Wissenschaft

Dieser unglaubliche Künstler zeichnet eine ganze Stadt aus dem Gedächtnis

Stephen Wiltshire bekam mit drei Jahren die Diagnose Autismus und ist mittlerweile berühmt für seine extrem detaillierten Zeichnungen, die er nach nur einem kurzen Blick zu Papier bringt. Donnerstag, 9 November

Von Nina Strochlic

Stephen Wiltshire ist heutzutage einer von Großbritanniens bekanntesten Künstlern. Es gibt eine vier- bis achtmonatige Warteliste für Aufträge bei ihm, und Videos, in denen er Stadtpanoramen in perfektem Maßstab zeichnet, verbreiten sich gern mal viral im Netz.

Aber als Stephen noch in die Schule ging, wussten seine Lehrer einfach nicht, was sie mit ihm machen sollten. Mit drei Jahren wurde bei ihm Autismus diagnostiziert und sein erstes Wort („Papier“) sagte er erst mit fünf Jahren. Schon als Kind konnte Stephen verblüffend akkurate Bilder von Tieren und Karrikaturen seiner Lehrer zeichnen.

Später begann er, die Gebäude, die er in London sah, beeindruckend detailreich zu zeichnen. Seine ältere Schwester Annette nahm ihn mit in die Wohnung eines Schulfreundes, der im 14. Stockwerk eines Wohnblocks wohnte, damit er einen ausladenden Blick auf die Stadt werfen konnte. Er staunte über deren Aufbau und ihre Wahrzeichen. Von diesem Moment an „wurde seine Leidenschaft zu einer Obsession“, erzählt sie.

Mit acht Jahren bekam er seinen ersten Auftrag – vom britischen Premierminister. Das Sprechen fiel ihm bis zum Folgejahr noch immer nicht leicht, aber mit 13 hatte er sein erstes Buch mit Zeichnungen veröffentlicht. Die Öffentlichkeit und die Medien waren fasziniert von dem unglaublichen Gedächtnis des jungen Teenagers. Stephen war in Fernsehsendungen und Dokumentation über sogenannte Savants oder Inselbegabte zu sehen.

Auf einer Reise nach New York für ein Interview traf er Oliver Sacks und zeichnete eine perfekte Nachbildung vom Haus des Neurologen, nachdem er nur einen kurzen Blick darauf geworfen hatte. „Die Kombination von beträchtlichen Fähigkeiten und beträchtlichen Unfähigkeiten ist ein außergewöhnliches Paradoxon: Wie können solche Gegensätze Seite an Seite existieren?“ Das schrieb Sacks später im Vorwort für Wiltshires zweites Buch.

Zwei Jahre später, also 1989, besuchte er Venedig und zeichnete sein erstes Panorama. Von da an wurde Stephen für seine unglaublich detaillierten Stadtansichten berühmt, jede davon aus dem Gedächtnis gezeichnet, mit Hunderten von Straßen, Wahrzeichen und anderen Details im perfekten Maßstab. Er zeichnete Städte auf der ganzen Welt, von Jerusalem bis Sydney. In seinem jüngsten Projekt erweckte er Mexiko-Stadt auf einer vier Meter langen Leinwand zum Leben.

In New York machte er einen 20-minütigen Hubschrauberflug und zeichnete dann alles, was er gesehen hatte, auf eine über fünf Meter lange Bahn Papier, während Zuschauer ihn dabei live per Webcam beobachten konnten.

„Trotz Stephens erstaunlichem Gedächtnis hat er geschafft, sich in Manhattan zu verlaufen und 45 Minuten lang in die falsche Richtung zu gehen, bevor er Cheyenne‘s Diner fand“, lautet eine scherzhafte Anekdote auf seiner offiziellen Website.

2006 hat Prinz Charles Stephen aufgrund seiner Beiträge zu Welt der Kunst zu einem Mitglied des Order of the British Empire gemacht. Im selben Jahr hat er seine eigene Galerie im Zentrum Londons eröffnet. Heutzutage begrüßt ein Foto von ihm Besucher des Londoner Flughafens Heathrow.

„Stephen ist extrem bescheiden und überhaupt nicht beunruhigt“, sagt Annette, die Managerin seiner Galerie ist.

Die Berühmtheit „hat seine Konzentration nicht beeinträchtigt oder ihn nervös gemacht ... Ich glaube, sie bringt seine Fähigkeiten sogar noch weiter voran.“

Und dank seiner erfolgreichen und gefeierten Karriere kommuniziert der einst stumme Künstler nun mühelos mit Millionen von Menschen. „Stephens Kunst spricht eine Sprache, die wir alle verstehen können“, sagt sie.

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