Das Käseparadoxon: Warum Milchprodukte kein Fleischersatz sind

Sich der Tiere zuliebe vegetarisch zu ernähren, klingt erstmal logisch. Doch die Milchindustrie erzeugt ähnlich wie die Fleischindustrie eine Menge Tierleid. Deshalb spricht die Wissenschaft bei Vegetarismus von einem Käseparadoxon.

Von Sophie-Claire Wieneke
Veröffentlicht am 1. Juli 2024, 11:37 MESZ
Milchprodukte werden von Vegetariern gerne als Fleischersatz in die Ernährung integriert.

Auf den ersten Blick scheinen Milchprodukte eine gute Fleischalternative zu sein. Wer sich mit der Milchindustrie jedoch genauer beschäftigt muss feststellen, dass auch hier Tiere und die Umwelt leiden. 

Foto von bit24

Der Kontakt auf dem Teller zählt zu den häufigsten Berührungspunkten zwischen Menschen und Tieren. Doch das Tierwohl rückt bei unserer Ernährung immer mehr in den Fokus und gilt inzwischen als entscheidender Faktor dafür, welche Lebensmittel wir konsumieren. Die Wissenschaftlerinnen Devon Docherty und Carol Jasper der University in Schottland befragten in einer qualitativ ausführlichen Studie zwölf Vegetarier*innen zu ihren Beweggründen, sich gegen eine fleischhaltige Ernährung zu entscheiden – und entlarvten ein unsichtbares System, dem sie den Namen Käseparadoxon gaben.

Studie zum Käseparadoxon entlarvt System

Die Studie der Wissenschaftlerinnen Devon Docherty und Carol Jasper ist zwar nicht repräsentativ, qualitativ jedoch sehr ausführlich. Insgesamt zwölf Vegetarier*innen in im Alter von 20 bis 30 Jahren wurden in Form eines ca. 45-minütigen Interviews zu ihren Beweggründen einer fleischlosen Ernährung und ihren Bedenken befragt. 

Erste Unterschiede stellten die Wissenschaftler:innen bereits bei der Definition des Begriffs „vegetarisch“ fest. Während einige ihn auf eine fleischlose Ernährung reduzierten, konnotierten andere auch eine philosophische Bedeutung. Die Hälfte der Studienteilnehmer gab als Hauptantrieb Umweltbedenken an. Vier Teilnehmer*innen äußerten ethische Beweggründe und zwei starke familiäre und kulturelle Bindungen zum Vegetarismus. Allen gemein waren ethische Bedenken gegenüber den Tieren in der Eier- und Milchindustrie - und das, obwohl sie an diesen tierischen Produkten festhalten und sich eben nicht zum Veganismus entscheiden.

Warum essen Vegetarier Käse?
Die Studie identifiziert vier Gründe, weshalb Vegetarier*innen an Eiern und Milchprodukten festhalten:

  1. Gesundheitsaspekte: Aufgrund des hohen Proteingehalts werden Hühnereier weiterhin gegessen. Da Fleisch als Eiweißquelle nicht infrage kommt, wird diese alternativ durch Eier, Milch und verarbeitete Milchprodukte ersetzt.
     
  2. Verfügbarkeit und Faulheit: Ein tierisches Produkt durch ein anderes zu ersetzen ist einfacher, vor allem da Molkereiprodukte im Supermarkt zahlreich vertreten sind. 
     
  3. Geschmack: Käse kann pflanzlich bisher nur mit erheblichen Geschmackseinbussen ersetzt werden - er spielt bei der Ernährung aber eine große Rolle, sodass die Studie von einer Art „Käsesucht“ spricht.
     
  4. Sozialer Druck: Veganismus als rein pflanzliche Ernährung ist gesellschaftlich wenig anerkannt. Konflikte mit Freunden und Familie resultieren aus mangelndem Verständnis und erzeugen einen ständigen Rechtfertigungsdruck. Generell werden Veganer*innen negativer wahrgenommen als Vegetarier*innen, weshalb man sich dem gesellschaftlichen Druck beugt. 

Vegetarier greifen bevorzugt zu Molkereiprodukten als Fleischersatz, da diese in jedem Supermarkt großzügig vertreten sind. Bequemlichkeit ist dabei nur einer der Gründe, wieso sie an Milchprodukten als Alternative zu Fleisch festhalten.

Foto von Natalia

Das Käseparadoxon und die Rolle der kognitiven Dissonanz

Wer sich mit dem Thema Fleischverzehr beschäftigt, wird früher oder später auf eine grundlegende Widersprüchlichkeit stoßen: Wieso ist es normal, den Hund oder die Katze zu streicheln und zu lieben, gleichzeitig jedoch andere Tiere zum Verzehr zu schlachten? Um diese unangenehmen und widersprüchlichen Emotionen zu meiden, greift das psychologische Phänomen der kognitiven Dissonanz.

