Umwelt

Neue Methoden im Kampf gegen Chinas tödliche Luft

Vermutlich sterben in China bis zu 1 Million Menschen pro Jahr an den Folgen von Luftverschmutzung – nun sagt das Land dem Problem mit innovativen Lösungen den Kampf an. Freitag, 27 Oktober

Von Beth Gardiner

TANGSHAN, CHINA – 1976 traf ein vernichtendes Erdbeben die Stadt am Gelben Meer, die sich etwa 160 km östlich von Peking in der Provinz Hebei befindet. Die Katastrophe kostete mindestens 240.000 Menschen das Leben – ein Viertel der Bevölkerung. Nachdem die Stadt wiederaufgebaut wurde, half sie bei der Erbauung des modernen Chinas.

Heute ist Tangshan ein Zentrum für Schwerindustrie und Kohleverbrennung. Dort werden Zement, Chemikalien und mehr als fünf Prozent des weltweiten Stahls hergestellt. Tieflader mit großen Stahlrollen parken an den Straßenrändern. Aus dem Schutt des Jahres 1976 sind Gruppen von hohen Betonwohnblöcken gen Himmel geschossen. Dort leben die Arbeiter, die die Werke und Fabriken am Laufen halten, aus deren aufragenden Schornsteinen unablässig Rauchschwaden aufsteigen.

Ein dicker, grauer Smog bedeckt die ganze Stadt.

Heutzutage sterben in China geschätzte 1,1 Millionen Menschen an den Folgen der Luftverschmutzung. Tangshan ist auf Platz sechs der dreckigsten Städte des Landes – und die Top fünf sind ebenfalls alle in Hebei. Der Kohlerauch aus den Fabriken und Kraftwerken der Region driftet auch in Richtung Peking und trägt dort zu der berüchtigten „Airpocalypse“ der Stadt bei.

Vor drei Jahren, auf der Jahresversammlung der Kommunistischen Partei, erklärte der Parteivorsitzende Li Keqiang der Luftverschmutzung in China den Krieg. Auf dem Parteikongress im vergangenen März erneuerte er sein Versprechen, „unseren Himmel wieder blau zu machen.“ Zu Lis Waffen gehören auch die Reduzierung der Stahlproduktion und der Stromgewinnung durch Kohlekraftwerke. Um den Energieträger Kohle zu ersetzen, stellt China die weltweit größte Investition für Wind- und Solarenergie bereit.

Falls das Vorhaben gelingt, werden die Vorteile nicht nur in Tangshan, sondern auf dem ganzen Planeten spürbar sein. China ist der weltweit größte Verursacher von Treibhausgasen. In Tangshan erleben die Menschen aber auch, welchen Preis der Kampf für saubere Luft hat.

In einem kleinen Supermarkt vor den Toren der Tangshan Guofeng Stahl- und Eisenfabrik sitzt Wang Jing Bo auf einem pinken Plastikstuhl. Seine Frau Li Yong Min betreibt den Laden. Wang arbeitet in der Fabrik. Er veredelt den geschmolzenen Stahl und gießt ihn in Knüppelform. Es ist eine gefährliche Arbeit, bei der die Temperatur mitunter 50 °C erreichen kann. Aber die Bezahlung ist gut, der Bonus solide.

Während der letzten Jahre hat Wang die Entlassung vieler seiner Kollegen mit ansehen müssen. Viele Fabriken in Tangshan wurden geschlossen oder haben den Standort gewechselt, etliche mussten ihre Produktion zurückfahren oder teure Abluftwäscher installieren. Aber Wang glaubt daran, dass seine Fabrik die Kürzungen überleben wird. Die Produktionsmenge des Werks „wird stärker und stärker sein, nicht größer und größer“, prognostiziert er vertrauensvoll. Man könnte meinen, er spreche über Chinas Ziele.

EINE ZEIT DER ABRECHNUNG

Chinas Krieg gegen die Luftverschmutzung ist Teil einer größeren Bilanz der Gesundheits- und Umweltkatastrophe, die durch die rapide Industrialisierung in den letzten paar Dekaden angerichtet wurde. Der wirtschaftliche Aufschwung hat Hunderte Millionen von Menschen aus der Armut gerettet – und Tangshan sogar aus seinen Ruinen. Er hat aber vielen von ihnen auch untrinkbares Wasser, verpestete Nahrung und giftige Luft beschert.

