Frühjahrsmüdigkeit: Das steckt dahinter

Die Freude über die ersten warmen Tage kann durch die Frühjahrsmüdigkeit empfindlich gestört werden. Betroffen sind vor allem Personen mit niedrigem Blutdruck.

Veröffentlicht am 29. März 2022, 14:12 MESZ
Mann liegt im Garten in einer Hängematte

Frühjahrsmüdigkeit ist ein Phänomen, das einen signifikanten Teil der Bevölkerung betrifft.

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Für die meisten Menschen ist es ein Grund zur Freude, wenn im Frühling die Tage merklich länger werden und die Sonnenstrahlen langsam an Kraft gewinnen. So geben in einer Umfrage der Marktforschungs-Plattform Statista über 80 Prozent der Befragten an, sich besonders auf Sport und Bewegung im Freien zu freuen. Doch die Frühjahrsmüdigkeit kann einem da einen Strich durch die Rechnung machen.

Besonders viele Menschen freuen sich im Frühling auf Unternehmungen im Freien.

Foto von Statista 2022

Als Frühjahrsmüdigkeit bezeichnet der Volksmund eine Periode von etwa zwei bis vier Wochen, die in der Regel zwischen Januar und Mai auftritt und einzelne Personen betrifft. Einer Emnid-Umfrage aus dem Jahr 2017 zufolge berichten 22 Prozent der Männer und 39 Prozent der Frauen über Abgeschlagenheit und Antriebslosigkeit im Frühling. Auch Kreislaufbeschwerden, Kopfschmerzen, Stimmungsschwankungen und Konzentrationsschwäche zählen ebenso zu den Symptomen wie die namensgebende Müdigkeit.

Doch Schlappheit und Müdigkeit im Frühling gelten noch immer als individuelle Erfahrungen: „Die Frühjahrsmüdigkeit ist keine eigenständige Diagnose“, wie Diplom-Psychologe Markus Specht, Leiter des Zentrums für interdisziplinäre Schlafmedizin an der DKD Helios Klinik in Wiesbaden, im Gespräch mit NATIONAL GEOGRAPHIC erklärt. Daher gibt es kaum Studien dazu. Vielmehr ist die Frühjahrsmüdigkeit das Ergebnis eines Aufeinandertreffens verschiedener Umstände, die unseren Körper vor Herausforderungen stellen.

So entsteht Frühjahrsmüdigkeit

Während früher ein Mangel an Vitaminen oder Nährstoffen für die Frühjahrsmüdigkeit verantwortlich gemacht wurde, geht man heute eher davon aus, dass die Ursache in einer Veränderung des Hormonspiegels zu suchen ist.

Für die Endokrinologie spielt das Verhältnis von Licht und Dunkelheit eine wichtige Rolle: Bei Lichtverhältnissen mit niedrigen Luxzahlen wird die Bildung des „Schlafhormons“ Melatonin gefördert, durch natürliches Licht ab einer Luxzahl zwischen etwa 5.000 und 100.000 bildet der Körper hingegen verstärkt das „Glückshormon“ Serotonin, das die Stimmung und den Schlaf-Wach-Rhythmus reguliert. „Nach dem dunklen Winter sind die Serotoninspeicher bei vielen Menschen aber leer,“ erklärt der Schlafmediziner. Im Alltag fällt es vielen Menschen schwer, neben der Arbeit noch genug Zeit im Freien zu verbringen, um die Serotoninspeicher wieder aufzufüllen. Gleichzeitig bildet der Körper in den dunklen Wintermonaten mehr Melatonin. Im Frühling kann dann dieses Ungleichgewicht zwischen Melatonin und Serotonin zu Müdigkeit und Antriebslosigkeit führen.

Auch der Kreislauf spielt eine Rolle: Der Wechsel zwischen Sonne und Regen sowie Temperaturschwankungen strengen den Körper zusätzlich an. „Gerade bei starken Temperaturwechseln müssen die den Blutdruck regulierenden Blutgefäße einiges leisten – da sind Blutdruckschwankungen keine Überraschung“, so Markus Specht. So sind besonders Menschen mit niedrigem Blutdruck von den Symptomen der Frühjahrsmüdigkeit betroffen. Ein hohes Fitnesslevel sowie ein gesundes Herz-Kreislauf-System sind daher eine gute Vorsorge gegen Schlappheit und Müdigkeit – nicht nur im Frühjahr.

