150 Jahre oder mehr – wie alt können Menschen wirklich werden?

Schon seit Jahrhunderten träumt der Mensch von der Unsterblichkeit. Tatsächlich steigt die Lebenserwartung Jahr für Jahr weiter an. Doch kann der Mensch ewig altern oder gibt es doch eine Grenze? Neue Studien sollen Aufschluss geben.

Von Markus Röck
Veröffentlicht am 2. Aug. 2021, 10:49 MESZ
Hand einer Seniorin berührt Bein eines Kleinkinds

Lässt sich das menschliche Leben ewig verlängern? Forscher haben die Antwort gefunden.

Bild Rod Long on Unsplash.com

Im Gegensatz zu den Jahren davor war Jeanne Calments letzter Geburtstag eine „ruhige Angelegenheit“. So vermeldete es die Nachrichtenagentur AP im Februar 1997. Calment feierte ihn im Altenheim der französischen Kleinstadt Arles, wo sie ihren Lebensabend verbrachte. Zu Besuch kamen der Bürgermeister der Stadt und ein Regierungsvertreter. Auch ein Fernsehteam war vor Ort. Das Aufgebot war allerdings nicht mit dem im Vorjahr zu vergleichen, als noch 150 Journalisten das kleine Altenheim stürmten.

Dennoch war der Geburtstag der 1875 geborenen Französin eine Sensation. Als erster Mensch überhaupt vollendete Calment erwiesenermaßen ihr 122. Lebensjahr. Heute, mehr als 20 Jahre später, ist sie immer noch der älteste bekannte Mensch, der je gelebt hat. Und das, obwohl die Lebenserwartung von Menschen durch Fortschritte in der Medizin und Technologie Jahr für Jahr steigt. 2020 betrug sie für Frauen durchschnittlich 83,6 Jahre. Männer wurden im Schnitt 78,9 Jahre alt.

Die Menschen werden immer älter

Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Menschen ist zwar noch weit entfernt von Jeanne Calments Altersrekord und trotzdem könnte dieser bald gebrochen werden. Dies zeigen die Ergebnisse einer Studie der Forscher Michael Pearce und Adrian Raftery von der Universität von Washington, im Sommer 2021 in der Fachzeitschrift Demographic Research veröffentlicht wurde.

Anhand von statistischen Methoden berechneten die beiden Forscher, wie sich die Langlebigkeit bei Menschen im 21. Jahrhundert verändern wird. Dafür nutzten sie Daten aus der sogenannten „International Database on Longevity“. Das Max Planck-Institut listet dort Personen aus 13 Ländern auf, die nachweislich mindestens 110 Jahre alt geworden sind.

Das von den Forschern aufgestellte Modell zeige, dass die Zahl der Menschen, die eine besonders hohe Lebensspanne erreichen, in den kommenden Jahren steigen werde. Damit erhöhe sich auch die Chance auf neue Rekord-Lebensspannen. „(…) zu einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 99 % wird der aktuelle Altersrekord von 122 Jahren bis 2100 gebrochen werden“, heißt es in der Studie. Dass eine Person noch in diesem Jahrhundert das Alter von 130 Jahren erreicht, sei der Studie zufolge ebenfalls denkbar.

Galerie: Zu Besuch in Japans Dorf der Hundertjährigen

Ewiges Altern?

Doch heißt das, dass sich die menschliche Lebensdauer ewig steigern lässt? Diese Frage hat sich ein internationales Forscherteam rund um den Wissenschaftler Timothy Pyrkov gestellt. In einer Studie untersuchten Pyrkov und sein Team Gesundheitsdaten aus den USA, Großbritannien und Russland. Ihre Ergebnisse wurden in der Zeitschrift Nature Communications veröffentlicht. Ein erster Blick in die Studie zeigt schnell die Grenzen des menschlichen Alterns auf. Durch das Zusammenspiel eines gesunden Lebensstils, der richtigen Genetik und einer Portion Glück ist es zwar durchaus möglich, ein Alter jenseits der 100 Jahre zu erreichen. Mit zunehmendem Alter nehme aber die sogenannte „Resilienz“ – das ist die Fähigkeit des Körpers, sich nach Störungen wieder zu regenerieren – fortlaufend ab. Zwischen 120 und 150 Jahren sei diese Resilienz komplett verschwunden. „(…) das stellt ein natürliches Limit der menschlichen Lebensspanne dar“, so die Forscher um Pyrkov in der Studie.

