Umwelt

Zukunft Stadt

Immer mehr Menschen müssen auf der Erde Platz finden. Aber wo? Die Städte könnten die Lösung sein – als Ausweg aus der Armut und um die Natur nachhaltig zu bewahren.

Von Robert Kunzig
Zukunft Stadt

Zur selben Zeit, als Jack the Ripper mit einem Messer durch London schlich, lebte in der Stadt ein feingeistiger Stenograf namens Ebenezer Howard. Er trug eine Glatze und einen buschigen Schnurrbart, wirkte meist leicht zerstreut; aber vor allem fühlte er sich von seiner Arbeit nicht recht ausgefüllt. Er versuchte sich darum an Séancen, erlernte die neue Kunstsprache Esperanto und erfand eine Kürzel-Schreibmaschine. Doch der Grund, warum man sich heute noch an ihn erinnert, ist ein anderer: Er träumte von Grundeigentum. Was seine Familie brauche, schrieb er im Jahr 1885 seiner Frau, wäre ein Haus mit «einem wirklich hübschen Garten und vielleicht einer Rasenfläche als Tennisplatz». Howards Wunsch hat heute noch nachhaltigen Einfluss darauf, wie wir über Städte denken.

In ihrer Mietwohnung zeugten er und seine Frau vier Kinder in sechs Jahren, sie lebten auf viel zu engem Raum, und eines Tages tauchte Howard aus einer längeren Depression mit dem Plan auf, etwas gegen die Überbevölkerung Londons zu unternehmen. Am Ende des 19. Jahrhunderts wuchs die Stadt wie wild, und vielen Menschen ging es noch erbärmlicher als Howard. Die Slums, in denen der Ripper seine Opfer suchte, waren grauenvoll. «Jeder Raum in diesen heruntergekommenen, stinkenden Behausungen beherbergt eine Familie, oft zwei», schrieb etwa der Pastor Andrew Mearns. «In einem Keller stieß ein Inspektor der Gesundheitsbehörde auf einen Vater, die Mutter, drei Kinder und vier Schweine! (...) Andernorts fand er eine arme Wit­we, ihre drei Kinder und ein Kind, das seit 13 Tagen tot war.» Der Vorsitzende des London County Council beschrieb die Stadt als «einen Tumor, eine Krankheit wie Elephantiasis, in de­ren Schlund die Hälfte des Lebens, Blutes und der Knochen des Landes verschwindet».

Die Stadtplanung des 20. Jahrhunderts war ein Reflex auf die furchtbaren Bedingungen in den Städten des 19. Jahrhunderts – und sie begann mit Ebenezer Howard. 1898 gab er im Eigenver­lag ein dünnes Buch heraus. Darin veröffentlichte er – der Mann, der den ganzen Tag die Ideen anderer aufschrieb – seine eigene Vision, wie Menschen leben sollten. Der große amerikani­sche Architekturkritiker Lewis Mumford sagte ein halbes Jahrhundert später, Howard habe da­mit «das Fundament für eine neue Epoche städ­tischer Zivilisation gelegt».

Howard schrieb, dass die Verstädterung ge­stoppt werden müsse. Und zwar, indem man die Menschen aus den wuchernden Metropolen hinaus in neue, eigenständige Gartenstädte locke. Die Bewohner dieser kleinen Inseln soll­ten in der «freudigen Vereinigung» von Stadt und Land leben. Sie würden im Zentrum in hübschen Häusern mit Gärten wohnen, zu Fuß zur Arbeit am Stadtrand gehen und sich von dem ernähren, was Bauernhöfe in einem äuße­ren grünen Gürtel produzierten. Diese grüne Zone würde die Stadt auch daran hindern, in die Landschaft zu wuchern. Habe man eine Stadt bis zum grünen Gürtel besiedelt – 32.000 Menschen seien genug, befand Howard – sei es an der Zeit, die nächste Gartenstadt zu bauen. 1907 begrüßte er 500 esperantosprechende Utopisten in der ersten Gartenstadt Letchworth und pro­phezeite dabei kühn (und auf Esperanto), dass sich die neue Sprache und seine Utopien bald über die ganze Welt verbreiten würden.