Zudem beeinflusst die Umgebungstemperatur die Schlafqualität. Dies hat eine Studie des südkoreanischen Ulsan National Institute of Science and Technology (UNIST) ergeben. In Versuchen mit Fruchtfliegen konnte das Forscherteam einen Zusammenhang zwischen Veränderungen in der Temperatur und Schlafmustern nachweisen. Wärmere Temperaturen können Ein- oder Durchschlafstörungen bedingen. Der daraus resultierende Schlafmangel hat Müdigkeit und Abgeschlagenheit zur Folge.

Um sich umzugewöhnen und auf wärmere Temperaturen und längere Tage einzustellen, braucht der Körper etwa zwei bis vier Wochen, in denen man sich verstärkt schlapp und erschöpft fühlen kann, denn so lange braucht die innere Uhr, um sich umzustellen. Doch bereits kleine Maßnahmen im Alltag können gegen Frühjahrsmüdigkeit helfen.

Bewegung im Freien kurbelt den Kreislauf und die Serotoninproduktion an.

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Der Frühjahrsmüdigkeit entgegenwirken

Da Licht eine große Rolle bei der Bildung des „Gute-Laune-Hormons“ Serotonin spielt, empfiehlt der Schlafmediziner vor allem regelmäßige Bewegung an der frischen Luft. So kommen Kreislauf und Serotoninproduktion gleichermaßen in Schwung. Richtig eingesetzt, kann auch eine Tageslichtlampe gegen die Frühjahrsmüdigkeit helfen: „Es kommt darauf an, die Tageslichtlampe zum richtigen Zeitpunkt zu nutzen, idealerweise in den Morgenstunden, direkt nach dem Aufstehen und immer zur gleichen Zeit. Diese regelmäßige Lichtdusche triggert die innere Uhr und stabilisiert dadurch den Schlaf-Wach-Rhythmus. Daran binden sich dann in idealer Weise die weiteren biorhythmischen Prozesse des Körpers“, rät der Leiter des Zentrums für interdisziplinäre Schlafmedizin an der DKD Helios Klinik in Wiesbaden.

Bereits eine halbe Stunde vor der Tageslichtlampe mit 10.000 Lux, oder zwei Stunden bei 2500 Lux können helfen, die Serotoninproduktion anzukurbeln, was sich auch positiv auf Symptome wie Müdigkeit und Stimmungsschwankungen auswirken kann. Studien belegen die Wirksamkeit der Lichttherapie mit Tageslichtlampen in der Behandlung von saisonaler Depression. „Allerdings“, schränkt der Schlafmediziner ein, „gibt es keine wissenschaftliche Untersuchung, die belegt, dass sich durch die Nutzung einer Tageslichtlampe die Symptome der Frühjahrsmüdigkeit vollständig vertreiben lassen“.

Gleichzeitig kann man die Frühjahrsmüdigkeit aber auch als Chance begreifen: Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, sich gesünder zu ernähren, indem man viel Obst, Gemüse, Vollkornprodukte und hochwertige Proteine in den Speiseplan einbaut und dafür stark verarbeitete Lebensmittel weglässt. Achten Sie außerdem darauf, genug zu trinken: 1,5 bis 2 Liter Wasser oder ungesüßter Tee pro Tag sorgen für ausreichende Flüssigkeitszufuhr. Auch mehr körperliche Aktivität, idealerweise im Freien, sorgt jetzt für eine bessere Stimmung und mehr Elan. Zusätzlich bringen Saunagänge oder Wechselduschen den Kreislauf ganzjährig in Schwung und unterstützen im Frühling den Körper bei der Umstellung.

Wer in diesem Frühling gesündere Angewohnheiten in den Alltag implementiert und beibehält, schafft so über das Jahr eine Basis, auf deren Grundlage der Körper im nächsten Frühling besser auf diesen Wechsel reagieren kann.

Frühjahrsmüdigkeit oder Frühjahrsdepression?

In der Regel verschwinden die Symptome der Frühjahrsmüdigkeit nach spätestens vier Wochen. Wer nach Ablauf dieser Zeitspanne keine Besserung feststellt, sollte ärztlichen Rat einholen.

Aus der Frühjahrsmüdigkeit kann sich unter bestimmten Umständen eine depressive Episode entwickeln.

