Umwelt

6 Gründe, warum der US-Austritt aus dem Pariser Klimaabkommen den Fortschritt nicht aufhalten kann

Sinkende Preise für erneuerbare Energien und eine wachsende Nachhaltigkeitsbewegung haben trotz Donald Trumps Entscheidung die weltweite Lage verändert. Donnerstag, 9 November

Von Laura Parker, Craig Welch

Nach Monaten der Andeutungen hat Präsident Donald Trump am Donnerstag schließlich verkündet, dass die USA aus dem weltweiten Abkommen zur Reduzierung der Treibhausgase austreten. Er kündigte an, dass er auf eine Neuverhandlung hinarbeiten wolle, die gegenüber amerikanischen Arbeitnehmern „fairer“ wäre – obwohl das ursprüngliche Pariser Klimaabkommen freiwillig war.

Trumps Entscheidung könnte den Fortschritt des Klimaschutzes erheblich beeinträchtigen: Andere Länder könnten die Motivation verlieren, sich an ihre eigenen Verpflichtungen zu halten; die USA schränken ihre Möglichkeit ein, die Gespräche zu lenken; Arbeitsplätze und wirtschaftliche Mehreinnahmen durch die fortschreitende Energierevolution werden Ländern wie China überlassen.

Aber 18 Monate, nachdem 190 Länder in Paris übereingekommen sind, einen Temperaturanstieg von zwei Grad Celsius zu vermeiden, darf man eines nicht vergessen: Der Wechsel zu sauberer Energie ist bereits im Gange, wie eine Analyse aus Europa Anfang des Monats verdeutlichte. In den drei Ländern, in denen es am nötigsten ist, finden bereits dramatische Veränderungen statt – in den USA, China und Indien.

„Unsere Analyse zeigt, dass China und Indien ihre Ziele beträchtlich übererfüllen“, sagt Niklas Höhne. Der Klimaexperte aus den Niederlanden ist der Gründer des NewClimate Instituts, einer Forschungsorganisation. „Die positiven Effekte aus China und Indien überwiegen die negativen Effekte aus den USA bei Weitem.“

Es stimmt, dass die Welt mehr tun muss, und zwar noch schneller, und dass Trumps Handeln den Planeten in eine andere Richtung lenkt. Aber selbst mit dem Rücktritt der USA von ihrer Führungsrolle gibt es einige Kernpunkte, die man bedenken sollte:

1. WIND- UND SOLARENERGIE SIND BILLIGER ALS KOHLE

Solar- und Windenergie sind mittlerweile so wettbewerbsfähig, dass sie in vielen Ländern Kohle verdrängen. In den USA ist die Energieerzeugung durch Kohle in den letzten zehn Jahren um mehr als die Hälfte zurückgegangen. Solarenergie konnte im selben Zeitraum einen Anstieg von 5.000 Prozent verzeichnen – allein von 2015 auf 2016 verdoppelte sie sich. Trumps erste 100 Amtstage fielen mit dem besten Quartal für Windenergie in den letzten acht Jahren zusammen.

Global gesehen dominieren noch immer fossile Brennstoffe. Aber 2015 wurden in den USA zum ersten Mal mehr neue Anlagen für die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien gebaut als neue Kraftwerke, die auf Basis von Öl und Kohle laufen.

Es geht schneller voran, weil der Wandel jetzt auch von der Wirtschaft angetrieben wird, nicht nur von der Politik. Während Trump versprochen hat, den Bergarbeitern wieder Arbeit zu verschaffen, haben mehr als 250 Kohlekraftwerke – also die Hälfte der in den USA im Betrieb befindlichen – bereits Pläne, zu schließen oder auf sauberere Brennstoffe umzusteigen.

Laut Berechnungen wird die Stromerzeugung durch erneuerbare Energien und Erdgas vielleicht schon 2029 die Energieerzeugung mittels Kohle überholt haben. 

2. Die amerikanischen Konzerne sind mit an Bord

Einige der größten US-Unternehmen drängten Trump dazu, im Pariser Klimaabkommen zu bleiben, darunter auch das Chemieunternehmen Dupont und General Motors. Letzteres hat versprochen, bis 2050 100 Prozent der Energie, die es aus 350 Kraftwerken in 59 Ländern bezieht, aus erneuerbaren Energiequellen zu gewinnen.