Er behielt recht, zumindest mit der Einschät­zung, dass sich die Menschen nach mehr Platz sehnten. Aber das Wachsen der Städte konnte er nicht stoppen. Weder in England noch weltweit. In den Industrieländern und in Lateiname­rika hat die Verstädterung ihren Höhepunkt heute fast erreicht; mehr als 70 Prozent der Be­wohner leben in städtischen Regionen. In vielen Teilen Asiens und Afrikas ziehen die Menschen noch immer in die Städte, ihre Zahl steigt durch den Bevölkerungsboom weiter an. Städte, in denen weniger als eine halbe Million Menschen leben, sind am häufigsten, aber die großen Städte wachsen weiter – und sie werden mehr. Im 19. Jahrhundert war London die einzige Stadt mit mehr als fünf Millionen Einwohnern; heute gibt es 54 davon, die meisten in Asien.

Aber etwas hat sich gewandelt: Verstädterung ist eine gute Nachricht geworden. Experten haben ihre Meinung dazu in den vergangenen Jahren gründlich geändert. Obwohl auch heute noch Menschen in Slums leben, fürchterlich wie die des viktorianischen London, und obwohl die Angst vor Städten weiterlebt, scheint das „Krebs­geschwür“ nicht mehr die richtige Metapher zu sein. Im Gegenteil: Mit einer Erdbevölkerung, die auf neun Milliarden hinwächst, sind dicht besiedelte Städte eher ein Heilmittel – die größte Hoffnung, Menschen aus ihrer Armut zu befreien, ohne den Planeten zu ruinieren.

Im vergangenen März hielt Edward Glaeser, Professor für Wirtschaftswissenschaften in Harvard, eine Rede an der London School of Eco­nomics. Er wollte für seine Überzeugungen werben – und für sein neues Buch „Triumph of the City“. Glaeser, der in New York aufgewach­sen ist und extrem schnell spricht, hatte sich mit Unmengen von Fakten und vielen Anekdoten gerüstet. «Es gibt keine armen urbanen Länder», sagte er, «genauso wenig, wie es reiche Länder gibt, die von Landwirtschaft geprägt sind.» Und Mahatma Gandhi habe sich geirrt – Indiens Zu­kunft liege nicht in seinen Dörfern, sie liege in Städten wie Bangalore.

Er zeigte Bilder von Dharavi, dem großen Slum von Mumbai, und aus den Favelas von Rio de Janeiro. Glaeser betrachtet sie nicht als Schandflecken, sondern als Beispiele urbaner Dynamik. Arme Leute ziehe es in die Städte, weil dort das Geld sei, sagte er, und Städte produzierten mehr, weil «der fehlende Raum zwi­schen den Menschen» die Kosten für den Transport von Gütern, Menschen und Ideen senke. In der Vergangenheit wurden Städte an Flüssen oder natürlichen Häfen gegründet, um den Austausch von Waren zu erleichtern. Heute, in einem Zeitalter der Dienstleistungen, zählt vor allem der Austausch von Ideen.

Für Glaeser ist die Wall Street die hoch ver­dichtete Idee einer Stadt, vor allem das Börsen­parkett: wenig Platz, aber ein Meer von Infor­mationen. «Was die moderne Stadt ausmacht: Sie schätzt das Wissen mehr als den Raum», sagt er. Erfolgreiche Städte ermöglichen es den Men­schen, voneinander zu lernen. In Städten mit überdurchschnittlicher Bildung erhalten sogar die Ungelernten höhere Löhne. Wissen und Bil­dung sickern durch die Gesellschaft, und am besten gelingt das, wenn Menschen sich begeg­nen. Keine Technologie – ob Telefon, Internet oder die Videokonferenz – vernetzt Menschen so produktiv wie eine Stadt.

Verständlich, dass sich Wirtschaftswissen­schaftler für Städte als Motoren des Wohlstands begeistern. Umweltschützer haben sich damit lange schwergetan. Mit wachsendem Einkommen steigen in den Städten der Kon­sum und die Umweltverschmutzung. Wer die Natur als höchstes Gut betrachtet, muss in der Stadt die konzentrierte Form der Zerstörung sehen. Bloß, was wäre die Alternative? Die Zer­störung noch weiter zu verbreiten? Aus ökologischer Sicht wäre eine Zurück-aufs-Land-Be­wegung katastrophal. Städte machen es möglich, dass die Hälfte der Menschheit auf rund vier Prozent der urbaren Landfläche lebt und da­durch mehr Raum für die Natur lässt.