Mittlerweile meinen es die Regierungsbeamten „sehr ernst“ mit der Verbesserung der Luftqualität, sagt Tonny Xie, Sekretariatsleiter der Clean Air Alliance of China. „Davon bin ich überzeugt.“ Die Allianz, eine Gruppe aus Denkfabriken und Universitätsexperten, berät die Regierung in Sachen Verschmutzung.

Die Bemühungen der Regierung decken ein weites Feld ab. Chinesische Städte drängen die Bewohner, ihre häuslichen Kohleöfen und -herde abzuschaffen. Die Behörden verlangen qualitativ hochwertigeres Benzin und Diesel für Fahrzeuge. Die Emissionsrichtlinien für Autos, die 2020 in Kraft treten sollen, sind mit denen in Europa und den USA vergleichbar.

Aber der Fokus bleibt auf der Schwerindustrie. Im März hat die Regierung die Schließung oder den Baustopp von insgesamt103 Kohlekraftwerken verkündet, die insgesamt mehr als 50 Gigawatt an Strom erzeugen können. Es hat außerdem angekündigt, die Stahlproduktion um weitere 50 Millionen Tonnen zu reduzieren.

Die öffentliche Wut über die Luftverschmutzung hat die Regierung zum Handeln gezwungen. Die Feinstaubbelastung in der Region Peking sank infolge dieser Kürzungen 2014 und 2015 um mehr als 25 Prozent, aber Ende 2016 und 2017 stieg sie wieder an. Eine Analyse von Greenpeace deckt den Grund dafür auf: Die Stahlproduktion stiegt 2016 trotz der vorangegangenen Reduzierung der Kapazitäten an. Grund war, dass die Zentralregierung die Nachfrage anregte und lokale Behörden ihre Fabriken schützten.

Der öffentliche Aufschrei wegen der Verschmutzung liefert der Zentralregierung politische Deckung für einige schmerzhafte Entscheidungen, die sie treffen muss – und zwar aus Gründen, die nichts mit der Umwelt zu tun haben. Der Kapazitätsüberhang in den Stahl-, Zement-, Glas- und Energiesektoren, der noch durch gefährlich hohe Schulden befeuert wird, gilt weithin als wirtschaftliche Zeitbombe. Die Führer des Landes wissen, dass sie diese entschärfen müssen.

Aber die Schwerindustrie „ist ein Sektor, an den man nicht so leicht rankommt“, weil er Jobs schafft und von mächtigen Staatskonzernen dominiert wird, sagt Ma Tianjie. Er ist der Chefredakteur von Chinadialogue, einer unabhängigen Webseite mit Sitz in London, die sich mit Umweltthematiken befasst. „Dieser Aufschrei der städtischen Mittelklasse wegen der Luftverschmutzung verleiht der Führung des Landes im Grunde eine Legitimation, um einige der schwierigen Reformen durchzusetzen, die sie verwirklichen wollten.“

BÜRGERWACHE

Das auffälligste Merkmal von Chinas Krieg gegen die Luftverschmutzung ist vermutlich, wie sehr die Regierung ihre sonstige Vorsicht hat fallen lassen und ein beispielloses Maß an Transparenz begrüßt. Die Verschmutzung ist ein Thema, zu dem es in China eine beharrliche öffentliche Debatte gibt.

Mit atemberaubender (aber typisch chinesischer) Geschwindigkeit hat die Regierung ein landesweites Überwachungsnetzwerk gebaut, welches die Konzentration von PM2.5 misst – die kleinen Feinstaubpartikel, die tief in den Körper eindringen und nicht nur Atemprobleme auslösen, sondern auch Herzinfarkte, Schlaganfälle und neurologische Krankheiten.

Noch überraschender ist, dass die Regierung die Daten dieser Überwachungsgeräte öffentlich gemacht hat. Dasselbe gilt für die Messungen außerhalb Tausender von Fabriken. Jeder in China mit einem Smartphone kann jetzt in Echtzeit die lokale Luftqualität überprüfen und nachsehen, ob eine bestimmte Fabrik die Emissionsgrenzen überschreitet. Verstöße kann man den lokalen Ordnungskräften direkt über Social Media melden. Das Informationslevel ist vergleichbar mit dem in den USA.