Als Vermeidungsstrategie sucht der Mensch nach Gründen, um sein Verhalten zu rechtfertigen. Er nennt Argumente, wie jenes, dass nur Fleisch mit Bio-Qualität gekauft wird und die Tiere ein schönes Leben vor ihrem Tod haben. Dadurch entsteht das sogenannte Fleischparadoxon. 
Dass es so weit kommt, liegt im Karnismus begründet. Der Karnismus bezeichnet ein unsichtbares System, welches Kinder darauf konditioniert, bestimmte Tiere zu essen, andere wiederum nicht. Diese Art Ideologie ist tief in der Gesellschaft verwurzelt.

Ebenso verhält es sich auch mit dem Käseparadoxon – mit dem Unterschied, dass der Widerspruch hier nicht ganz so offensichtlich ist: Vegetarier verzichten dem Tierwohl und der Umwelt zuliebe auf Fleischprodukte. Doch auch die Milchindustrie ist mit Tierleid verbunden und nicht weniger umweltschädlich. Die Studie der schottischen Wissenschaftlerinnen bezieht die am weitesten verbreiteten Nicht-Fleisch-Tierprodukte (NMAPs) ein, darunter Hühnereier und Kuhmilch. Dadurch, dass für die Gewinnung dieser Produkte nicht der Tod der Tiere erforderlich ist, nehmen die Konsumenten laut Studie diese NMAPs häufig als harmlose Nebenprodukte wahr, was als Käseparadoxon beschrieben wird. 

Denn diese Annahme ist ein fataler Trugschluss. Hühner legen in der Massentierhaltung ca. 30-mal mehr Eier als in der freien Natur. Das benötigte Kalzium für die Eier zieht der Tierkörper aus den Knochen, wodurch es zu häufigen Kielknochenbrüchen kommt, die in der Regel unentdeckt bleiben und den Tieren Schmerzen zufügen. 

Zudem war es noch bis vor Kurzem üblich, männliche Küken nach dem Schlüpfen zu töten. Laut dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft ist diese Praxis seit dem 1. Januar 2022 verboten. Die Alternative stellt ein Verfahren dar, bei dem bis zum 13. Bruttag das Geschlecht der Hühnerembryos im Ei bestimmt werden kann. Grundlage für diese Entscheidung ist eine Studie des Bundesministeriums, bei welcher das Schmerzempfinden von Hühnerembryonen untersucht wurde. Laut der Studienergebnisse empfinden die Embryonen in dieser frühen Lebensphase noch keine Schmerzen, daher der 13. Bruttag als Stichtag. 

Eine weitere Möglichkeit liegt im Töten im Ausland: Das NRW-Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv) teilte mit, dass junge Legerassen-Hähne aus deutschen Brütereien ins Ausland transportiert und dort getötet würden. 

BELIEBT

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    Eier sind keine harmlosen Nebenprodukte der Milchindustrie. Nahezu 100 Prozent der Legehennen haben ein gebrochenes Brustbein, das meist nicht behandelt wird. Da Legehennen übermäßig viel Calcium für die Eier benötigen, zieht ihr Körper dies aus den Knochen, wodurch sie anfällig für Brüche werden.

    Foto von Konstantin

    Auf der anderen Seite leiden Milchkühe, weil sie durch Zwangsbefruchtung immer wieder Kälber austragen und dadurch bis zu 20-mal mehr Milch als üblich produzieren. Die häufigen Schwangerschaften führen zu vermehrten gesundheitlichen Problemen und zum frühzeitigen Tod. Auch psychische Schmerzen dürfen hier nicht vernachlässigt werden, etwa wenn Kälber frühzeitig von ihren Müttern getrennt werden. Erneut sind männliche Nachkommen unerwünscht und werden erschossen oder an die Kalbfleischindustrie verkauft. 

    Hinzu kommt, dass Milch ein wahrer Umweltsünder ist: Pro Liter werden drei kg CO₂ verursacht, während die Emissionen bei pflanzlichen Alternativen zwischen 0,7 kg CO₂ und 1,2 kg CO₂ liegen. Bei verarbeiteten Milchprodukten fällt die Umweltbilanz sogar noch schlechter aus, da hier große Mengen von Milch benötigt werden. Allein bei Butter liegen die Treibhausgasemissionen bei 23,8 kg CO₂, während bei pflanzlicher Margarine lediglich 1,4 kg CO₂ verursacht werden.
     

    In der Milchindustrie sind männliche Kälber nicht von Nutzen und daher quasi ein Abfallprodukt. Viele Betriebe verkaufen die Kälber daher ins ausland zum Töten, oder sie werden für Kalbfleisch verwendet.

    Foto von Parilov

    Vegetarismus als ethischer Trugschluss?

