landreform, die das schottische Parlament 2016 verabschiedet hat, und die den Großgrundbesitzern zusätzliche Kosten und bürokratischen Mehraufwand aufbürde. Für Allan Macpherson­Fletcher war es also der richtige Zeitpunkt, den Vorhang in Balavil fallen zu lassen. Und er ist nicht der einzige Alteingesessene, der so denkt. Denn in den Moorgebieten der Highlands ist es ungemütlich geworden, die einzigartige Landschaft ein Schlachtfeld unterschiedlicher Interessen.

Balavil liegt in den schottischen Highlands. Das Anwesen zieht sich sanft zwischen dem Fluss Spey und den Monadhliath Mountains hin. 2400 der 2800 Hektar des Gutes sind Moor­ und Heidelandschaft. Diese einzigartige Natur ist ein Wahrzeichen des Landes und für Schotten ein fester Teil ihrer Identität – ähnlich wichtig wie der Wilde Westen für Amerikaner oder das Outback für Australier. Im Nebel über der Heide und dem Moor spielen nationale Mythen sowie viele schaurige Romane oder Hollywood­Epen wie Mel Gibsons „Braveheart“. Eine Umfrage im Auftrag der Regierung zeigte, dass Touristen nichts so sehr mit Schottland in Verbindung bringen wie die Moorgebiete.

Es ist kein Wunder, dass ein symbolisch wie wirtschaftlich so wertvolles Gebiet viele Begehrlichkeiten weckt. Die Debatte um die Moorgebiete zeigt, wie Schottland um seine Identität zwischen modernem Staat und feudaler Tradition ringt: Sozialisten streiten mit Snobs, Traditionalisten mit Investoren, Umweltschützer mit Anhängern der Jagd. All diese verschiedenen Fraktionen reden mit, wenn es um die Zukunft der Landschaft geht. Und wer versucht, die Hintergründe des Konflikts zu verstehen, versinkt in einem Sumpf aus Partikularinteressen, Vorurteilen und Selbstgerechtigkeit.

Bislang wird ein beträchtlicher Teil der schottischen Moore für die Moorhuhnjagd genutzt. Es gibt aber auch viele Schotten, die sich leidenschaftlich dafür einsetzen, das Land anderweitig zu bewirtschaften. David Read, emeritierter Botanik-Professor an der Universität Sheffield, würde zum Beispiel lieber Fichten-Plantagen anpflanzen. „Heidekraut ist unproduktiv“, sagt er. Wenn es mehr Fichten gäbe, „wäre Schottland wenigstens nicht mehr derart von Holzimporten abhängig“.

Der Aktivist Mike Daniels von der Naturschutzorganisation John Muir Trust hingegen kämpft dafür, Moor und Heide in den ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen. Durch diese Renaturierung würde ein neuer Wald in den Highlands wachsen. „Welcher Anblick ist Ihnen lieber?“, fragt Daniels mit unverhohlenem Ärger. „Ein Steinadler in freier Wildbahn oder feine Pinkel, die Moorhühner schießen?“

In dem Konflikt schwingt mehr als nur ein Hauch von Klassenkampf mit. Auch der Ornithologe und Artenschutzberater Roy Dennis findet es abscheulich, dass Heide und Moore für exklusive Jagdgesellschaften bewirtschaftet werden. Deshalb berät er die schwedische Philanthropin und Verlegerin Sigrid Rausing, der das 16.000 Hektar große Coignafearn-Anwesen in den Monadhliath Mountains gehört. Sein Auftrag: Das Land in den natürlichen Zustand zurückversetzen.

Die ersten Maßnahmen kann man bereits erkennen: Zäune sollen Hirsche abhalten, junge Bäume und Sträucher abzufressen. Das soll die Rückkehr von Birken, Waldkiefern, Weiden und Vogelbeerbäumen mit ihren leuchtend roten Beeren ermöglichen. Am Himmel kreist bereits ein erster Steinadler.

„Das Problem ist nicht die Moorhuhnjagd selbst“, sagt er. „Aber die intensive Bewirtschaftung des Landes ist nicht nachhaltig.“ Auch auf anderen Landgütern wie Glenfeshie (gehört dem dänischen Milliardär Anders Povlsen), Mar Lodge (National Trust for Scotland) und Abernethy Forest (Royal Society for the Protection of Birds) gibt es Renaturierungspläne. „Grundbesitz“, sagt Dennis, „ist nicht nur ein Privileg, sondern auch eine Verpflichtung“.

Der Artikel wurde gekürzt und bearbeitet. Die ganze Reportage findest Du in der Ausgabe 5/2017 von National Geographic. Jetzt ein Magazin-Abo abschließen. 

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