Wissenschaft

Menschen produzieren körpereigenes Morphin

Winzige Mengen des Schmerzmittels werden im Körper von Mäusen und Menschen natürlich produziert. Dienstag, 11 Dezember

Von Christine Dell'Amore

Unsere Körper produzieren fortwährend einen kleinen Vorrat an natürlichem Morphin.

Spuren des Opiats wurden im Rahmen einer Studie, die in „Proceedings of the National Academy of Sciences“ erschien, im Urin von Menschen und Mäusen gefunden und stellten Wissenschaftler vor die Frage, ob die chemische Verbindung in den Testsubjekten natürlich produziert oder mit der Nahrung aufgenommen wurde.

Eine Studie aus dem Jahr 2010 zeigte, dass Mäuse das potente Schmerzmittel selbst produzieren können – und dass Menschen und andere Säugetiere den Bauplan für dessen Produktion ebenfalls besitzen, erklärte der 2011 verstorbene Co-Autor der Studie, Meinhart Zenk, der zum damaligen Zeitpunkt pflanzenbasierte Arzneimittel am Donald Danforth Plant Science Center in St. Louis in Missouri erforschte.

Im Rahmen der Studie verabreichten die Forscher den Mäusen eine Extradosis Tetrahydropapaverolin (THP). Die Chemikalie wird im Körper von Mäusen und Menschen natürlich produziert.

Mit einem Massenspektrometer wurde der Mäuseurin analysiert und das Team konnte feststellen, dass das THP im Körper umgewandelt und zur Produktion von Morphin benutzt wurde.

Darüber hinaus konnten die Wissenschaftler herausfinden, dass das Mäusemorphin fast auf die gleiche Weise produziert wird wie das Morphin im Schlafmohn – bisher die einzige bekannte Pflanze, die den Wirkstoff bildet.

Morphin zur Verteidigung?

Aber die große Frage sei, wofür das Morphin gut ist, sagte Zenker über den Fund des Teams.

Das THP muss einen komplexen Prozess aus 17 Einzelschritten durchlaufen, damit der Körper Morphin herstellen kann. Trotzdem hat sich die Chemikalie mehrmals in der Natur entwickelt. Das lässt vermuten, dass sie dem Überleben gewisser Arten zuträglich ist.

Zumindest was den gut erforschten Schlafmohn angeht, nehmen Forscher an, dass das Morphin als Verteidigungsmechanismus gegen Fressfeinde dient. Wenn beispielsweise ein Hase Schlafmohn frisst, wird er träge und wäre damit leichte Beute für Greifvögel.

Ähnlich könnte das Morphin bei Menschen wirken, mutmaßte Zenk. Wenn ein Mensch von einem Tier angegriffen wird, könnte das Opiat genügend Schmerzen unterdrücken, damit die Person entkommen kann.

Zenk betonte allerdings, dass das „reine Spekulation“ sei.

Außerdem sei schwer abzusehen, ob die Entdeckung bei der Entwicklung neuer Behandlungsmöglichkeiten helfen könne.

Allerdings sei es denkbar, dass Wissenschaftler eines Tages die natürliche Morphinproduktion des Menschen gezielt ansteuern können, die womöglich eine geringere Belastung für den Körper darstellen als Injektionen. Über Spritzen verabreichtes Morphin kann Zenk zufolge viele Nebenwirkungen hervorrufen, insbesondere Verstopfung.

 

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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