Umwelt

Ölkatastrophen: Der Fluch des schwarzen Goldes

Havarierte Supertanker, explodierende Bohrinseln oder marode Pipelines: Die Förderung und der Transport des begehrtesten Rohstoffes der Welt waren schon immer mit hohen Risiken behaftet. Ein Überblick über die schwersten Ölkatastrophen aller Zeiten.

Von Florian Griesbach

Seit der Explosion auf der Ölplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko , der zweitschwersten Ölkatastrophe aller Zeiten, sind die möglichen Auswirkungen unserer Ölabhängigkeit wieder in aller Munde. Aber Förderung und Transport des begehrten Rohstoffes waren von je her mit hohen Risiken verbunden. Havarierte Supertanker, explodierende Bohrinseln oder marode Pipelines verursachten immer wieder Umweltkatastrophen – mit fatalen Folgen für die verschiedensten Ökosysteme.

Risikofaktor Bohrinsel

Auf Bohrinseln kommt es immer wieder zu Zwischenfällen mit zum Teil dramatischen Konsequenzen.

Bei Tiefbohrungen wird ein unter starkem Druck stehendes unterirdisches Ölreservoir angezapft. Um eine kontrollierte Förderung zu ermöglichen, wird eine Bohrflüssigkeit mit hoher Dichte in das Bohrloch geleitet und so ein Gegendruck aufgebaut. Strömt beispielsweise von nahe gelegenen Ölvorräten plötzlich weiteres Öl nach, entstehen Druckschwankungen. Wenn diese nicht kompensiert werden können, kommt es zu einem so genannten Blowout. Darunter versteht man ein unkontrolliertes Austreten einer Mischung aus Erdgas und Erdöl, die extrem leicht entzündlich ist. Bei einem Blowout besteht also höchste Feuer- und Explosionsgefahr. Oft entstehen so Brände, die nur sehr schwer unter Kontrolle gebracht werden können.

1977 kam es auf der Offshore-Bohrinsel "Ekofisk Bravo" in der Nordsee zu einem solchen Blowout. Innerhalb von einer Woche breitete sich der Ölteppich auf einer Fläche von 40.000 Quadratkilometern aus. 23.000 Tonnen Rohöl strömten unkontrolliert aus dem Bohrloch.

Und auch der Golf von Mexiko war vor "Deepwater Horizon" bereits Schauplatz eines schweren Bohrinsel-Unglücks. Ein durch einen Ausfall der Bohrspülung verursachter Blowout sorgte am 3. Juni 1979 für eine Explosion auf der Plattform "Ixtoc I". Das Bohrloch konnte erst nach neun Monaten und mehreren Entlastungsbohrungen geschlossen werden. Bis dahin waren Schätzungen zufolge zwischen 400.000 und 1,5 Millionen Tonnen Rohöl ausgetreten.

Die Bohrinsel "Montara" in der Timorsee nordwestlich der australischen Küste sorgte erst 2009 für Schlagzeilen. Drei Monate lang flossen insgesamt etwa 4.500 Tonnen Öl von der brennenden Förderplattform, bevor das Bohrloch geschlossen werden konnte. Der Ölteppich, der sich über eine Fläche von etwa 25.000 Quadratkilometern erstreckte, konnte mit Chemikalien nur teilweise aufgelöst werden. Diese stehen darüber hinaus in der Kritik, da sie selbst äußerst giftig sind und ebenfalls schwere Auswirkungen auf das Ökosystem haben können.

Die Gefahr eines Blowouts lässt sich durch genauere Überwachung der Druckverhältnisse minimieren, ganz ausschließen kann man plötzliche Druckänderungen aber wohl auch künftig nicht. Hinzu kommt, dass die Bohrungen mittlerweile immer tiefer vordringen. Im Falle von "Deepwater Horizon" wurde mehr als fünf Kilometer tief gebohrt, in Sedimentschichten, die von extremem Überdruck, dem so genannten „Geo-Pressure“, geprägt sind, und in einer Wassertiefe von 1.500 Meter. Dort im Notfall ein Bohrloch zu stopfen ist außerordentlich schwierig und zeitaufwendig.

Risikofaktor Supertanker

Ausgetretenes Rohöl von Tanker- oder Bohrinsel-Unfällen wird an die Küsten angespült und bedroht die empfindlichen Ökosysteme.

Neben der Förderung stellt vor allem der Transport des "Schwarzen Goldes" eine Gefahr dar. Marode Supertanker sind für einen Großteil der Ölkatastrophen verantwortlich. Mangelhafte Sicherheitsstandards, menschliches Versagen und schwere Unwetter zählen zu den häufigsten Unglücksursachen.

Besonders verhängnisvoll sind Schiffskollisionen. Erst recht, wenn es sich bei den Schiffen um zwei Supertanker handelt: Im Dezember 1972 kollidierten die "Sea Star" und die "Horta Barbosa" im Golf von Oman. Beide Schiffe gerieten in Brand und sanken nach mehreren Explosionen an Bord. Dabei traten insgesamt 115.000 Tonnen Rohöl aus. Bei der Kollision der "Atlantic Express" und der "Aegean Captain" in der Karibik fließen im Juli 1979 gar 300.000 Tonnen Öl ins Meer.

