Umwelt

Ältester Baum Europas entdeckt – und er hat einen Wachstumsschub

Eine Schlangenhaut-Kiefer im Süden Italiens steht seit über 1.000 Jahren in einem entlegenen Bereich im heutigen Nationalpark Pollino. Dienstag, 29 Mai

Von Sandrine Ceurstemont

Eine zerfurchte Kiefer, die im Süden Italiens wächst, ist 1.230 Jahre alt und damit der älteste wissenschaftlich datierte Baum Europas.

Noch dazu scheint der uralte Baum gar nicht daran zu denken, es auf seine alten Tage etwas langsamer angehen zu lassen, wie Wissenschaftler im Fachmagazin „Ecology“ berichteten. Untersuchungen haben ergeben, dass die Kiefer in den vergangenen Jahrzehnten einen Wachstumsschub hatte. Ihr Stamm gewann in dieser Zeit größere Ringe dazu, obwohl viele andere Bäume im Mittelmeerraum ein verringertes Wachstum aufwiesen.

Die Entdeckung zeigt, dass einige Bäume selbst dann mehrere Jahrhunderte alt werden können, wenn sie extreme Klimaveränderungen durchleben. Die alte Kiefer keimte beispielsweise während einer mittelalterlichen Kaltphase und durchlebte dann deutlich wärmere Zeiten und sogar Dürreperioden.

Eine Analyse des Wachstums über den Verlauf so vieler Jahre hinweg, in denen sich die Bedingungen verändert haben, hilft den Wissenschaftlern dabei, ein besseres Verständnis dafür zu entwickeln, wie Wälder auf den modernen Klimawandel reagieren könnten, sagt das Studienteam.

„Die Studie von mehrere hundert Jahre alten Bäumen ist besonders wertvoll, um künftige Auswirkungen des Klimawandels auf Waldökosysteme vorherzusagen“, sagt Maxime Cailleret von der schweizerischen Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft. Die Wissenschaftlerin untersucht die Sterblichkeit von Bäumen.

ZU STAUB ZERFALLEN

Gianluca Piovesan von der italienischen Universität Tuscia und seine Kollegen entdeckten die alte Schlangenhaut-Kiefer an einem steilen Felshang in den Bergen des Nationalparks Pollino. Der Baum sah zwar sehr alt aus, aber das Team erkannte bald, dass sich die genaue Altersbestimmung schwierig gestalten würde. Das Zentrum des Baumstamms, das aus den ältesten Ringen bestanden hätte, fehlte nämlich.

„Der Innere Teil des Baums war wie Staub – so was hatten wir noch nie gesehen“, sagt das Teammitglied Alfredo Di Filippo. „Es fehlten mindestens 20 Zentimeter an Holz, die viele Jahre enthalten hätten.“

Die Wurzeln des Baumes waren in besserer Verfassung, also beschloss das Team zu versuchen, sein Alter mithilfe einer neuen Methode zu bestimmen, die verschiedene bestehende Techniken miteinander kombiniert.

Sowohl der Stamm als auch die Wurzeln eines Baumes bilden Jahresringe aus, die sich allerdings unterschiedlich schnell entwickeln können. Über die Radiokarbonmethode konnten die Forscher anhand von Proben der freiliegenden Wurzeln jedoch bestimmen, wann der Baum gekeimt ist. Danach konnte das Team das Ringwachstum in den Wurzeln und dem Stamm korrelieren und so feststellen, wie viele Jahre im Stamm fehlten.

„Indem wir diese zwei Methoden kombinierten, konnten wir den Zeitrahmen deutlich präziser festlegen“, sagt Piovesan.

Das Alter des Baumes sei beeindruckend, wenn man die hohe Populationsdichte bedenkt, die im Laufe der vergangenen Jahrtausende in dieser Region entstand, sagt Oliver Konter. Der Wissenschaftler von der Universität Mainz hat im Norden Griechenlands eine 1.075 Jahre alte Kiefer entdeckt, die zuvor als ältester bekannter Baum Europas galt.

Waldgebiete wurden von Menschen umfassend als Rohstoffquelle verwertet, als die Landschaft sich im Zuge der landwirtschaftlichen Entwicklung veränderte und Städte entstanden. Abgelegene Bereiche wie die Heimat der alten Kiefern blieben allerdings oft verschont, da die raue Landschaft nur schwer zugänglich war. Obwohl es in dem Nationalpark Tausende Schlangenhaut-Kiefern gibt, sind die meisten von ihnen „nur“ zwischen 500 und 600 Jahre alt. Das Team entdeckte allerdings noch drei weitere Exemplare, die wahrscheinlich über 1.000 Jahre alt sind.

DIE UNSTERBLICHEN

Das Team erwähnt auch, dass die relativ aktuelle globale Erwärmung bislang keinen Rückschlag für die alten Bäume darstellte. Obwohl Teile der sommergrünen Wälder in der Region durch Trockenheit und Hitzewellen abgestorben sind, entdeckten Piovesan und seine Kollegen, dass die alte Kiefer gedeiht. Ihre Analyse der Baumringe ergab, dass in den letzten zwei Dekaden wieder größere Ringe gewachsen sind, nachdem über ein paar Jahrhunderte hinweg eher kleinere Ringe entstanden – ein Hinweis auf verbesserte Umweltbedingungen.

Die Gründe für dieses Wachstum sind wahrscheinlich komplex. Teils haben die hohen Berge ihr eigenes Mikroklima, in dem die Temperaturen niedriger bleiben. Piovesan und sein Team glauben auch, dass die abnehmende Umweltverschmutzung durch aktuelle europäische Gesetzgebung und Renaturierungsprojekte eine Rolle spielen.

„Es ist schwierig, weil es nur ein paar Studien über die Auswirkungen von Warmphasen auf mediterrane Waldökosysteme gibt“, sagt Piovesan.

Zudem könnte auch ihre einzigartige Biologie der alten Kiefer beim Überleben helfen. Anders als bei Tieren sind bei Bäumen keine genetischen Alterungsprozesse vorprogrammiert, sodass sie rein theoretisch unsterblich sind.

Mammutbäume und Riesenmammutbäume, die ungestört in Schutzgebieten in den USA wachsen, können beispielsweise mehrere tausend Jahre alt sein. Langsam wachsende Koniferen leben vermutlich am längsten, weil sie über längere Zeit hinweg kleiner bleiben und damit weniger anfällig für die Folgen von Dürre und Stürmen sind.

„Alte Bäume sterben letztendlich aufgrund äußerer Störfaktoren wie starke Winde“, sagt Di Filippo.

Außerdem können alte Bäume auch noch als lebendig gelten, wenn tatsächlich nur noch Teile von ihnen am Leben sind. Die Krone der uralten Schlangenhaut-Kiefer ist beispielsweise größtenteils abgestorben, dennoch könnte sie in diesem Zustand potenziell noch Jahrhunderte überdauern.

 

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