Apple und Google sind zwei der mehrheitlichen technischen Firmen, die eine ganzseitige Anzeige in der „New York Times“ gekauft haben, um für diese Sache einzutreten. Aber die Stimmen, die wirklich zählen, sind die der Führer in der Industrie fossiler Brennstoffe. Sie können sich Trumps Gehör verschaffen. Viele von ihnen, darunter auch Cloud Peak – eines der größten Kohleunternehmen der USA – und Ölriesen wie ExxonMobile, Royal Dutch Shell, Chevron und BP drängen Trump dazu, weiter im Pariser Klimaabkommen zu bleiben.

„Worauf es wirklich ankommt, sind die großen, kohlebetriebenen Elektrounternehmen an der Front“, sagt David Victor. Er ist ein Professor für Internationale Beziehungen an der Universität von Kalifornien in San Diego und Autor des Buches „Global Warming Gridlock“. „Sie machen alle mit einem Programm zur schrittweisen Reduzierung der Kohlendioxidemissionen weiter. Mehr Erdgas, weniger Kohle, mehr erneuerbare Energien. So sieht das Investitionsmuster in der Industrie aus, weil der Investitionszyklus deutlich langfristiger ist als Winde, die sich in Washington mal so und mal so drehen.“

3. STAATEN UND STÄDTE ZEIGEN INITIATIVE

Derweil nehmen Staaten und Städte die Dinge nun selbst in die Hand. Nur Stunden nach Trumps Ankündigung, aus dem Pariser Klimaabkommen auszusteigen, haben New York, Kalifornien und Washington die Bildung einer US-Klimaallianz verkündet: Die Koalition will jene Staaten zusammenrufen, die sich eigenständig zur Einhaltung der Konditionen des Pariser Klimaabkommens verpflichten

Laut einer nationalen Konferenz der staatlichen Gesetzgeber haben sich bereits 29 Staaten dazu verpflichtet, einen gewissen Prozentsatz ihres Stroms aus erneuerbaren Energien zu beziehen. Von denen planen Massachusetts, New Hampshire, Minnesota und New York, ihre Emissionen bis 2050 um 80 Prozent zu reduzieren.

Kalifornien hat einige der ambitioniertesten Ziele: Es will in den nächsten 13 Jahren seinen Ausstoß von Treibhausgasen um 40 Prozent reduzieren. Der „Goldene Staat“ will eine Führungsrolle bei elektrisch betriebenen Fahrzeugen übernehmen. Der Staat fordert zu beträchtlichen Investitionen auf, um Gebäude energieeffizienter zu gestalten. Außerdem verbindet er seine Klimaziele mit Entscheidungen zur Nutzung von Landflächen und schafft so Anreize für lokale und regionale Unternehmen und Behörden, ihre Autonutzung zu reduzieren.

Mehr als zwei Dutzend Städte haben Maßnahmen ergriffen, die noch weiter reichen. Sie wollen in den kommenden Dekaden 100 Prozent ihres Stroms aus erneuerbaren Energien beziehen. Es handelt sich dabei auch nicht ausschließlich um demokratisch geprägte Städte, sondern auch um solche im Landesinneren. Im ganzen Land verbessern Städte ihre Wasseraufbereitungsanlagen, bauen Hochwasserschutzwände und schreiben Bauordnungen um, um sich auf rauere Wetterbedingungen und Hochwasser einzustellen.

„Was bei Landes- und Lokalregierungen passiert, geschieht eigentlich an zwei Fronten – Schadstoffreduktion und Adaption“, sagt John Holdren. Er war der oberste Wissenschaftsberater von Präsident Obama. „Beide Triebfedern sind absolut unentbehrlich.“

4. Nicht nur Demokraten und Baumkuschler machen mit

Neun der zehn Staaten, die große Mengen ihres Stroms aus Windenergie gewinnen – darunter Iowa, Kansas und beide Dakotas – sind solche, die eher Republikaner wählen. Immer oder fast immer an der Spitze: Die Republikaner-Hochburg Texas.

„Republikanische Staaten mögen Windenergie, weil sie so billig ist“, sagt Mark Jacobson, ein Professor an der Stanford Universität und Experte für saubere Energien.

