Wie Patagoniens schmelzende Gletscher die Klimakatatrophe hörbar machen

Wer zu Chiles Eisfeldern reist, erlebt die majestätische Stille der Gletscher – und ihr geräuschvolles Schmelzen.

Von Robert Draper
Veröffentlicht am 15. Sept. 2023, 15:10 MESZ
Leones-Gletscher in Chile

Der chilenische Leones-Gletscher gehört zu einem der größten Eisfelder der Erde. Seen, die sich immer weiter ausdehnen, und das Knacken und Krachen des kalbenden Eises beweisen den zunehmenden Gletscherschwund in Patagonien.

Foto von Tamara Mering

„Ich bin der Wächter der Gletscher“, sagt Andrea Carretta. Er meint das nicht als Prahlerei, sondern als einfache Bestätigung seines Dienstes. Langsam lässt sich der 46-jährige Ranger auf ein Knie herab. Mit leiser Stimme bittet er den Gletscher um Erlaubnis, uns auf das abgelegene Eisfeld zu führen. Wir befinden uns am Zugang zum Exploradores-Gletscher im südchilenischen Nationalpark Laguna San Rafael. Es ist Anfang September, eine Saison mit weniger Regen und weniger Touristen. Graue, geschwollene Wolken ziehen über uns hinweg. Wir schnallen uns Steigeisen an die Wanderschuhe. Der dichte Wald fällt zurück, als wir uns einen Weg durch das glitschige Moränensediment bahnen, das plötzlich in ein Panorama verwirbelter blassblauer Eismassive und minzgrüner Gletscherwasserläufe übergeht. Die Urgewalt des Exploradores nötigt selbst einem Mann wie Carretta Respekt ab, der den Gletscher täglich zu Fuß besucht und viele Abende in einer Hütte bei Feuerschein und Konservenessen am Gletscherrand verbringt. Mir als erstmaligem Besucher scheint der Gletscher schön, aber auch Furcht einflößend, wie jede unbezwingbare Naturgewalt. Daher wirkt es erschütternd, wenn Carretta sagt: „Der Gletscher stirbt.“ Seine Worte klingen so sachlich wie zärtlich. Carretta kam in den italienischen Alpen zur Welt. Er ist ein erfolgreicher, aber auch eigensinniger Bergsteiger, der 2016 sein Paradies in Patagonien fand und mit Frau und Sohn nach Chile zog. Sie akzeptieren, dass sein Herz geteilt ist. „Ich weiß, dass der Gletscher mich liebt“, sagt er.

​Klimawandel: Der Rückgang der patagonischen Gletscher

Nun ist es sein Los, mit Sensoren den steten Schwund des Gletschers zu messen, um etwa einen Meter pro Jahr. Carretta kann es sehen. Wo einst Eis war, sind heute Tümpel. Darin liegt kein Geheimnis: Das Abschmelzen der Gletscher Patagoniens fällt mit dem Temperaturanstieg zusammen, der wiederum mit der Zunahme an Kohlenstoffemissionen während der letzten 50 Jahre korreliert. „Den Touristen, die hierherkommen, um ein schönes Foto zu machen, sage ich: ,Machen Sie Ihr Foto, und kommen Sie in fünf Jahren wieder und machen Sie wieder eins, damit Sie den Unterschied so sehen können, wie ich ihn sehe‘“, sagt er. „Vielleicht gibt es ja noch Hoffnung. Oder vielleicht bestraft die Erde uns einfach.“ Der chilenische Teil Patagoniens ist weltberühmt, doch die Grandezza der Landschaft liegt in einem Mangel an Glanz. Die Natur, schweigend und gebieterisch, ist Luxus genug. Etwa 1250 Kilometer weit schlängelt sich die Nord-Süd-Fernstraße der Region, die Carretera Austral, durch die schneebedeckte Andenkette und über Weideland mit höchstens vagen Andeutungen menschlicher Besiedlung – mal ein Cowboy auf einem Pferd, flankiert von seinem Rudel von Hütehunden. Mit Ausnahme der Regionalhauptstadt Coyhaique weichen die Ortschaften im chilenischen Patagonien nicht vom kargen Charakter der Region ab. Auch die Einwohner sind eher mit dem Land als mit der Zivilisation synchronisiert. Ein bekanntes Sprichwort lautet: „Wer in Patagonien eilt, verliert Zeit.“

Der Grey-Gletscher liegt am nördlichen Ende des Lago Grey. Wanderer nähern sich ihm auf Mehrtagestrips.

Foto von Tamara Mering

​Fragile Eiswelten: Relikte der Vergangenheit

Die rund 17 300 Gletscher, die sich über die Nördlichen und Südlichen Patagonischen Eisfelder in Argentinien und Chile erstrecken, repräsentieren die Region mehr als alles andere. Als Relikte des Patagonischen Eisschilds, der vor etwa 28000 Jahren seinen maximalen Umfang erreicht hat, stehen sie für die scheinbare Unveränderbarkeit der Region. Wie ganz Patagonien sind auch die Gletscher einen Besuch wert. Keine der gewellten Eisskulpturen gleicht der anderen. Doch wie bei jedem anderen Gletscher hängt ihr Wachstum oder Rückgang von der Menge des gefallenen Schnees sowie den Temperaturen ab, die ihren gefrorenen Zustand erhalten oder ihr Auftauen und Kalben beschleunigen. Nur wer ihre Verletzlichkeit erkennt, kann auch ihren Charakter begreifen. Ein Gletscher ist „wie das Thermometer der Natur“, sagt Jorge O’Kuinghttons Villena, der leitender Glaziologe der chilenischen Regierung in der Region Patagonien ist. „Wenn man sieht, dass er sich zurückzieht, weiß man, dass Menschenleben in der Nähe gefährdet sind.“


 

Cover National Geographic 9/23

Foto von National Geographic

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