Klima-Jahr der Extreme: „Wir brauchen einfach mehr Hände“

Trotz der deutlichen Auswirkungen des Klimawandels bewahren zwei Expertinnen ihre Hoffnung.

Von Robert Kunzig
Veröffentlicht am 29. Dez. 2021, 09:01 MEZ
Von 2019 bis 2021 fielen Heuschreckenschwärme in Ostafrika ein und zerstörten ganze Ernten in einer Region, ...

Von 2019 bis 2021 fielen Heuschreckenschwärme in Ostafrika ein und zerstörten ganze Ernten in einer Region, in der Millionen Menschen vom Hungertod bedroht sind. Auslöser der Heuschreckenplagen waren außergewöhnlich starke Zyklone gewesen, die sintflutartige Regenfälle mit sich brachten – perfekte Bedingungen für die Insekten. Die Wirbelstürme ließen sich ihrerseits auch auf die ungewöhnlich warmen Gewässer vor der ostafrikanischen Küste zurückführen – eine Folge der Klimaerwärmung. „Wir können davon ausgehen, dass es am Horn von Afrika weiter Ausbrüche und großflächige Schwärme geben wird“, sagt Keith Cressman, Experte für Wüstenheuschrecken bei der UN-Landwirtschaftsorganisation FAO.

Foto von David Chancellor

2021 schnellten die Emissionen wieder in die Höhe, und die öffentliche Debatte um den Klimawandel heizte sich auf. Nach einem Sommer voller Extremwetterereignisse ergab eine Umfrage im September, dass erstmals eine Mehrheit der US-Amerikaner glaubt, bereits heute unter den Folgen der Klimaerwärmung zu leiden.

Markiert das Jahr 2021 also endgültig einen Wendepunkt in der öffentlichen Meinung über das Klima? Darüber diskutiere ich mit NATIONAL-GEOGRAPHIC-Reporterin Alejandra Borunda, Katharine Hayhoe und Katharine Wilkinson. Hayhoe ist Klimaforscherin an der Texas Tech University und wissenschaftliche Leiterin der Naturschutzorganisation „The Nature Conservancy“. Katharine Wilkinson ist Autorin und Klimaaktivistin.

KUNZIG: Alejandra, hat das Wetter 2021 für neues Entsetzen gesorgt?

BORUNDA: Es setzte nur den Trend zu immer mehr Extremen fort. Hier in Kalifornien zeichnete sich 2021 schon recht früh ab, dass es ein sehr trockenes und vermutlich auch sehr heißes Jahr werden würde. Bäche fielen trocken, Babylachse starben und Brunnen versiegten. Dann kam die Wärme und bescherte dem pazifischen Nordwesten beispiellose Hitzewellen. Natürlich brachen auch Feuer aus – ein weiteres Phänomen, an das wir uns allzu sehr gewöhnt haben. Doch nicht nur an der Westküste der USA, sondern überall auf der Welt geschehen Dinge wie die verheerenden Überschwemmungen in Europa und China, die viele Hundert Menschenleben forderten.

HAYHOE: Wir Wissenschaftler können mittlerweile beziffern, wie stark der Klimawandel bestimmte Ereignisse verschlimmert. Die Werte sind entsetzlich. Laut einer Attributionsstudie hat der Klimawandel das tödliche Hochwasser in Deutschland neunmal wahrscheinlicher gemacht. Die Waldbrände und irrsinnigen Hitzewellen im Westen der USA waren sogar um über 150-mal wahrscheinlicher geworden. Meiner Ansicht nach sollte nicht mehr von global warming, sondern von global weirding die Rede sein – es gibt mehr „globales Durcheinander“.

KUNZIG: Katharine Wilkinson, in der Vergangenheit haben Sie vom „großen Erwachen“ der öffentlichen Meinung gesprochen. Findet das gerade statt?

WILKINSON: Es gibt tatsächlich eine Parallele zwischen der zunehmenden Intensität von Extremwetterereignissen und dem Engagement der Öffentlichkeit. Ich habe den Eindruck, dass immer mehr Menschen sich fragen: Was kann ich tun? Einen Großteil meiner Arbeit verbringe ich damit, den Menschen zu helfen, sich an diesem tiefgreifenden Wandel zu beteiligen.

