Wissenschaft

"Der moderne Lebensstil hat sich weit von unserer Genetik entfernt"

Andreas Michalsen kombiniert Schulmedizin mit Naturheilkunde: Fasten als Prävention, Hightech im Ernstfall. Donnerstag, 27 Dezember

Von Ines Bellinger

Herr Michalsen, Sie sind Chefarzt der Abteilung für Naturheilkunde am Immanuel Krankenhaus in Berlin. Mit welchen Beschwerden kommen Patienten zu Ihnen?

Viele leiden an Schmerzsyndromen: chronischen Rückenschmerzen, Nackenschmerzen, Kopfschmerzen, Arthrosen. Wir behandeln auch Patienten mit Darmentzündungen oder Rheuma. Und solche mit lebensstilabhängigen Erkrankungen: Diabetes Typ 2, Bluthochdruck, Übergewicht. Manchmal kommen auch Krebspatienten, die ergänzende Behandlungsansätze suchen, oder Menschen, die an seltenen Krankheiten leiden, bei denen die therapeutische Situation fast ausgereizt ist.

Sie verfolgen den Ansatz der integrativen Medizin. Was bedeutet das?

Integrative Medizin kombiniert Schulmedizin mit seriöser Naturheilkunde. Ich habe nicht meine Facharztausbildung als Internist vergessen, nur weil ich mal ein Heilkraut verschreibe. Wenn ich einen Patienten vor mir habe, ist es immer eine Abwägung: Braucht er jetzt einen dritten Blutdrucksenker, oder versucht er es besser mal mit einer Ernährungsumstellung und mit Kneipp-Güssen.

Welche Methoden wenden Sie an?

Wir erleben eine Globalisierung der traditionellen Medizin. Ernährung, Heilfasten, Massagen, Kalt-Warm-Anwendungen und Bewegung sind weiter klassische Säulen, aber stark durchmischt mit Mind-Body-Medizin: Ayurveda, chinesische Medizin, die japanische Pflanzenheilkunde Kampo, Yoga, Tai Chi, Qigong, Meditation.

Wo ist für Sie die Grenze?

Es gibt viele unbewiesene Therapien, von Bioresonanz bis Kinesiologie. Da sind wir relativ strikt: Entweder muss es einen Beleg für eine Wirksamkeit geben oder eine klare Plausibilität. Wenn etwas völlig hanebüchen ist, dann sagen wir lieber Nein.

Was erwarten Patienten von Naturheilkunde?

Naturheilkunde ist positiv besetzt, besonders in den deutschsprachigen Ländern. Was hinter dieser Natursehnsucht steckt, das müssen Anthropologen beantworten. Unsere Patienten schätzen jedenfalls, dass sie selber etwas tun können. Es hat sich ja über die Jahrzehnte eine sehr passive Medizin entwickelt, technisch orientiert und immer fragmentarischer. Der Patient kann oft kaum nachvollziehen, was bei einer Behandlung mit ihm passiert.

Und dann kommt die Naturheilkunde und sagt, die Minze, die du da draußen pflücken kannst, die ist auch gut für deinen Darm.

Genau, das versteht jeder. Es ist ein ganz großer Vorteil der Naturheilkunde, dass sie zu einer Reaktivierung führt und dass sie das Gefühl vermittelt: Ich trage auch selber Verantwortung für meine Gesundheit. Man kann Yoga nicht einfach nur verordnen, der Patient muss es selber tun. Fasten, Ernährung, Meditation, Kneipp-Güsse, Sauna – das sind alles eigenaktive Verfahren.

Kommen Patienten zu Ihnen, weil sie von Ihren Methoden überzeugt sind oder aus Verzweiflung?

In der Regel ist schon ein großes Vertrauen in uns da. Nach einer aktuellen Umfrage wünschen sich 70 Prozent der Deutschen, im Krankheitsfall auch mit alternativen Methoden behandelt zu werden. Je schwieriger eine Therapie wird, je reicher an Nebenwirkungen sie ist, desto mehr entsteht der Wunsch, dass man das auch noch natürlich behandeln kann.

Welche Rolle spielt dabei, dass Sie für Ihre Patienten in der Regel mehr Zeit au ringen können als ein Allgemeinmediziner oder ein anderer Facharzt?

Der Heileffekt ist größer, wenn mehr Zeit eingesetzt wird. Das ist belegt. Und das ist natürlich das Drama der modernen Medizin, dass sie diesen zentralen Faktor vernachlässigt hat. Aber das Gespräch muss im Heilsystem einen Sinn ergeben. Wenn alle Internisten jetzt zwangsweise 20 Minuten mit dem Patienten sprechen, hat das keinen Effekt. Für jemanden, der Mind- Body-Medizin macht, also Programme für Stressbewältigung und Lebensstil entwickelt, ist das Gespräch hingegen essenziell für die medizinische Handlung.