Diese Entwicklung kennzeichnet eine Veränderung in der Beziehung zwischen Chinas Bevölkerung und seiner Regierung, sagt Ma Jun vom Institut für Öffentliche und Umweltangelegenheiten. Das Institut hat eine App programmiert, welche auch auf die Daten der Regierung zugreift.

„Es gibt eine Chance, einen neuen Weg einzuschlagen, fast schon eine neue Regierungsform“, sagt er. „Das ist eine sehr seltene Gelegenheit.“

Die Regierung ist natürlich weiterhin autoritär. Die Führer in Peking bewerten die Leistungen jener in den Provinzen – eine Neuschreibung der Kriterien sorgt jedoch langsam für ein Umdenken, so Xie. Im alten System wurden die Lokalbehörden fast ausschließlich am wirtschaftlichen Erfolg ihrer Region bewertet. Nun bekommen auch Umweltbelange, insbesondere Luftsauberkeit, größeres Gewicht.

In einem Top-Down-System, in dem solche Beurteilungen politische Karrieren beeinflussen können, hat der Wandel die Aufmerksamkeit der Bürokraten auf sich gezogen. Bürgermeister, die die Ziele zur Luftqualität nicht einhalten konnten, können ins Ministerium für Umweltschutz bestellt und gewarnt werden, dass sie ihre Bemühungen verstärken müssen.

Manchmal sind die Ergebnisse eher kosmetischer Natur. Führungspersonen ordnen zum Beispiel die zeitweise Schließung von Fabriken vor wichtigen Veranstaltungen wie internationalen Gipfeltreffen an. Oder sie schließen im November und Dezember wochenlang Fabriken, damit die Stadt ihre jährliche Verschmutzungsgrenze nicht übersteigt. Solche Maßnahmen in letzter Minute „verdeutlichen die Notwendigkeit, umweltpolitische Überlegungen viel früher den Entscheidungsfindungsprozess einzubringen“, so Ma Tianjie von Chinadialogue.

BLUMEN FÜR TANGSHAN

Letztes Jahr, zum 40. Jahrestag des Erdbebens 1976, war Tangshan Gastgeber der Weltgartenbauausstellung. Es gab eine große Blumenschau auf dem Gelände einer ehemaligen Kohlemine. Das Thema war „Stadt und Natur, Phoenix Nirvana“ – eine Anspielung auf Tangshans Aufstieg aus Schutt und Asche und der aktuellen Bemühungen zur Luftsäuberung.

Nahe dem Stadtzentrum spricht ein Stahlarbeiter mit einer stylischen Brille und in Spitzen abstehenden Haaren anonym mit uns – aus Angst davor, seinen Arbeitgeber zu verärgern. Er beklagt, dass sein Gehalt in den letzten fünf Jahren um 20 Prozent gekürzt wurde. Er gibt daran sowohl der schrumpfenden Nachfrage an Stahl als auch den Auswirkungen der Umweltrichtlinien die Schuld. Aber er lebt trotzdem noch gern in Tangshan – es ist kein Nirwana, aber der Rhythmus des Lebens ist angenehm, das Meer ganz in der Nähe.

„Bis auf die Verschmutzung“, sagt er. „Im ganzen Jahr gibt es nur ein paar Mal blauen Himmel.“ Während der Gartenbauausstellung fuhren die Stahlwerke der Stadt ihre Produktion zurück, um die Emissionen zu verringern.

In Li Young Mins kleinem Laden ist die Luft schwer vom Rauch ihres Kohleofens. Wang ist auf dem Weg zu einem Treffen in der Schule ihres Sohns. Trotz der dreckigen Lastwagen, die den ganzen Tag vorbeifahren, dem Stahlwerk gleich nebenan und den großen Kohlebergen, die auf einem Gelände die Straße runter liegen, sagt Li, die in Tangshan aufgewachsen ist, dass sie keine große Verschmutzung bemerkt.

Trotzdem träumt sie von einem anderen Leben für ihren Sohn. Etwas Besseres als die Hitze und die schwere Arbeit, die sein Vater erduldet – ein Bürojob, auch wenn sie sich Sorgen macht, dass seine Noten vielleicht nicht gut genug sind. Vielleicht im Süden, sagt sie, wo die Winter wärmer sind, „mit mehr Bäumen und Blumen, Bergen und Flüssen.“

Die Reise für diesen Artikel wurden vom Pulitzer Center on Crisis Reporting finanziert.

Beth Gardiner auf Twitter folgen

Wei­ter­le­sen