Wissenschaft

Sucht – Alkohol, Drogen, Internet

Unsere Titelgeschichte im Februar: Wege aus der Abhängigkeit – der Schlüssel liegt im Gehirn.Friday, January 26, 2018

Von National Geographic Magazin
Anna Rose Childress, Neurowissenschaftlerin an der University of
 Pennsylvania, analysiert Gehirnscans von kokainsüchtigen Patienten. Sie
 untersucht, wie unbewusst wahrgenommene Signale das Belohnungssystem des Gehirns reizen und zum Rückfall beitragen. Wenn sie Patienten auch nur für 33 Millisekunden Bilder wie das von Kokain auf dem
linken Monitor zeigt, wird deren Belohnungssystem stimuliert.

Je mehr die Wissenschaftler über unser Gehirn herausfinden, desto komplizierter wird es mit dem freien Willen. Am Ende, so zeigt sich immer öfter, sind es chemische Prozesse in unserem Kopf, die Tun und Emotionen beeinflussen, wenn nicht sogar steuern.

Wie zum Beispiel wird Verlangen ausgelöst? Die Forscher vermuten, durch einen plötzlichen Ausstoß von Dopamin. Der wiederum wird verursacht, wenn das Gehirn etwas Positives erwartet oder bekommt. Sieht ein Kokain-Abhängiger Weizenmehl, meldet sein Gehirn die Aussicht auf Rausch. Dieser Reiz ist so stark, dass er nur mit allergrößter Anstrengung wieder unter Kontrolle gebracht werden kann – oder mit einer Dosis beruhigt werden muss.

Das ist das Tückische an Drogen. 

Unser Gehirn funktioniert offenbar so ähnlich wie das von Fruchtfliegen. Die Kölner Neurobiologin Henrike Scholz hat erforscht, was passiert, wenn man den Insekten Alkohol verabreicht und sie betrunken macht: Sie rasen herum, laufen Kurven, wirken hyperaktiv, bis sie irgendwann umfallen und bewegungslos auf dem Rücken liegen. „Wenn man ihnen erneut Alkohol gibt, verändern sie ihr Verhalten“, sagt sie. Schon beim zweiten Mal dauere es viel länger, bis die Tiere betrunken sind: Stoffwechsel und Gehirn der Fliegen haben sich bereits angepasst – sie wollten den als angenehm empfundenen Zustand zurück.

Radikaltherapie: In der Marschak-Klinik, einem Drogentherapiezentrum in der Nähe von Moskau, wird einem Alkoholiker, der nach einem Monat Therapie entlassen werden soll, ein Halbjahresdepot Antabus unter die Haut gepflanzt. Bei Alkoholkonsum bewirkt dieses Medikament Erbrechen, es ist also eine Art Entwöhnungsmittel.

Während Alkohol von einigen Tierarten aufgrund seines Kaloriengehalts geschätzt wird, zeige sich Sucht, so Scholz, erst bei höher entwickelten Arten. Nur die könnten sich regelmäßig einen Rausch erlauben, weil sie weniger natürliche Feinde haben. Am Ende geht es um Leben und Tod.

Die Bestrahlung bestimmter Hirn-Areale verspricht abhängigen Menschen und ihren Angehörigen nun Hoffnung. Ex-Kokainsüchtige berichten, so seien sie von der Droge losgekommen. Diese Fähigkeit, durch Forschung Fortschritt zu erreichen, unterscheidet uns eben doch von den Tieren. 

Die Titelgeschichte über Sucht steht in der Ausgabe 2/2018 des National Geographic Magazins. Jetzt ein Magazin-Abo abschließen!

Wei­ter­le­sen