Der Gouverneur des Kohlestaats Wyoming, Matt Mead, ist der ewige Pragmatiker. Er behauptet nicht, dass CO2 nicht schädlich sei. Er konzentriert sich auf die Zukunft. Da die Welt neue Richtlinien zur Reduzierung von Kohlendioxid akzeptiert, will er, dass Wyoming neue Möglichkeiten findet, Emissionen einzufangen und in sichere, vermarktbare Konsumgüter umzuwandeln. Er hofft, dass die Lebensdauer von Kohle dadurch verlängert wird.

Wyoming gehörte zu den ersten Staaten, welche in Forschung in sogenannte CO2-Abscheidung und -Speicherung investierten. Die Behörden hoffen, dass sich ein Standort in Rock Springs als Testfall für einen unterirdischen CO2-Speicher eignen könnte. Die Gesetzgeber geben auch Millionen von Dollar aus, um eine Testanlage in Gilette zu errichten. Sie hoffen, dass Wissenschaftler mit Emissionen experimentieren werden, die sie direkt aus einem Kohlekraftwerk abziehen. Sie sollen das CO2 neutralisieren und daraus alle möglichen Produkte herstellen, von Kohlenstofffasern bis zu Zahnpasta.

„Ich glaube, wir haben uns in dieser Diskussion verrannt“, sagt Mead. Als führender Energieexporteur „glaube ich, dass wir eine Verantwortung haben, [auch] in Forschung und Innovation führend zu sein.“

5. Der Einfluss der politischen Mitte verlagert sich von Washington nach Sacramento

Die 40 Millionen Einwohner Kaliforniens erzeugen ein Prozent der globalen Emissionen. Dieses Zentrum der Tech-Industrie ist die sechstgrößte Wirtschaft der Welt treibt Investitionen und Innovationen für alles Mögliche voran, angefangen bei Batterien bis zu Solarpaneelen. Damit drückt es auch die Preise für erneuerbare Energien. Der Staat ist aber auch eine Brutstätte für Ideen. Er hat Dutzende von Gesetzen und Regeln erlassen, die als Muster für andere Städte, Staaten oder gar Länder dienen. Und mit den geringen Arbeitslosenzahlen – aktuell weniger als fünf Prozent – kann Kalifornien auch behaupten, dass die Drosselung des Treibhausgasaustoßes die Wirtschaft auch nicht zerstört.

Was also passiert, wenn Kalifornien seine Muskeln spielen lässt? Zum einen ist eine Gesetzgebung, die es vor 13 Jahren verabschiedet hat, der Hauptgrund dafür, dass die Verbrauchswerte motorisierter Fahrzeuge sich landesweit verbessern. Nachdem der Staat 2002 zugestimmt hat, Regeln für den Ausstoß von Treibhausgasen für Autos und LKWs zu erlassen, übernahmen auch ein Dutzend anderer Staaten diese Regeln. Als Präsident Obama der Automobilindustrie aus der Klemme half, erkämpfte er sich weitere Zusagen zum Spritverbrauch und nationalisierte damit im Grunde Kaliforniens Ansatz. Später einigten sich Autounternehmen dann auf einen landesweiten Standard: Im Durchschnitt sollten Fahrzeuge bis 2025 4,3 Liter auf 100 Kilometer verbrauchen.

Dieser Einfluss könnte ein Hindernis für einige von Trumps politischen Leitlinien darstellen. Die Autoindustrie hat Trump und den Leiter der Umweltschutzbehörde Scott Pruitt gebeten, die Standards zum Verbrauch zu überarbeiten. Das Weiße Haus hat gesagt, dass es das tun würde. Aber kalifornische Behörden haben versprochen dagegenzuhalten. Und Autohersteller wollen keine zwei Regelwerke – eines für Kalifornien und eines für den Rest des Landes.

„Bis man das ausgearbeitet hat, wird es einen neuen Präsidenten geben“, sagt Victor, der Professor von der Universität von Kalifornien in San Diego. „Das Frage für die Industrie und Autohersteller, die neue Fahrzeuge planen, ist: Wollen Sie darauf wetten, dass die Änderungen unter Trump permanent sind? Das ist eine Wette, die die meisten Leute nicht eingehen wollen.“

6. BESSERE ZUKUNFTSAUSSICHTEN

Die sinkenden Preise für erneuerbare Energien haben die Zukunftsaussichten weltweit dramatisch verbessert. Noch vor zwei Jahren bestanden die zwei weltweiten Top-Verschmutzer neben den USA in Paris darauf, dass sie deutlich mehr Kohle bräuchten. Das galt besonders für Indien, wo Millionen von Menschen in ländlichen Dörfern noch immer ohne Strom leben.