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Denn unter bestimmten Umständen kann aus der Frühjahrsmüdigkeit eine Frühjahrsdepression werden. Gerade wer von sich selbst Höchstleistungen erwartet, kann durch eine Episode von Frühjahrsmüdigkeit Selbstzweifel und ein geringes Selbstwertgefühl entwickeln. „Die Gefühle folgen den Bewertungen“, betont Specht. Das bedeutet: Wer versucht, der Abgeschlagenheit und Antriebslosigkeit zu begegnen, indem er oder sie mehr Leistung von sich selbst erwartet, ohne die Ursachen zu hinterfragen, gerät schnell in einen Kreislauf aus Enttäuschung und noch höherem inneren Druck. Dies schadet dem Selbstwertgefühl und kann sich im Extremfall zu einer ernstzunehmenden Depression entwickeln. Auch im Rahmen einer genetischen Disposition kann aus der Frühjahrsmüdigkeit eine Frühjahrsdepression entstehen.

Damit sich aus einem vorübergehenden Leistungstief keine Depression entwickelt, empfiehlt der Diplom-Psychologe, solche Phasen zunächst unbewertet zu akzeptieren und durch gesunde Ernährung, Bewegung und natürliches Tageslicht sanft gegenzusteuern. Werden die Symptome allerdings unerträglich oder halten länger als vier Wochen an, sollten Betroffene unbedingt einen Arzt aufsuchen, um tieferliegende Ursachen erkennen und behandeln zu können.

So beeinflusst die Zeitumstellung die Frühjahrsmüdigkeit

Ein bedeutender Faktor dabei, wenn sich große Teile der Bevölkerung im Frühling schlapp und müde fühlen, ist nach Einschätzung des Leiters des Zentrums für Schlafmedizin die Zeitumstellung auf die Sommerzeit Ende März. Diese gilt seit 1980 und wurde eingeführt, um Energie zu sparen. „Die Sommerzeit ist nicht die natürliche Zeit“, betont Markus Specht.

Zwar hat das EU-Parlament einem Gesetzentwurf zur Abschaffung der Zeitumstellung bereits 2019 zugestimmt, für die konkrete Umsetzung muss aber zunächst ein Kompromiss unter den Mitgliedsstaaten gefunden werden. Bei Diskussionen um die Abschaffung der Zeitumstellung sind jedoch einige Faktoren zu berücksichtigen: So soll beispielsweise vermieden werden, dass verschiedene Zeitzonen innerhalb der EU entstehen. Auch ist noch nicht abschließend geklärt, ob nach Abschaffung der Zeitumstellung die Normal- oder Winterzeit gelten soll oder aber die Sommerzeit.

Schon vor Sonnenaufgang laufen im Körper Aufwachprozesse ab.

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Ohne Zeitumstellung geht die Sonne im März ungefähr um 6:30 auf. Die Helligkeit, die dem Sonnenaufgang vorausgeht, sorgt ganz natürlich dafür, dass der Körper die Produktion des Schlafhormons einstellt, so dass wir leichter aufstehen, wenn der Wecker klingelt. Durch die Zeitumstellung hat der Körper jedoch nicht die Gelegenheit, rechtzeitig die Aufwachprozesse zu beginnen. Dadurch verschiebt sich der Biorhythmus und wir fühlen uns schlapp und desorientiert. Eine Studie der University of Colorado bringt beispielsweise eine Häufung von Unfällen am darauffolgenden Montag direkt mit der Umstellung auf die Sommerzeit in Verbindung.

„Die Phasenlage der inneren Uhr ist auch genetisch bedingt“, erklärt Specht. „Die genetische Veranlagung bestimmt, ob ich eher Morgenmensch oder Abendmensch bin. Der Anteil echter Frühaufsteher macht in der Gesamtbevölkerung nur 1 bis 2 Prozent aus. Dennoch sind in Deutschland die meisten Tagesabläufe auf ein frühes Aufstehen programmiert.“ Einer repräsentativen Studie der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe zufolge verzichtet die Hälfte der Deutschen durch die Zeitumstellung auf Schlaf. Bei Überlegungen zur Abschaffung der Zeitumstellung sprachen sich vor allem Frühaufsteher für eine Abschaffung der Sommerzeit aus, während Langschläfer eher die Abschaffung der Winterzeit befürworteten. Dass sich die Zeitumstellung negativ auf den Biorhythmus auswirkt, trifft Frühaufsteher und Langschläfer gleichermaßen, wie Studien zeigen. Daraus schlussfolgert der Schlafmediziner: „Solange wir das mit der Zeitumstellung weiter durchziehen, bleibt uns auch die Frühjahrsmüdigkeit mit Sicherheit verstärkt erhalten.“

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