Die Umweltbilanz eines Stadtbewohners fällt besser aus, erklärt der Autor David Owen in „Green Metropolis“, einem Buch über die öko­logischen Vorteile der Stadt. Ihre Straßen, Abwasserkanäle und Energieleitungen sind kürzer und verbrauchen daher weniger Ressourcen. Ihre Wohnungen benötigen weniger Energie zum Heizen, Kühlen und Beleuchten als Einzelhäuser. Am wichtigsten aber: Stadtbewohner fahren we­niger Auto. Ihre Ziele liegen in Laufweite, und die vielen Fahrgäste machen den öffentlichen Nahverkehr profitabel. In Städten wie New York liegen CO2-Ausstoß und Energieverbrauch pro Kopf erheblich unter dem Landesdurchschnitt.

Städte in Entwicklungsländern sind sogar noch dichter besiedelt und verbrauchen noch weniger Ressourcen. Freilich vor allem deshalb, weil arme Menschen weniger konsumieren kön­nen als die reichen Bewohner der westlichen Welt. Dharavi, Mumbais Slum, könnte zwar «vorbildlich mit seinen niedrigen Emissionen» sein, sagt David Satterthwaite vom Internationalen Institut für Umwelt und Entwicklung in London – wenn es den Bewohnern nicht an allem mangelte: sauberem Trinkwasser, Toilet­ten und einer geregelten Müllabfuhr. Etwa eine Milliarde Stadtbewohner in Entwicklungslän­dern leben ähnlich. Nach Berechnungen der Vereinten Nationen werden genau solche Städte den Großteil des Bevölkerungswachstums auf­nehmen, der bis 2050 zu erwarten ist: mehr als zwei Milliarden Menschen. Wie die Staaten darauf reagieren, wird uns alle betreffen.

Viele Staaten versuchen das Naheliegende: das Wachstum zu stoppen, ähnlich wie Groß­britannien es mit Londons Wachstum im 19. Jahrhundert versuchte. Nach einer Studie der Vereinten Nationen bemühen sich 72 Prozent der Entwicklungsländer, den Ansturm der Bevölkerung auf ihre Städte einzudämmen. Satterthwaite berät Regierungen in aller Welt und meint, dass es ein Fehler sei, die Verstädte­rung selbst als etwas Schlechtes zu sehen – und nicht als unvermeidlichen Teil der wirtschaftlichen Entwicklung. «Schnelles Wachstum macht mir keine Angst», sagt er. «Ich treffe Bür­germeister aus Afrika, die mir sagen: ‹Es ziehen zu viele Menschen hierher!› Ich sage: ‹Nein, das Problem ist Ihre Unfähigkeit, sie zu regieren.›»

Es gibt kein allgemein gültiges Modell dafür, wie man schnelle Verstädterung verwalten könn­te, aber es gibt hoffnungsvolle Beispiele. Eines davon ist Südkoreas Hauptstadt Seoul. Zwischen 1960 und dem Jahr 2000 wuchs dort die Bevöl­kerung von weniger als drei auf zehn Millionen Menschen. Von einem der ärmsten Länder der Welt, mit einem Bruttoinlandsprodukt unter 100 US-Dollar pro Kopf, entwickelte sich Südkorea zu einem Land, das reicher ist als einige Staaten Europas. Die Geschwindigkeit dieses Wandels ist sichtbar. Die Autobahn entlang dem Han-Fluss etwa führt durch eine eintönige Landschaft aus identischen Hochhäusern nach Seoul hinein; jedes trägt eine große Nummer, um sich von sei­nen Geschwistern zu unterscheiden.

Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass die Koreaner in Hütten lebten. Die Hochhäuser sähen von außen zwar uninspiriert aus, sagt die Stadtplanerin Yeong-Hee Jang, aber das Leben darin sei «sehr gemütlich und komfortabel». Das Wort «gemütlich» wiederholt sie dreimal.