Mittlerweile streben ganze Regionen im Land nach 100 Prozent erneuerbaren Energien. Indiens neue Pläne, um den zukünftigen Energiebedarf zu decken, umfassen nun deutlich weniger Kohlekraftwerke. Auch China schließt seine Kohleanlagen. Dort ist der Kohleverbrauch nun zum dritten Jahr in Folge gesunken. In beiden Ländern werden die Veränderungen laut Höhne bis 2030 wohl zu deutlich langsamerem Emissionswachstum beitragen, als in Paris noch vorausberechnet wurde. „Das ist wirklich eine Überraschung“, sagt Höhne.

7. ABER DIE USA MÜSSEN NOCH MEHR TUN

Der Fortschritt bei der Reduzierung der Schadstoffe ist jedoch keine Garantie für irgendwas. Viele Wissenschaftler räumen ein, dass die in Paris gesetzten Klimaziele nicht weit genug gehen, um die schlimmsten Konsequenzen zu verhindern. Und es ist noch immer nicht sicher, dass die Welt diese Ziele erfüllen wird. Dafür – so sagen viele – muss in den USA noch viel mehr viel schneller passieren.

Selbst wenn Trump Obamas Pläne allesamt beibehalten hätte, würden die USA ihr Ziel der Emissionsreduzierung um 26 bis 28 Prozent verpassen. Eigentlich wollten sie bis 2030 ihre Schadstoffe auf einen Wert von vor 2005 reduzieren. Obamas Strategie hatte immer darauf gebaut, dass die USA ihren Schadstoffausstoß in den kommenden Jahren noch stärker senken würden. Jetzt, da Trump diese Pläne aufzugeben scheint, werden die USA vermutlich weit von ihrem Ziel entfernt bleiben – und das trotz der Bemühungen von Staaten, Städten und Unternehmen.

„Als die Regierung unter Obama dieses Ziel setzte, war ganz klar, dass es knapp werden würde“, sagt Kate Larsen. Sie arbeitete unter Obama im Weißen Haus an der Klimapolitik und ist nun eine Leiterin der Wissenschaftsorganisation Rhodium Group. „Und das war mit der vollsten Unterstützung der Regierung.“

„Ich glaube, wir müssen ehrlich damit umgehen, wo wir jetzt sind und wo wir hinmüssen, ohne die Leute dabei zu entmutigen“, fährt sie fort. „Es gibt keine Frage, dass dies die Richtung ist, in die sich das Land und die Welt schlussendlich bewegen werden. Aber es wird schwer, den Boden gutzumachen, den wir mit dem Zurückdrehen so vieler Strategien verloren haben.“

Es gibt auch noch andere Bedenken. Während global gesehen Fortschritte bei der Stromerzeugung gemacht werden, ist die Reduzierung fossiler Brennstoffe im Transportbereich schwieriger. Schiffe, LKWs, Flugzeuge und Autos benötigen allesamt unterschiedliche Lösungen. Trump hat zudem angekündigt, Forschungen von Organisationen zu reduzieren, die mit Unternehmen auf der ganzen Welt zusammenarbeiten. Wenn das globale Zentrum der Kraftfahrzeuge keine Anstrengungen unternimmt, das Klima zu retten, dann könnten vielleicht auch andere Länder aufgeben.

Sich von der Weltbühne des Klimawandels zurückzuziehen, könnte auch bedeuten, dass neue Märkte, Industrien und die Führung in vielen Dingen von internationalem Handel bis zu Geopolitik China überlassen werden. Das könnte auf Arten und Weisen teuer werden, die die Trump-Regierung nicht erwartet hat.

„Die USA haben eine zentrale Rolle beim Entwurf [des Klimaabkommens] von Paris gespielt und es zu einem flexiblen System der Diplomatie gemacht. Paris wurde nicht entworfen, um Ländern vorzuschreiben, was sie tun sollen“, sagt Victor. „Wenn wir uns davon jetzt abwenden, dann wenden wir uns von einem System ab, das am besten auf Amerika zugeschnitten wurde.“

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