Sie haben zunächst als Internist gearbeitet. Wie sind Sie zur Naturheilkunde gekommen? Mein Vater war auch Arzt mit dieser Spezialisierung. Aus Trotz habe ich mich zunächst davon abgewendet, Intensivmedizin und Kardiologie gemacht – es konnte gar nicht technisch genug sein. Nach neun Jahren kam ich an den Punkt, an dem ich es nicht mehr als befriedigend empfunden habe, den ganzen Tag Stents zu legen und Herzschrittmacher zu implantieren, anstatt zu ergründen, warum die Patienten die Gefäßverkalkung überhaupt bekommen haben.

Wenn man Schulmedizin und Komplementärmedizin zusammenbringen will – erntet man da nicht Skepsis auf beiden Seiten?


Es gibt in beiden Lagern Scharlatane und Unseriöses. Es werden Eingriffe vorgenommen, die haben weder eine Evidenz noch irgendeine andere Form von Wirksamkeitsbeleg, die sind überteuert und gefährlich, aber die lässt man oft mehrere Jahre erst mal laufen. Wenn dasselbe die Naturheilkunde machen würde, gäbe es sofort einen Aufschrei.

Sind Schulmediziner mittlerweile offener für naturheilkundliche Verfahren?

Bei der jungen Generation sehe ich ganz klar eine Öffnung, die ist auch sehr informiert. Die Tragik ist ja, dass 90 Prozent der sehr skeptischen Schulmediziner, mit denen ich in die Diskussion gehe, überhaupt keine Ahnung von dem Thema haben. Das ist, als ob ich mir als Internist anmaßen würde, dem Hals-Nasen-Ohren-Arzt zu sagen, was er für einen Quatsch macht. Bei der Naturheilkunde traut sich jeder mitzureden. Das wird nicht wirklich weniger.

Warum gibt es so wenige Studien zu Naturheilverfahren?

Die Naturheilkunde ist nicht patentgeschützt. Es gibt also keine Industrie dahinter, die Studien fördern würde. In Deutschland sind aber 90 Prozent der Forschung industriefinanziert. Da braucht sich niemand zu wundern, dass nicht mehr Evidenz da ist. Interessanterweise kommt bei traditionellen Verfahren wie Blutegeltherapien und Schröpfen aber überdurchschnittlich viel Positives heraus, wenn man sie überprüft.

Wo stößt Naturheilkunde an ihre Grenzen?

In der Intensivmedizin, Notfallmedizin, Akutkardiologie hat die Komplementärmedizin nichts zu suchen. Und bei Krebs gilt: Erst kommen Chemotherapie, Operation und Bestrahlung und erst dann die integrative Medizin.

Bis zu 80 Prozent der Krebspatienten in Deutschland nehmen auch alternative Heilmethoden in Anspruch. Kann das nicht gefährlich sein, weil sie dadurch möglicherweise abrücken von dringend notwendigen schulmedizinischen Therapien?

Wir machen eher die umgekehrte Erfahrung. Zu uns kommen sehr oft Krebspatienten, die von vornherein sagen: keine Chemo. Und wir überzeugen sie und sagen: Jetzt machen Sie die Chemotherapie, und ergänzend trinken Sie Ingwertee gegen die Übelkeit oder machen Yoga. Ich weiß, dass es im Heilpraktikerbereich auch ein paar Leute gibt, die Dinge über Krebs erzählen, die Patienten in Gefahr bringen können. Ich selbst kenne aber keinen Patienten, wo ich sagen würde, da ist wirklich etwas schiefgelaufen.

2017 wurden in Deutschland mehr als 50000 Packungen homöopathischer Arzneien verkauft, es gibt mehr als 5 000 Homöopathika. Wie stehen Sie zur Behandlung mit Mitteln, die lediglich einen Placeboeffekt haben?

Natürlich ist die Theorie der Homöopathie völlig unglaubwürdig. Wir haben bei uns ein, zwei Ärzte, die in besonderen Situationen auch darauf zurückgreifen. Und ich lasse sie gewähren, weil Beobachtungsstudien an der Charité trotz des fehlenden Nachweises einer spezifischen Wirksamkeit zum Beispiel bei Allergien gewisse Effekte zeigen. Homöopathie ist wahrscheinlich ein Superplacebo.

Und was fängt man mit diesem Wissen an?

Anstatt immer aggressiver darüber zu streiten, sollte man dieses Phänomen wissenschaftlich untersuchen und schauen, was die Faktoren sind: Ist es das Gespräch? Ist es das Setting? Ist es die Resonanz, der Glaube daran? Homöopathie abzuschaffen finde ich ethisch nicht vertretbar, denn wenn es eine Behandlung gibt, die einen besseren Placeboeffekt bietet als eine andere, dann möchte ich die Behandlung mit dem größten Placeboeffekt.