Fast jede Stadt ist ein Mix aus Geplantem und Ungeplantem, von Teilen, die bewusst entworfen wurden, und anderen, die organisch gewachsen sind. Seoul aber war von Anfang an geplant. Die Mönche, die den Ort im Jahr 1394 für König Taejo auswählten, den Gründer der Joseon-Dynastie, folgten den Prinzipien des Feng-Shui. Sie platzierten den Königspalast an einer viel­versprechenden Stelle zwischen dem Han-Fluss und einem großen Berg, der ihn vor dem Nord­wind abschirmte. Fünf Jahrhunderte lang lag die Stadt größtenteils innerhalb einer 16 Kilometer langen Mauer, die Taejos Männer in sechs Mo­naten gebaut hatten. Eine abgeschiedene Gelehr­tenstadt mit wenigen hunderttausend Einwoh­nern. Dann kam das 20. Jahrhundert – und mit ihm Zerstörung und Neuanfang.

Der Zweite Weltkrieg und der Koreakrieg von 1950 bis 1953 ließen mehr als eine Million Menschen in die ausgebombte Stadt fliehen. Von Seoul war nicht mehr viel übrig – aber zum ersten Mal siedelten dort Menschen, deren Mischung Potenzial barg. Die traditionellen konfuzianischen Tugenden wie Loyalität und Achtung vor Hierarchien verbanden sich mit der Sehnsucht nach Demokratie und Konsum wie im Westen. «Explosive Energie» habe damals die Stadt geprägt, sagt Hong-Bin Kang, der Direktor des historischen Museums und frühere stellver­trende Bürgermeister von Seoul. Wirtschaftslage und Gesundheitswesen verbesserten sich rasant, und genauso schnell wuchs die Bevölkerung – auch dank besserer Ernährung.

Allerdings half eine Diktatur, diese Energie zu organisieren. Park Chung-Hee putschte sich 1961 an die Macht. Er lenkte ausländisches Ka­pital in koreanische Firmen, die wiederum Wa­ren für das Ausland herstellten: anfangs billige Perücken und Kopien von Designerkleidung, später Stahl, Elektrogeräte und Autos. Frauen wie Männer strömten nach Seoul, um in den neuen Fabriken zu arbeiten oder an den Uni­versitäten zu studieren. Erst dies ermöglichte das Wirtschaftswachstum, in dem Konzerne wie Hyundai und Samsung entstanden.

«Verstädterung lässt sich nicht ohne die wirt­schaftliche Entwicklung verstehen», sagt Kyung-Hwan Kim, Wirtschaftswissen­schaftler an der Sogang-Universität. Die wach­sende Stadt befeuerte den Boom, der die Infra­struktur finanzierte, die wiederum die steigende Zahl der Einwohner aufnahm.

Aber unter den hastig errichteten Hochhäu­sern wurde auch eine Vergangenheit begraben. Diejenigen, die im alten Seoul nördlich des Han-Flusses lebten, konnten in den siebziger und achtziger Jahren zuschauen, wie auf den ehemaligen Reisfeldern am Südufer etwas völlig Neues emporwuchs. Das Gebiet heißt Kang­nam. Die Mittel- und Oberschicht der Stadt verließ die verschlungenen Gassen und die tra­ditionellen hanok – bezaubernde Holzhäuser mit Innenhöfen und elegant geschwungenen Ziegeldächern –, um in sterile Hochhäuser zu ziehen, die von einem Raster aus autofreundlichen Straßen umgeben sind. «Seoul hat seinen Reiz verloren», sagt Choo Chin Woo, Journalist der Wochenzeitung SisaIN. Oft mussten auch die Armen weichen, wenn ihre provisorischen Viertel zerstört wurden – um Wohnungen zu bauen, die sie sich nicht leisten konnten.

Doch im Laufe der Jahre gelang es immer größeren Teilen der Bevölkerung, am Wohnungsboom teilzuhaben und Eigentum zu er­werben. Heute besitzen die Hälfte der Einwoh­ner von Seoul ein eigenes Apartment. Koreaner heizen ihre Wohnung gern auf 25 Grad, sagt die Stadtplanerin Yeong-Hee Jang, und dank effizienter Heizsysteme in den Wohnungen können sie sich das auch leisten. Die Gebäude in Kang­nam seien auch deswegen aneinandergereiht wie strammstehende Soldaten, weil jeder ein nach Süden ausgerichtetes Apartment haben wolle – wegen der Wärme und des Feng-Shui.

(NG, Heft 01 / 2012, Seite(n) 86 bis 107)

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