Umwelt

Das grausame Erbe der Atomwaffen

Eine abgelegene Gegend in Kasachstan war einst der Schauplatz von fast einem Viertel der weltweiten Atomtests. Die Auswirkungen auf die Einwohner waren verheerend. Montag, 30 Oktober

Von Alexandra Genova
Bilder Von Phil Hatcher-Moore

Verfall und Verödung charakterisieren die Landschaft in einer entfernten Ecke der Kasachensteppe. Die unnatürlichen Seen, die durch die Atombombenexplosionen entstanden, zieren das einst flache Gelände, das sonst nur von Gebäuderesten durchbrochen wird. Die Gegend scheint unbewohnbar. Dennoch spuken – lebende und tote – Geister über das Land, noch immer gezeichnet von den Folgen des atomaren Testprogramms, das vor fast 30 Jahren beendet wurde.

Das Atomwaffentestgelände Semipalatinsk war der Schauplatz von fast einem Viertel der weltweiten Atomtests während des Kalten Krieges. Die Zone wurde ausgewählt, weil sie unbewohnt ist – aber diverse kleine Dörfer befinden sich in ihrem Umkreis. Obwohl einige Bewohner während der Testperiode mit Bussen fortgebracht wurden, blieben die meisten. Der Schaden, der sich bis in die Gegenwart zieht, sitzt tief. (Lesenswert: Hiroshima-Tourismus ist beliebter denn je)

Der Fotograf Phil Hatcher-Moore verbrachte zwei Monate damit, die Region zu dokumentieren.

Sein Projekt „Nuclear Ghosts“ verbindet die verwüstete Landschaft mit intimen Porträts der Dorfbewohner, die noch immer an den Folgen leiden.

Die Zahlen sind frappierend: Etwa 100.000 Menschen in der Gegend sind noch immer von der Strahlung betroffen, die über fünf Generationen weitervererbt werden kann. Mit seinen erschütternden Aufnahmen wollte Moore diese abstrakten Zahlen greifbar machen und ihnen ein Gesicht geben.

„Nukleare Kontamination ist nicht zwingend etwas, das man sehen kann“, sagt er. „Und wir können über die Zahlen sprechen, aber ich finde es interessanter, mich auf die Individuen zu konzentrieren, die die Geschichte auf den Punkt bringen.“

Moore interviewte all die Menschen auf den Fotos, bevor er seine Kamera zur Hand nahm. Er fand heraus, dass ihre Erfahrung zu großen Teilen von Desinformation und Verschwiegenheit geprägt war.

„[Während der 50er] wurde ein Typ samt Zelt mitgenommen und ihm wurde gesagt, dass er mit seiner Herde fünf Tage lang draußen in den Hügeln leben soll. Er war im Grunde ein Testsubjekt, um zu sehen, was passiert“, sagt Moore. „Man hat ihnen nie erzählt, was da passierte, und hat sie definitiv nicht über die Gefahr aufgeklärt, in der sie sich befinden könnten.“

Obwohl die Geschichten der Menschen das zentrale Thema waren, dokumentierte Moore auch die wissenschaftlichen Versuchslabore. Die Entgegenstellung dieser Labore und der Porträts der durch die Strahlung entstellten Menschen sorgt für ein unangenehmes Gefühl beim Ansehen der Bilder. Aber diese Nähe wurde bewusst gewählt.

„Hier wurden Menschen geschichtlich als lebende Testsubjekte benutzt“, sagt Moore. „Ich möchte diese Vorstellungen miteinander verbinden: die Art und Weise, wie Menschen damals von den Forschern benutzt wurden und wie sich das auf das tägliche Leben auswirkt – wie es aussieht, was es bedeutet.“

Einige der Menschen, die Moore abgelichtet hat, sind schlimm entstellt, während andere an weniger sichtbaren Problemen wie Krebs, Blutkrankheiten und posttraumatischen Belastungsstörungen leiden. Es ist die versteckte, heimtückische Natur dieser Gefahr, die vermutlich am besorgniserregendsten ist. „Es gab für einen längeren Zeitraum keine besonders großen atomaren Entwicklungsprogramme, aber jetzt ist es wieder ein sehr reales Problem“, sagt Moore. „Aber wir sprechen nicht darüber, was die Erneuerung dieser Waffen kostet. Diese Menschen sind das Vermächtnis und das Zeugnis dessen, was getan wurde, um dieses Ziel zu erreichen.“

Phil Hatcher-Moore auf Instagram und seiner Webseite folgen.

Mehr von Phil Hatcher-Moore auf seiner Website und Instagram.

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