Beutel mit Botschaft

Beim Waschen gelangt Mikroplastik ins Wasser. Ein neues Säckchen soll das verhindern. Und noch viel mehr.

Donnerstag, 3. Januar 2019,
Von Kathrin Fromm
Guppy friend
Besser waschen mit dem „Guppy­ friend“: Alexan­der Nolte, 44 (l.), und Oliver Spies, 47, zeigen ihre Erfindung.
Bild STOP! Micro Waste gUG

Wie kann man auf ein großes Problem aufmerksam machen, wenn es kaum sichtbar ist? Vor dieser Frage standen Alexander Nolte und Oliver Spies, als sie vor vier Jahren begannen sich mit Mikroplastik im Wasser zu beschäftigen. Heute sitzen sie in ihrem Büro in Prenzlauer Berg und legen ihre Antwort auf den Tisch: den Waschbeutel „Guppyfriend“. 50 mal 74 Zentimeter groß ist der Fischfreund und aus so feinem Gewebe, dass sich damit Mikrofaserpartikel zurückhalten lassen, die Filter in Waschmaschinen und Kläranlagen nicht zu fassen kriegen. „So sieht das aus“, sagt Nolte und zeigt ein Sieb, auf dem einige Flocken einer weichen, grauen Masse liegen. Der „Guppyfriend“ sorgt außerdem dafür, dass 80 Prozent weniger Fasern von der Kleidung abbrechen und erst gar nicht ins Wasser gelangen. Aber eigentlich geht es den beiden Berlinern um mehr: „Der Beutel soll jedes Mal zum Nachdenken anregen“, sagt Spies.

Etwa 35 Prozent des Mikroplastiks in den Ozeanen kommt vom Waschen synthetischer Textilien, hat die Weltnaturschutzunion ermittelt. In einer Stadt mit 100000 Einwohnern, so eine Berechnung der University of California in Santa Barbara, entspricht die tägliche Umweltverschmutzung durch Waschen 15000 ins Meer geworfenen Plastiktüten. Inzwischen findet sich Mikroplastik schon in vielen Fischarten und selbst in Plankton.

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Die Geschichte von Guppyfriend

Oliver Spies beschäftigt sich mit nachhaltigem Stoff, seit er nach einem Motorradunfall überlegte, was er Sinnvolles tun könnte. 1993 fängt der Produktdesigner an, Kleidung aus Bio-Baumwolle zu machen. Zusammen mit Alexander Nolte, der damals noch eine Innovationsberatung leitete, gründet er später „Langbrett“. Für Surfer, Skater und andere Outdoor-Freunde stellen sie Kleidung und Schuhe aus natürlichen und recycelten Materialien her und vertreiben auch andere Marken, die sich für den Umweltschutz stark machen. Bei Sportklamotten sind Alternativen zu Kunstfasern noch selten. Die meisten Fußballhosen und Laufshirts bestehen aus synthetischen Stoffen. Nolte und Spies entwickeln die Idee für den Waschbeutel. Sie nähen Prototypen, testen in der eigenen Waschmaschine, tüfteln am perfekten Material, tauschen Erfahrungen mit dem Fraunhofer-Institut und dem Deutschen Textilforschungszentrum aus. Vor zwei Jahren starten sie eine Crowdfunding-Aktion, die 668 Unterstützer findet. Inzwischen gibt es den „Guppyfriend“ für 30 Euro.

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Eine Firma in der Schweiz übernimmt die Produktion. Die Herstellung ist aufwendig. Die 62.500 Fäden aus Polyamid müssen von Hand in eine Hightech-Webmaschine eingefädelt werden. Das allein dauert sechs Wochen. Deshalb lohnt es sich nur, wenn gleich eine größere Menge hergestellt wird. Dass auch der Waschbeutel aus synthetischen Fasern ist, sei nicht weiter schlimm. „Das ist alles ein Material, unbehandelt und sortenrein. Wenn man den Reißverschluss entfernt, lässt sich das komplett recyceln“, erklärt Nolte. Auch die Entsorgung der grauen Masse, die in den Ecken zurückbleibt, sehen die beiden pragmatisch: einfach in den Restmüll damit. Hauptsache: nicht ins Wasser.

Noch wichtiger sei es, dass sich mehr Menschen mit der Problematik beschäftigen und ihr Verhalten ändern. Deshalb starten Nolte und Spies die gemeinnützige Organisation „Stop! Micro Waste“. Der Name klebt am Schaufenster ihres Büros. Dort bieten sie auch Workshops für Schulklassen und Firmen an. Die Teilnehmer diskutieren über Alternativen zu Plastik, analysieren unterm Mikroskop Fasern – und sollen hinterher ihr Wissen an Mitschüler und Kollegen weitergeben.

Diese Geschichte stammt aus Heft 1/2019 des National Geographic-Magazins. Jetzt ein Abo abschließen!

 

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