    Eine rein ethische Entscheidung zur vegetarischen Ernährung, um Tierleben zu schützen, ist nach diesen Erkenntnissen ein Trugschluss. Auch der Gedanke, damit die Umwelt zu schonen, entspricht nicht der Realität. Fakt ist, dass die Milchindustrie zwar weniger schädlich als die Fleischindustrie ist, sie aber dennoch Tierleid erzeugt und die Umwelt belastet. Doch über das Phänomen der kognitiven Dissonanz können sich viele Vegetarier*innen (und auch Nicht-Vegetarier*innen) vor den unangenehmen Fakten verschließen und ihre Entscheidungen über das Käseparadoxon rechtfertigen.

    Positive Auswirkungen der vegetarischen Ernährung

    Dass eine vegetarische Ernährung trotzdem positive Auswirkungen auf die Umwelt hat, lässt sich durch Zahlen bestätigen. Wer auf Fleisch verzichtet, spart zwischen 300 und 400 Kilogramm CO₂ ein. Die Treibhausgasemissionen reduzieren sich bei einer komplett pflanzlichen Ernährungsweise auf bis zu 30 Prozent. Vegetarier senken das CO₂ um durchschnittlich 1,3 bis 1,4 Tonnen, die sonst durch fleischhaltige Ernährung entstehen. Das Klima wird durch ein Gericht mit Fleisch dreimal mehr belastet als durch ein vegetarisches.

    Nicht nur die Umwelt profitiert, sondern auch die eigene Gesundheit: Studien zeigen, dass ein höherer Verzehr von pflanzlichen Lebensmitteln im Vergleich zu Lebensmitteln tierischen Ursprungs erhebliche Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit haben kann. Denn der Verzehr von verarbeitetem Fleisch erhöht das Risiko von Herzerkrankungen und Diabetes. Nicht umsonst hat die EAT-Lancet-Kommission eine Diät erarbeitet, die sich positiv auf die Gesundheit sowie auf das Klima auswirkt und aus verschiedenen Lebensmittelgruppen besteht. 

    Fleischkonsum schadet nicht nur der Umwelt und den Tieren, sondern auch der eigenen Gesundheit. Zahlreiche Studien konnten feststellen, dass ein übermäßiger Fleischkonsum das Risiko für Herzerkrankungen erhöht. 

    Foto von Sergey Ryzhov

    Vegetarische Fakten 

    1. Der Vegetarismus ist keine neumodische Erscheinung, sondern ist mindestens 2500 Jahre alt. Bereits der griechische Gelehrte Pythagoras lebte vegetarisch. "Alles, was der Mensch den Tieren antut, kommt auf den Menschen zurück“, so der Philosoph.
    2. Vegetarier haben ihren eigenen Tag: den ersten Oktober. Dieser wurde 1977 in Schottland ins Leben gerufen.
    3. Vegetarismus hilft beim Abnehmen – das ergaben die Ergebnisse einer Studie des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften aus dem Jahr 2020: Je weniger tierische Produkte (Fleisch) von den Probanden konsumiert wurde, umso geringer fiel der Body-Mass-Index (BMI) aus.
    4. In Deutschland leben mittlerweile sieben Millionen Vegetarier, das sind acht bis neun Prozent der Bevölkerung. Im Jahr 2016 gaben 5,3 Prozent der Deutschen an, sich vegetarisch zu ernähren, 2020 waren es bereits 1,3 Millionen Menschen mehr. 
    5. Neugierde ist laut Forsa bei 73 Prozent der Befragten der Hauptgrund für den Kauf vegetarischer Ersatzprodukte. Jeweils 63 Prozent nennen Tierschutz, Geschmack sowie die Umwelt als Intention. Diese Ergebnisse passen zu den Aussagen der Studienteilnehmer:innen von Devon Docherty und Carol Jasper. 

    Ist Veganismus die Lösung?

    Tier- und Umweltschutz sind die häufigsten Gründe, wieso sich Menschen für eine fleischlose Ernährung entscheiden. Wie die Auswertung der Interviews aus der Studie von Devon Docherty und Carol Jasper belegt, ist den Befragten durchaus bewusst, dass auch in der Milchindustrie Tierleid existiert und die Umwelt ebenfalls belastet wird. Aus persönlichen, ethischen, gesundheitlichen und religiösen Gründen halten sie dennoch an einer vegetarischen Ernährung fest.

    Dieser Widerspruch, das Käseparadoxon, wird dabei durch das psychische Phänomen der kognitiven Dissonanz im Bewusstsein zurückgedrängt, wodurch die unschönen Fakten gerechtfertigt werden, um das eigene Gewissen zu entlasten. 

    Auch wenn Vegetarismus keine hundertprozentige Alternative zu einer herkömmlichen Ernährung darstellt, ist die Milchindustrie weniger schädlich als die Fleischindustrie. Dass sich immer mehr Menschen für eine vegetarische Ernährungsform entscheiden, ist definitiv eine positive Entwicklung, aber nicht die Lösung des Problems. Kann letzten Endes nur eine vegane Ernährung den großen Unterschied machen? 
     

    Cover National Geographic 7/24

    Foto von National Geographic

    Weitere spannende Reportagen lesen Sie im NATIONAL GEOGRAPHIC Magazin 6/24

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