Umwelt

Plastik

Wir haben es erfunden. Wir brauchen es. Wir ertrinken darin.Mittwoch, 30. Mai 2018

Von Laura Parker
Bilder Von Randy Olson
Leben und arbeiten im Müll: Unter einer Brücke in Bangladesch entfernt eine Familie Etiketten von Plastikflaschen. Danach verkauft sie die Flaschen, sorgsam sortiert nach Weiß und Grün, an Schrotthändler. Müllsucher verdienen hier etwa 80 Euro im Monat.

Niemand weiß genau, wie viel Plastikabfall in den Meeren landet, dem Endlager für den Müll der Menschheit. Jenna Jambeck, Professorin für Umwelttechnik an der University of Georgia, sorgte 2015 mit einer groben Schätzung für weltweites Aufsehen: zwischen 4,8 und 12,7 Millionen Tonnen sind es jährlich allein aus Küstenregionen. Es ist nicht klar, wie lange es dauern wird, bis sich das Plastik vollständig in einzelne Moleküle zerlegt. Die Schätzungen reichen von 450 Jahren bis unendlich. So lange tötet Plastikmüll jedes Jahr Millionen von Meereslebewesen. 700 Spezies, darunter auch gefährdete Arten, sind davon betroffen. Auf einem Gipfeltreffen in Nairobi im Dezember vergangenen Jahres sprach der Direktor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen angesichts der drohenden Katastrophe von einem „Ozean-Armageddon“.

Doch gibt es einen entscheidenden Unterschied zum Klimawandel: Niemand bestreitet die Existenz des Meeresmülls. Und um etwas dagegen zu tun, müssen wir auch nicht das gesamte Energiesystem unseres Planeten umstellen. „Es ist kein Problem, dessen Lösung wir nicht kennen“, sagt Ted Siegler, Ressourcenökonom aus Vermont, der seit mehr als 25 Jahren mit Entwicklungsländern am Müllproblem arbeitet. „Wir wissen, wie wir Müll sammeln. Jeder kann das. Wir wissen, wie wir ihn entsorgen. Wir wissen, wie wir recyceln.“ Jetzt gehe es darum, die notwendigen Institutionen und Systeme aufzubauen – idealerweise, bevor sich die Ozeane unumkehrbar in eine Plastikbrühe verwandelt haben.

Tristes Grau herrscht an diesem typisch englischen Herbsttag in Plymouth. Richard Thompson, 54, wartet im gelben Regenmantel vor der Coxside Marine Station der Plymouth University. Der Meeresbiologe nahm 1993 auf der Isle of Man an seiner ersten Strandsäuberung teil. Während andere Freiwillige Flaschen, Tüten und Netze aus Plastik einsammelten, konzentrierte sich Thompson auf die winzigen Partikel, die an der Flutlinie im Sand lagen. War das überhaupt Plastik, was er da in den Händen hielt? Eine Laboranalyse verschaffte ihm Gewissheit.

Bunte Plastikflaschen verstopfen den Cibeles-Brunnen in Madrid. Das Künstlerkollektiv Luzinterruptus füllte im vergangenen Herbst diesen und zwei andere Brunnen der spanischen Hauptstadt mit 60000 Plastikflaschen, um auf die Umweltverschmutzung durch Einwegplastik aufmerksam zu machen.

Wissenschaftler rätselten zu der Zeit, warum sie nicht mehr Plastik im Meer fanden. Die globale Produktion hatte sich stetig erhöht – von 2,1 Millionen Tonnen im Jahr 1950 auf 147 Millionen Tonnen 1993, inzwischen ist sie auf 407 Millionen Tonnen im Jahr 2015 gestiegen. Doch die Menge an Plastik, die im Meer schwamm und an die Strände gespült wurde, schien nicht so schnell zu wachsen. „Das führte zu der Frage: Wo ist das Zeug geblieben?“, sagt Thompson. Seit seiner ersten Strandsäuberung arbeitet er an der Antwort: Das verschwundene Plastik wird in kleinste Teilchen fragmentiert, die nur schwer zu erkennen sind. 2004 prägte Thompson dafür den Begriff Mikroplastik.

