Umwelt

Fünf Ideen für mehr Mobilität auf dem Land

Ein verlässlicher öffentlicher Nahverkehr? Fehlanzeige! Deshalb entstehen gerade in abgelegenen Regionen interessante Konzepte. Donnerstag, 9 November

Von Kathrin Fromm
Bilder Von Bayerische Oberlandbahn GmbH

Ein Zug, drei Ziele: Bayerische Oberlandbahn
Von München aus startet tagsüber jede Stunde ein Zug, der gleich drei Ziele anfährt. Nach und nach wird der Zug an Knotenpunkten geteilt und kommt so in Lenggries, Tegernsee und Bayrischzell an. Bei der Rückfahrt passiert das gleiche Spiel in umgekehrter Reihenfolge: drei Züge fahren los und fahren als einer im Münchner Hauptbahnhof wieder ein. Flügelsystem nennt sich das Konzept der Bayerischen Oberlandbahn mit dem Pendler und Reisende aus drei Regionen ohne Umstieg in die Großstadt unterwegs sind. Regionale Schienenprojekte als Ergänzung zum Fahrplan der Deutschen Bahn gibt es im ganzen Land, egal ob das die Ammertalbahn bei Tübingen ist, die City-Bahn Chemnitz oder die Usedomer Bäderbahn.  

Carsharing im kleinen Stil: Dorfauto Hübenthal
Ein Bus fährt nicht ab in Hübenthal, einem Ortsteil der hessischen Stadt Witzenhausen, aber seit zehn Jahren gibt es dort ein Carsharing-System im kleinen Stil: das Dorfauto. Zwei davon sind im Moment im Einsatz und dürfen von allen Bürgern mit Führerschein gefahren werden. Die Autos stehen auf dem Dorfparkplatz, die Schlüssel dafür hängen in einem Holzschuppen. Anfangs war das Projekt privat initiiert, inzwischen hat die Genossenschaft des dortigen Seminarhauses die Organisation übernommen. Lokales Carsharing gibt es auch in einigen Orten am Bodensee (Bodenseemobil), in der thüringischen Gemeinde Tonndorf (Teilauto Tonndorf) und im bayerischen Vaterstetten (Vaterstettener Auto-Teiler).

Rollende Kultur: Kreisfahrbibliothek
Leseratten haben es gut im brandenburgischen Elbe-Elster-Kreis: Zwei Bücherbusse der Kreisfahrbibliothek versorgen sie mit Nachschub. 145 Orten werden alle drei Wochen nach einem festen Tourplan angefahren. Manche Stopps dauern nur 20 Minuten, andere mehr als eine Stunde. Neben Büchern und anderen Medien haben die Busse Informationen zur Bildung und Freizeitgestaltung mit an Bord. Auch literarische Veranstaltungen sind Teil des Angebots. Lese- und Bücherbusse fahren auch durch andere Städte und Gemeinden (nicht nur in abgelegenen Regionen), allerdings sind einige der rollenden Bibliotheken in den vergangenen Jahren eingestellt worden. Daneben findet mobile Kultur auf dem Land in verschiedenster Form statt. So sind etwa in Baden-Württemberg und Niedersachsen mobile Kinos unterwegs, die Filmvorführungen in Scheunen und Vereinsheimen ermöglichen. Rund um Siegen macht die Mobile Musikschule samt Rockmobil-Bus mit Probenräumen bei Schulen und Familienzentren Station. Und vielerorts fahren Theaterbusse zu Vorstellungen in die nächstgelegene Großstadt.

Bus und E-Bike kombiniert:
Projekt STmobil

Eine besondere Flatrate gibt es für die Bürger der Gemeinden Recke, Mettingen und Westerkappeln beim Projekt STmobil im nordrhein-westfälischen Kreis Steinfurt. Mit dem Mobilabo können sie nicht nur den Schnellbus nutzen, um zur Arbeit nach Osnabrück zu pendeln, sondern mieten auch gleich noch ein Pedelec, also ein Elektrofahrrad. Die Idee: Mit dem Pedelec geht es zur Bushaltstelle, wo das Bike abgestellt wird. Am Zielpunkt Osnabrück warten an der Radstation Pedelecs für das letzte Stück ins Büro. Ebenfalls ein Kombi-Angebot für Bus und Rad gibt es im Rems-Murr-Kreis in Baden-Württemberg. Unter dem Motto Fahrrad2Go verkehren hier drei Linien, in deren Bussen jeweils bis zu zehn Räder kostenlos mitfahren können: fünf im Innenraum und fünf in einem Heckträger.

Ehrenamtliche Fahrer: Bürgerbus Weyhe
Seit mehr als 15 Jahren setzen sich in der niedersächsischen Gemeinde Weyhe ehrenamtliche Fahrer hinter das Steuer von Kleinbussen und fahren ihre Runden. Anfangs gab es nur eine Linie, seit 2009 zwei. Stündlich sind die Bürgerbusse unter der Woche unterwegs und ergänzen so den normalen Linienverkehr auf Nebenstraßen. Vor allem Senioren nutzen das Angebot. Ehrenamtliche Bürgerbusse gibt es in vielen Orten, teils auf festen Routen, teils als flexible Option, die sich meist durch einen Anruf buchen lässt. Dieses System der Rufbusse wird manchmal auch von Verkehrsunternehmen zusätzlich zum regulären Fahrplan angeboten.

Noch mehr Projekte hat der BUND Baden-Württemberg unter dem Titel
„Nachhaltig Mobil im ländlichen Raum“ recherchiert.

Die Mitfahrerbank im Eifelort Speicher wird in der Ausgabe 07/2017 von
National Geographic vorgestellt. Jetzt ein Magazin-Abo abschließen.

(In einer früheren Version hieß es, die Bayerische Oberlandbahn fährt jede halbe Stunde, das ist aber nur zu Stoßzeiten der Fall. Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen.)

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