In Deutschland gibt es neben drei Stiftungsprofessuren an der Charité Lehrstühle für Naturheilkunde in Essen, Rostock, Witten/ Herdecke und von diesem Jahr an auch in Tübingen. Der Gesundheitswissenschaftler Norbert Schmacke sieht die akademische Welt nun „auf die Rutschbahn der Esoterik“ gelangt. Was halten Sie davon?

Was Schmacke sagt, ist eine Frechheit. Man macht der Komplementärmedizin zum Vorwurf, dass sie nicht genügend erforscht ist. Und wenn man sie erforschen will, macht man ihr wiederum das zum Vorwurf. Gerade die akademische Einbindung bringt doch mehr Evidenz. Hätte man an jeder deutschen Universität eine Abteilung für Naturheilkunde, gäbe es diesen Wildwuchs im Bereich der Heilpraktiker und diese ganzen Pseudotherapien gar nicht.

Ihr Spezialgebiet ist Ernährung. Sie raten zu einer pflanzenbasierten Ernährung und zum Fasten. Warum?

Die Mehrzahl der chronischen Erkrankungen bekommen wir, weil sich der moderne Lebensstil sehr weit von unserer genetischen Programmie
rung entfernt hat. Immer
wenn bei der Ernährung
 zu viel Zucker und zu viel
tierisches Eiweiß im Spiel
 ist, dann ist die Steuerung 
unseres Körpers überfo
dert. Mit Fasten können
wir Hungerperioden, die
wir glücklicherweise nicht 
mehr unwillentlich erleiden müssen, bewusst und gesteuert in unser Leben zurückholen. Das beugt vor und wirkt vermutlich lebensverlängernd.

Wie kann man alltagstauglich fasten?

Wenn man ein mehrtägiges Heilfasten nicht machen kann oder will, bringt Intervallfasten die besten Effekte. Man sollte von Tag zu Tag versuchen, eine 14- bis 16-stündige Essenspause einzulegen. Ideal wäre es, die Phase der Nahrungsaufnahme zwischen zehn und 18 Uhr zu platzieren und die größte Mahlzeit zwischen zehn und zwölf Uhr einzunehmen, wenn sich die Kurven der absinkenden Melatonin-Produktion aus der Nacht und der morgens ansteigenden Insulin-Sensitivität überschneiden.

Befürworten Sie eine Zuckersteuer?

Wir brauchen insgesamt eine Nahrungsmittelbesteuerung. Verarbeitete Lebensmittel sollten besteuert werden und alle unverarbeiteten, naturnahen subventioniert. Aber Deutschland ist ein Land, in dem man den Lobbyisten zu Füßen liegt, egal ob es um Autos geht oder um die Nahrungsmittelindustrie.

Wir beschäftigen uns in dieser Ausgabe mit der Zukunft der Medizin. Was ist Ihre Vision?

 Wir müssen unser Gesundheitswesen komplett anders steuern, mit anderen Honorarsystemen für Ärzte, mit Anreizsystemen für Patienten, um bereits bei der Prävention anzusetzen und nicht später Ressourcen für teure Operationen wie Magenverkleinerungen zu verschwenden. Ein präventiv wirksames Heilwesen, mit einer starken Betonung der Naturheilkunde und einer hochtechnisierten, hocheffektiven Medizin für den akuten Ernstfall. Das wäre mein Traum.

Wie kann man eine solche Prävention betreiben, ohne Patienten zu bevormunden?

Letztlich werden uns Bedürfnisse doch fortlaufend suggeriert. Wir kaufen das, was durch die Werbung geht, das, was im Supermarktregal steht. Dummerweise hat man die Rechnung im Bereich der Ernährung, der Mobilität, der Digitalisierung ohne die Biologie gemacht. Wenn ich sehe, dass Kinder heute vier bis sechs Stunden am Tag vor Smartphones oder Fernsehgeräten sitzen, will ich mir gar nicht ausmalen, wie deren Gesundheitsdaten aussehen, wenn sie mal 50 oder 60 Jahre alt sind. Manchmal kommt mir das fast so vor wie eine präapokalyptische Übertreibung, wie auf der „Titanic“: Jetzt noch mal eine ordentliche Scheibe Wurst mit Zucker drauf und noch drei Bier. Dagegen müssen wir etwas machen!

Dieses Interview stammt aus Heft 1/2019 des National Geographic-Magazins. Dort finden Sie weitere Artikel zur Heilkunst der Zukunft.

Wei­ter­le­sen