Umwelt

In 30 Jahren könnten unsere Korallenriffe verschwunden sein

Laut einer neuen Studie der Vereinten Nationen werden Korallenriffe, die zum Welterbe gehören, durch Hitzebelastung absterben, wenn die globale Erwärmung nicht gebremst wird.Friday, October 27, 2017

Von Laura Parker, Craig Welch
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Die Korallenriffe der Erde – vom Great Barrier Reef vor Australien bis zu den Seychellen vor Ostafrika – sind in großer Gefahr. Bis Mitte des Jahrhunderts könnten sie komplett abgestorben sein, wenn die CO2-Emissionen nicht ausreichend verringert würden, um die Erwärmung des Ozeans zu verlangsamen. Das geht aus einer neuen Studie der UNESCO hervor.

Für Millionen von Menschen könnte ein solches Korallensterben gravierende Folgen haben.

Der Rückgang der Korallenriffe wurde sorgfältig dokumentiert, Riff für Riff. Die neue Studie untersucht jedoch erstmals auf globaler Ebene die Empfindlichkeit der Korallenriffsysteme unserer Erde – und sie zeichnet ein besonders düsteres Bild der Zukunft. Von den 29 Riffgebieten, die zum Welterbe gehören, werden bis 2040 mindestens 25  zwei schwere Ausbleichungsereignisse pro Jahrzehnt erleben. Diese Frequenz wird „die meisten vorhandenen Korallen rapide abtöten und eine erfolgreiche Vermehrung verhindern, die nötig ist, damit sich die Korallen erholen“, schließt die UNESCO. In manchen Gebieten passiert das bereits.

„Es sind spektakuläre Orte, von denen ich viele selbst besucht habe. Den Schaden zu sehen, der da angerichtet wird, bricht einem einfach das Herz“, sagt Mark Eakin. Er ist ein Riffexperte der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) der USA und Hauptautor der neuen Studie. „Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem es unerlässlich ist, zu handeln. Es ist dringend.“

MASSENAUSBLEICHUNG

Bis 2100 werden die meisten Riffsysteme sterben, wenn der CO2-Ausstoß nicht verringert wird. Viele andere werden aber bereits noch früher verschwinden. „Die Erwärmung wird Prognosen zufolge die Überlebensfähigkeit der meisten Welterbe-Riffe innerhalb von einer bis drei Dekaden übersteigen“, so der Bericht.

Riffe, die oft als Regenwälder des Meeres bezeichnet werden, bedecken weniger als ein Prozent des Meeresbodens. Allerdings sind sie Lebensraum von mehr als einer Million Arten und einem Viertel der weltweiten Fischpopulation. Außerdem schützen sie Küstenlinien vor Erosion durch tropische Stürme und fungieren als Barriere für den Anstieg des Meeresspiegels.

„Es ist erschreckend, über die Konsequenzen des globalen und groß angelegten Riffsterbens nachzudenken“, sagt Ruth Gates. Sie ist die Leiterin des Hawaiianischen Instituts für Meeresbiologie in Kaneohe, Hawaii. „Die Verringerung der verfügbaren Nahrungsmittel, der Mangel an Küstenschutz, wenn die Riffe kollabieren, und die darauffolgende Erosion des Landes werden einige Orte unbewohnbar machen, sodass die Menschen wegziehen werden müssen. Ganz zu schweigen vom Zusammenbruch des Riff-Tourismus.“

In den letzten drei Jahren haben 25 Riffe – also drei Viertel der weltweiten Riffsysteme – schwere Ausbleichungsereignisse durchlebt. Wissenschaftler betrachten es als die bislang schlimmste Abfolge von Ausbleichungen. Besonders schwer hat es das Great Barrier Reef getroffen. Zu den anderen Riffen, die von schweren Ausbleichungsereignissen betroffen waren, zählen die Seychellen, Neukaledonien, ein 1.210 Kilometer langer Abschnitt vor der Ostküste Australiens und Hawaii und Florida in den USA.

„Die letzten Jahre waren extrem niederschmetternd für mich“, sagt Eakin von der NOAA. „Wir können den katastrophalen Schaden an vielen Riffsystemen auf der ganzen Welt sehen. Der Schaden am Great Barrier Reef ist größer als alles, das wir in den letzten 20 Jahren gesehen haben.“

Einige Menschen spüren die Auswirkungen bereits. Deren Ausmaße werden sich rasch verschlimmern, so Eakin und sein Co-Autor Scott F. Heron. Inseln wie Kiribati – eine Kette von 33 Korallenatollen im Pazifik –, die nur knapp über dem Meeresspiegel liegen, erleben bereits, wie Salzwasser in ihre Trinkwasserquellen spült. Höhere Fluten und bröckelnde Riffe verursachen mehr Sturmfluten. Schon bald wird sich der Verlust der Korallen, insbesondere in Kombination mit Überfischung, auf die Fischbestände auswirken. Weniger Fisch bedeutet auf lokaler Ebene auch einen Mangel an Proteinen.

„Das sind echte Probleme, die echte Menschen betreffen“, sagt Heron. „Ich habe diese Menschen getroffen. Sie waren bei mir zu Hause. Das passiert wirklich.“

Heron merkt außerdem an, dass trotz der vereinzelten Zweifel am Klimawandel selbst die unausgereiften Modelle von vor 20 Jahren jene Art von Riffschäden prognostiziert haben, die wir heute sehen können.

„Wenn das, was die Modelle vor 20 Jahren vorhergesagt haben, jetzt trotz all ihrer damaligen Probleme wahr zu werden beginnt, dann sollten wir an die Wissenschaft hinter den aktuellen Prognosen glauben“, so Heron. „Und diese Prognosen besagen, dass es sehr, sehr viele schwerwiegende Konsequenzen haben wird, wenn wir jetzt nicht handeln.“

ZEIT ZU HANDELN

Die meisten Welterbestätten werden lokal verwaltet, um Überfischung oder Verschmutzung durch landwirtschaftliche Abwässer zu kontrollieren. Mittlerweile sei die „allgegenwärtige globale Bedrohung“ aber so groß geworden, dass die lokalen Schutzmaßnahmen nicht mehr genügen, so Eakin und Heron. Sie hoffen, dass ihre neue, trostlose Einschätzung den Ländern der Welt dabei helfen wird, etwas zu begreifen: Wenn sie sich nicht mehr damit beeilen, die Treibhausgasemissionen zu verringern, werden diese besonderen Orte – und die Menschen, die auf sie angewiesen sind – deutlich eher als erwartet schwer darunter zu leiden haben.

„Wenn jemand Hilfe benötigt, dann würde der überwiegende Großteil von uns sein Möglichstes tun, um zu helfen – das ist eine menschliche Eigenschaft. Das ist es, was uns zu Menschen macht“, fügt Heron hinzu. „Dass die Menschen, die von diesen Veränderungen betroffen sind, nicht unbedingt Menschen sind, die uns im täglichen Leben begegnen, befreit uns nicht von der Verantwortung, ihnen zu helfen.“

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