Die Regenzeit fiel in Äthiopien 2021 enttäuschend aus. Wieder einmal. Seit mehreren Jahren leidet das Land unter einer verheerenden Dürre. Als diese Kamelhirten Gerüchte von Regenfällen nahe der somalischen Grenze hörten, wanderten sie zwölf Tage lang dorthin, um nach Weideland zu suchen. Erfolglos. Nach zwölf weiteren Tagen waren sie wieder zurück und schöpften an diesem Brunnen unweit ihres Heimatdorfes Wasser für ihre Tiere. Ein wesentlicher Grund für die gravierende Ernährungsunsicherheit, unter der etwa 13 Millionen Äthiopier – über ein Zehntel der Bevölkerung – leiden, ist der Bürgerkrieg. Aber auch die Klimaerwärmung trägt dazu bei: Ostafrika wird immer häufiger von schweren Dürren heimgesucht.

KUNZIG: Sie haben in diesem Zusammenhang einmal einen Satz geschrieben, der mich sehr beeindruckt hat: „Es ist wunderbar, in einer so bedeutsamen Zeit zu leben.“ Ich frage mich oft, ob wir Journalisten diese Begeisterung vermitteln. Machen Sie sich Gedanken über so etwas, Katharine Hayhoe?

HAYHOE: Der Klimawandel überhäuft uns mit unheilvollen Geschichten, die nur sehr wenig mit unserem Leben zu tun haben. Wir distanzieren uns. Wir denken: „Ich kann sowieso nichts tun, um die Eisbären zu retten.“ Doch in Wirklichkeit brauchen wir Geschichten über Klimafolgen, die uns unmittelbar betreffen – ebenso wie Geschichten über all die Lösungsmöglichkeiten. Aber nicht nur die Medien, sondern wir alle sind gefragt. Dass es keine Sklaverei mehr gibt, dass Frauen wählen dürfen, liegt darin, dass gewöhnliche Menschen beschlossen haben, die Welt müsse sich ändern. Wir müssen jeden Einzelnen von uns mobilisieren.

KUNZIG: Was hat Sie in letzter Zeit begeistert?

BORUNDA: Ich habe über Schatten in Los Angeles berichtet. In einigen Stadtbezirken gibt es Unmengen von Bäumen, in anderen dagegen nur sehr wenige. Gemeinsam mit Anwohnern habe ich Lösungen gesucht: Junge Menschen haben Bäume in ihrem Viertel gepflanzt und gespürt: Hier tue ich etwas, an einem Ort, der mir etwas bedeutet, und für Menschen, die mir wichtig sind.

HAYHOE: Letztes Jahr fand während der Pandemie eine Wissenschaftsmesse statt. Ein Team von Sechstklässlern aus meinem Wohnort in Texas gewann einen landesweiten Wettbewerb mit einem Projekt darüber, wie sich Kohlenstoff in den Boden zurückbringen lässt. Es entwickelte eine Informationsoffensive und sprach mit Bauern vor Ort über bodenschonende Landwirtschaft. Wenn Sechstklässler etwas bewegen und zeigen, wie Landwirte zu Klimahelden werden können – kann das nicht auch jeder andere? Und dann sehe ich mir den großen Maßstab an: 90 Prozent der im Corona-Jahr 2020 weltweit neu installierten Energieanlagen arbeiten mit sauberer Energie. Mir ist klargeworden, dass Klimaschutz kein riesiger Felsbrocken am Fuße eines unvorstellbar steilen Berges ist. Der Felsen befindet sich bereits an der Spitze des Berges, gestützt von Millionen Händen, die ihm einen Stoß in die richtige Richtung geben wollen. Wir brauchen nur einfach mehr Hände.

Aus dem Englischen von Dr. Katja Mellenthin

Robert Kunzig ist Umweltredakteur bei NATIONAL GEOGRAPHIC.

Die Januar 2022-Ausgabe von NATIONAL GEOGRAPHIC ist ab 17.12.2021 im Handel erhältlich.

Foto von National Geographic

Dieser Artikel ist Teil des großen Jahresrückblicks 2021, der in voller Länge und mit zahlreichen weiteren Bildern und Informationen in der Januar 2022-Ausgabe des deutschen NATIONAL GEOGRAPHIC Magazins erschienen ist. Verpassen Sie keine Ausgabe mehr: Sichern Sie sich die nächsten 2 Ausgaben zum Sonderpreis!

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