Für den Alternsforscher Björn Schumacher sind Grenzen in der menschlichen Lebensspanne nicht verwunderlich. „Unsere Gene sind einfach nicht dafür ausgerichtet, den Körper für immer zu erhalten“, sagt Schumacher. Am CECAD Exzellenzcluster für Alternsforschung an der Universität Köln erforscht der 46-Jährige die biologischen Prozesse, die hinter dem Altern stecken. Für Schumacher und für das noch junge wissenschaftliche Feld der Alternsforschung ist die maximale Lebensdauer eines Menschen aber nebensächlich: „Es geht nicht darum, wie alt wir werden. Das Entscheidende ist, dass wir bis ins hohe Alter unsere Gesundheit erhalten.“

Nicht die Verlängerung der Lebensspanne, sondern ein gesundes Altern steht im Fokus der Altersforschung.

Bild Vidar Nordli-Mathisen on Unsplash.com

Wenn die Lebenserwartung zur Herausforderung wird

In den meisten Ländern der Welt hat die steigende Lebenserwartung der letzten Jahre bereits zu einem demographischen Wandel geführt. So ist in Deutschland bereits jede zweite Person älter als 45 Jahre und jede fünfte Person älter als 66 Jahre, wie aus Zahlen des statistischen Bundesamts hervorgeht. Damit steigen aber auch die Herausforderungen für die Gesellschaft. „Schon jetzt leidet die Hälfte der über 65-Jährigen an Multimorbidität – dem Auftreten mehrerer chronischer Krankheiten gleichzeitig“, sagt Schumacher. Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Demenz – bei älteren Menschen ist das Auftreten solcher Krankheiten keine Seltenheit.

In den nächsten Jahren könnte sich die Situation noch verschärfen. Laut Schumacher nehme die Zahl der über 65-jährigen weiter zu und könnte bald schon ein Drittel der Bevölkerung ausmachen. „Dann stehen wir vor einer riesigen gesellschaftlichen und gesundheitlichen Problematik, weil ein erheblicher Teil der Bevölkerung krank sein wird“, so Schumacher. Um das zu verhindern, ist die Alternsforschung gefordert. „Wir haben immer noch die Chance, dass wir dieses Problem durch eine massive Auswertung von Forschung, Entwicklung und klinischer Implementation bewältigen können.“

Wie man das Leben verlängern kann

Erste Erkenntnisse aus der Alternsforschung gibt es bereits: So spielen neben einer genetischen Komponente vor allem sogenannte Umweltfaktoren eine große Rolle beim Alterungsprozess. Sie bestimmen, wie ein Mensch altert, wie lange er lebt und wann er bestimmte Krankheiten entwickelt. Genau bei solchen Umweltfaktoren könne man ansetzen. „Ganz klar ist, dass die Ernährung und der Lebensstil eines Menschen eine große Rolle spielen“, sagt Schumacher. Körperliche Aktivität oder eine Verringerung des Kaloriengehalts bei der Nahrungsaufnahme – all das bringe einen Gesundheitsvorteil mit sich, der sich lebensverlängernd auswirken könnte.

Ein gesunder Lebensstil alleine würde aber in Schumachers Augen nicht ausreichen, um die Probleme der alternden Gesellschaft zu lösen: „Es braucht auch die Entwicklung neuer Therapien, die die Gesundheit der Bevölkerung im hohen Alter erhalten.“ Aktuell fehle es dafür aber immer noch an den entsprechenden Forschungsmitteln. „In der Vergangenheit hat sich bereits viel getan. Aber im Bereich der Alternsforschung sind noch deutlich mehr Investitionen nötig.“

Gelingt es, die nötigen Mittel für die Alternsforschung aufzutreiben, sind dem gesunden Altern in Zukunft fast keine Grenzen gesetzt. Dass dann auch die Zahl der 110-, 120- oder gar 130-Jährigen stark zunehmen würde, glaubt Schumacher allerdings nicht. „Aus historischen Daten hat sich gezeigt, dass sich die Altersgrenze bei 100 Jahren einpendeln wird.“ Extremfälle wie Jeanne Calment, die kurz nach ihrem 122. Geburtstag verstarb, werden also auch in Zukunft die Ausnahme bleiben.

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