Inzwischen wurde Mikroplastik wurde schon überall im Meer gefunden – von Sedimenten auf dem tiefsten Meeresgrund bis zu Eisschollen in der Arktis. Letztere könnten, wenn sie schmelzen, laut einer Schätzung mehr als eine Billion Plastikpartikel im Wasser freisetzen. Der Sand an einigen Stränden von Big Island auf Hawaii besteht schon jetzt zu 15 Prozent aus Mikroplastikkörnern. Richard Thompson beunruhigen aber eher Dinge, die keiner von uns sehen kann – jene Chemikalien, die Plastik zugesetzt werden, um ihm die gewünschten Eigenschaften zu verleihen, und die noch winzigeren Nanopartikel, zu denen Mikroplastikteilchen vermutlich abgebaut werden.

„Wir wissen, dass die Konzentration von Chemikalien zum Zeitpunkt der Herstellung in manchen Fällen sehr hoch ist“, sagt Thompson. „Aber wir wissen nicht, wie viele Zusätze noch im Plastik vorhanden sind, wenn es die für Fische mundgerechte Größe hat.“ Sie könnten in das Gewebe von Fischen und danach Menschen aufgenommen werden. Und das würde wohl auch unser Verhältnis zu Plastik verändern.

Seepferdchen halten sich normalerweise an Seegras oder Schwemmgut fest, wenn sie sich mit der Strömung treiben lassen wollen. Dieses Exemplar vor der indonesischen Insel Sumbawa klammert sich an ein Wattestäbchen. "Ich wünschte, dieses Bild gäbe es nicht", sagt der Fotograf Justin Hofman.

Wie sind wir an diesen Punkt gekommen? Wann hat sich die dunkle Seite des Plastikwunders erstmals gezeigt? Denn Kunststoffe als Frischhaltefolie verlängern ja die Haltbarkeit von Lebensmitteln. Airbags, Brutkästen, Herzschrittmacher, Helme oder Plastikflaschen, die Menschen in armen Ländern mit sauberem Trinkwasser versorgen können, retten täglich Leben.

Richtig Fahrt nahm die Kunststoffproduktion erst Anfang des 20. Jahrhunderts auf, als man begann, Plastik aus dem Rohstoff herzustellen, der uns reichlich billige Energie schenkte: Erdöl. Die Produktion war so preiswert, dass wir anfingen, Dinge herzustellen, die wir gar nicht lange behalten wollten. Der Verbrauch ist so rasant gewachsen, dass praktisch die Hälfte des jemals hergestellten Plastiks in den letzten 15 Jahren entstand.

In Deutschland lag der Pro-Kopf-Anteil an Plastikverpackungsmüll nach einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln im Jahr 2015 mit 37,4 Kilo mehr als sechs Kilo über dem EU-Durchschnitt. Fast die Hälfte davon wird recycelt, allerdings fällt in diese Statistik auch die „energetische Verwertung“, also das Verbrennen von Plastikmüll.

Die Entsorgung ist das große Problem: Die Abfallwirtschaft kann die Plastikmassen nicht mehr bewältigen. Doch statt weniger Kunststoff zu produzieren, wurde der Plastikkonsum in den vergangenen Jahren weiter angetrieben, hauptsächlich von den wachsenden Volkswirtschaften Asiens, wo Müllsammelsysteme entweder unterentwickelt oder gar nicht vorhanden sind. Laut Jambeck waren 2010 lediglich fünf asiatische Länder für die Hälfte des weltweit nicht verarbeiteten Plastikmülls verantwortlich: China, Indonesien, Vietnam, Sri Lanka und die Philippinen.

In Bangladeschs Hauptstadt Dhaka breitet Noorjahan und ihr Sohn Momo Plastikfolien zum Trocknen aus, die vorher im Fluß Buriganga gewaschen wurden Gereinigt und getrocknet wird der Kunststoff an ein Unternehmen verkauft, das ihn wieder aufbereitet. Weniger als ein Fünftel des weltweiten Plastikmülls wird recycelt.

