Umwelt

Das Ein-Raum-Haus für zwei

Erst der Inhalt, dann die Hülle: Nach diesem Prinzip entwarf Henrike Gänß ein ökologisches Haus. Es wurde um die Besitztümer der Bewohner herum geplant. Tische und Schränke sind unnötig: Boden und Wände dienen als Einrichtungsgegenstände.

Von Alexandra Wolters
Das Ein-Raum-Haus für zwei

Erst der Inhalt, dann die Hülle: Nach diesem Prinzip entwarf Henrike Gänß ein ökologisches Haus. Es wurde um die Besitztümer der Bewohner herum geplant. Tische und Schränke sind unnötig: Boden und Wände dienen als Einrichtungsgegenstände.

Mit einer Pappwand vor der Nase sitzt Henrike Gänß auf der Toilette. „Zu eng“, findet die Architektin. Ihr Partner Marc Rother zieht die Platte etwas weiter weg, sie stellt sich hin und dreht sich im Kreis: „Das reicht“. Gänß ist mit dem Platzangebot zufrieden. Rother notiert den Abstand zwischen Toilettenschüssel und Pappwand.

So haben die beiden vor drei Jahren ihren ganz persönlichen Raumbedarf errechnet. Vermessen, wie groß das Bad sein muss, wie viel Platz sich um den Schreibtisch herum richtig anfühlt, wie viele Quadratmeter die Küche braucht. Und sie haben gezählt. Henrike Gänß hat ihren gesamten Besitz aufgelistet, 2506 Dinge kamen zusammen. „Was passiert, wenn man den Wohnraum von den notwendigen Dingen in seinem Inneren ableitet?“, hat sie sich gefragt und in der Gemeinde Wald in Württemberg ihr Forschungsprojekt umgesetzt.

Die Architektin und der Wirtschaftsingenieur, die zusammen das Büro „Archétekten“ betreiben, haben das Ein­-Raum­-Haus zum Leben und Arbeiten konsequent von innen nach außen entworfen. Sie haben formuliert, was sie brauchen, und dann die Hülle darum gebaut.

Das schiefe Haus bietet dank seines Stufensystems mehrere Wohn- und Arbeitsebenen mit integrierten Möbeln.

Das Gebäude besteht aus einem 
um 17 Grad geneigten Quader. Er 
ruht vorn im Eingangsbereich auf 
der Erde und ragt hinten auf einen
 Rahmen gestützt schräg in die
 Höhe. Diese Schieflage ist Teil des 
Konzepts: Das Innere besteht aus 
stufenartig angeordneten Ebenen (siehe Schema), um die herum die Außenhaut konstruiert wurde.

Die Stufen sind dabei so gestaltet, dass sie zugleich als Einrichtungsgegenstände fungieren. Dar­um wurde das Projekt auch „Möb­-less“ genannt: „In unserem Haus braucht man keine Möbel“, sagt die 33-­Jährige. Die Stufe zwischen Wohn-­ und Arbeitsbereich dient beispielsweise oben als Schreibtisch und unten als Stauraum. Andere kann man als Ablage­ oder Sitzfläche benutzen. „So konnten wir den Raumbedarf bei gleichzeitig großzügigem Raumgefühl schrumpfen.“ 72 Quadratmeter reichten. Innenwände gibt es nicht. Gelebt wird auf verschiedenen Ebenen. Am Eingang wird empfangen und gekocht, darüber liegen der Besprechungs­, Wohn­ und Arbeitsbereich sowie die Schlafgalerie. Abgetrennt ist nur das Bad.

Außenansicht des Ein-Raum-Haus

Die Gebäudetechnik ist ökologisch konsequent: Eine Solaranlage auf dem Dach liefert Strom und Wärme, die Waschmaschine nutzt Regenwasser. Aus dem Duschwasser wird die Wärme zurückgewonnen, über die Wäschetrocknung die Luft befeuchtet. Das Haus erzeugt einen Energieüberschuss, mit dem man ein Elektroauto laden kann. Die Materialien wurden nach strengen baubiologischen und umweltfreundlichen Kriterien ausgewählt. Ein Großteil kann beim Rückbau vor Ort kompostiert werden – Nachhaltigkeit stand über allem.

Gänß und Rother begleiteten je­ den Verarbeitungsschritt – unter anderem die Fällung einer Douglasie im Schwarzwald, aus der die Bodendielen gefertigt wurden. Entsprechend langwierig war die Auswahl geeigneter Kooperationspartner. Am Ende beteiligten sich 120 „von der Idee begeisterte Firmen“, wie Gänß sagt.

In den kommenden Wochen steht die Eröffnung an. Auf den Tag freuen sich Gänß und Rother, weil „wir unsere Ideen endlich im Alltag testen können.“ Doch selbst wenn sich das Haus für die beiden als perfekt erweist, wird es keine Kopie geben. Es ist auf ihre persönlichen Bedürfnisse zugeschnitten. Wer also Ähnliches plant und in Auftrag geben will, müsste zunächst Inventur machen: „Was habe ich, was brauche ich, was muss mit ...“

(NG, Heft 10 / 2015, Seite(n) 20 bis 21)

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