Technisches Versagen: Manchmal können auch technische Pannen verhängnisvolle Folgen haben. Die "Amoco Cadiz" befand sich am 16. März 1978 auf dem Weg nach Rotterdam. Nur wenige Kilometer von der Küste Frankreichs entfernt fiel die Ruderanlage aus, das Schiff wurde bei orkanartigen Böen manövrierunfähig. Trotz Versuchen, den Tanker durch Hochseeschlepper wieder auf hohe See zu schleppen, trieb dieser immer näher in Richtung Küste, wo er schließlich einen vorgelagerten Felsen rammte und kurz darauf sank. 223.000 Tonnen Rohöl flossen ins Meer.

Menschliches Versagen: Am 24. März 1989 lief die "Exxon Valdez" vor der Südküste Alaskas auf ein Riff auf. Der mehr als 300 Meter lange Tanker hatte zu diesem Zeitpunkt 163.000 Tonnen Rohöl geladen. Der alkoholkranke Kapitän befand sich zum Zeitpunkt des Unglückes volltrunken in seiner Kabine. Der übermüdete dritte Offizier, der auf der Brücke Dienst hatte, vergaß offensichtlich, eine besprochene Kurskorrektur vorzunehmen. 37.000 Tonnen Rohöl traten aus und verseuchten die Küste. Hunderttausende Fische und Vögel verendeten qualvoll. Noch heute leidet das empfindliche Ökosystem Alaskas an den Folgen der Katastrophe.

Unwetter: Im November 2002 havarierte der unter liberianischer Fahne fahrende, 26 Jahre alte Tanker "Prestige" während eines Sturmes. Ein Loch in der Außenhülle weitete sich zu einem 35 Meter langen Riss aus. 63.000 Tonnen schweres Heizöl traten aus und verseuchten die Strände Spaniens und Frankreichs. Wenige Tage späterer brach die Prestige auseinander und sank. Mit Unterwasser-Robotern konnten zwar die meisten Lecks abgedichtet werden, die Schäden der bislang größten Ölkatastrophe Europas waren jedoch nicht mehr rückgängig zu machen. Ob der desolate Zustand des Schiffes oder gar eine so genannte "Monsterwelle" für das Unglück verantwortlich waren, ist bis heute unklar.

In vielen dieser Fälle hätte das Schlimmste verhindert werden können, wenn die Tanker über eine zweite Außenwand verfügt hätten. Das Risiko des Austretens großer Ölmengen ist bei solchen Doppelhüllentankern um einiges niedriger. Durch höhere internationale Sicherheitsstandards und verstärkte Kontrollen könnten zumindest die Folgen einer Havarie begrenzt werden. Gerade in der internationalen Schifffahrt ist dies aber oft nur sehr schwer umzusetzen. Die "Prestige" beispielsweise gehörte einer liberianischen Firma, fuhr im Auftrag einer griechischen Reederei unter der Flagge der Bahamas und transportierte Öl für einen russischen Konzern mit Sitz in der Schweiz.

Riskofaktor Pipelines

Öl, das aus Lecks in maroden Pipelines und Tanks austritt, verseucht oft ganze Landstriche.

Nicht nur die Weltmeere werden von Ölkatastrophen heimgesucht. Auch an Land verseucht austretendes Rohöl ganze Landstriche. Marode Pipelines, die tausende von Kilometern durch entlegene Regionen oder politisch instabile Länder verlaufen, werden unzureichend gewartet und rosten vor sich hin. Während explodierende Bohrinseln oder Leck geschlagene Tanker im Fokus der Weltöffentlichkeit stehen, geschieht die schleichende Vergiftung durch schadhafte Pipelines oder undichte Ventile oft unbemerkt. Die Gefahr einer langfristigen Schädigung der Umwelt steigt dadurch deutlich an.

Im Oktober 1994 strömen im Norden Russlands große Mengen Öl aus einer unzureichend gewarteten Pipeline. Offiziellen russischen Angaben zufolge handelte es sich um 14.000 Tonnen. Die Schätzungen der US-Regierung sprachen hingegen von mehr als 200.000 Tonnen. Über Jahre hinweg waren große Teile der Tundra-Region durch das Öl verseucht.

Auch im nigerianischen Nigerdelta treten seit Jahrzehnten größere Mengen Rohöl aus den veralteten Pipelines aus. Schäden entstehen dort auch bei dem Versuch, die Pipelines illegal anzuzapfen. Der Streit um die Einkünfte aus dem lukrativen Geschäft mit dem Rohstoff führt darüber hinaus zu Sabotageakten und gezielten Anschlägen auf Ölförderanlagen.

Für die bisher größte Ölkatastrophe der Geschichte ist ein Krieg verantwortlich: Die Ölpest am Persischen Golf war eine direkte Folge des Golfkrieges. Die irakische Luftwaffe bombardierte im Januar 1991 kuwaitische Förderanlagen, irakische Bodentruppen öffnen die Ventile an Ölterminals um die Landung amerikanischer Streitkräfte zu verhindern – insgesamt flossen dabei rund eine Million Tonnen Öl ins Meer. Experten rechnen damit, dass das Ökösystem am Persischen Golf Jahrzehnte zur Regeneration benötigen wird.

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