Der Pasig floss früher majestätisch durch Manila, die Hauptstadt der Philippinen, und die Menschen waren stolz auf ihren bedeutsamen Wasserweg. Heute zählt er zu den zehn Flüssen der Welt, die den meisten Plastikmüll ins Meer transportieren. 65 300 Tonnen strömen jährlich flussabwärts, hauptsächlich zur Monsunzeit. 1990 wurde der Fluss für biologisch tot erklärt.

Um einen kleinen Teil des Problems kümmert sich Manilas inoffizielle Recyclingindustrie, die aus Tausenden Müllsuchern besteht. Armando Siena, 34, ist einer von ihnen. Jeden Tag fährt Siena mit seinem klapprigen Fahrrad durch die Straßen und sucht nach wiederverwertbarem Müll. Zu den kostbarsten Fundstücken gehören Suppenbehälter aus Plastik: Für ein Kilo bekommt er 20 Pesos (38 Cent). Siena verkauft seinen sortierten Müll an einen Trödelladen, der seinem Onkel gehört. Der transportiert den Abfall zu Recyclinganlagen in den Außenbezirken Manilas. Müllsucher wie Siena seien Teil der Lösung, argumentieren manche Aktivisten. Sie müssten nur ordentlich bezahlt werden.

Ted Siegler, Ökonom aus Vermont, sieht solche Konzepte eher kritisch. Er hat in genügend Ländern gearbeitet und genügend Statistiken gewälzt, um zu wissen: „Plastik ist nicht so viel wert, dass das funktionieren könnte. Es ist billiger, ein gutes Abfallwirtschaftssystem zu finanzieren, als Plastiksammler zu subventionieren.“

Eine Plastiktüte wird im Durchschnitt 15 Minuten gebraucht, bevor sie im Müll landet.

Die Aufmerksamkeit für das Thema ist glücklicherweise zuletzt stark gestiegen. So schloss sich Kenia einer wachsenden Gruppe von Staaten an, die Plastiktüten verbieten und Verstöße mit Geld­ und Gefängnisstrafen ahnden. Frankreich will ab 2020 Plastikteller und ­tassen verbieten. In einigen Ländern wie den USA, Kanada, Großbritannien, Schweden Irland, Taiwan und Neuseeland treten dieses Jahr Verbote von Mikroperlen in Kosmetik in Kraft. In Deutschland existiert nur eine freiwillige Selbstverpflichtung von Kosmetikherstellern, auf Mikroplastik zu verzichten.

Auf die veränderte öffentliche Haltung zu Kunststoffen reagieren auch große Unternehmen. Die Coca­Cola Company verkündete, bis 2030 „den Gegenwert von 100 Prozent“ seiner Verpackungen „sammeln und recyceln“ zu wollen. Wie andere Konzerne, darunter PepsiCo, Amcor und Unilever, hat sich das Unternehmen verpflichtet, seine Produktion bis 2025 auf wiederverwendbare, recycelbare oder kompostierbare Verpackungen umzustellen.

Nestlé Waters produziert elf Prozent des weltweit in Flaschen abgefüllten Wassers. Das Unternehmen sagt, es habe den Plastikanteil in seinen Halbliterflaschen seit 1994 um 62 Prozent gesenkt.

Außerdem könnte die Industrie in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlerinnen wie Jambeck Kunststoffe und Plastikprodukte entwickeln, die entweder biologisch abbaubar oder leichter zu recyceln sind. Neue Materialien, mehr Recycling und schlicht und einfach das Vermeiden von unnötigem Gebrauch sind die langfristigen Lösungen des Plastikmüllproblems. Doch der schnellste Weg, um wirklich etwas zu bewegen, so Ted Siegler, sei ganz einfach: mehr Müllwagen und mehr Deponien.

„Jeder will eine sexy Antwort“, sagt er. „In Wahrheit müssen wir den Abfall schlicht sammeln. In vielen Ländern bekommt man ihn nicht mal von der Straße weg. Wir brauchen Müllwagen, und wir müssen durchsetzen, dass dieser Abfall gesammelt und deponiert, recycelt oder verbrannt wird, damit er nicht am Ende überall landet.“

 

Dieser Artikel wurde gekürzt und bearbeitet. Den ganzen Artikel finden Sie auch in Ausgabe 6/2018 des National Geographic Magazins. Jetzt ein Magazin-Abo abschließen!

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