Heilwälder in Deutschland: Forschung belegt Wirkung

Heilwälder können positive Therapieeffekte haben. Die Rostocker Ärztin Karin Kraft erforscht die Wirkung der Bäume auf die Gesundheit.

Von Barbara Esser
Veröffentlicht am 18. Mai 2022, 11:32 MESZ
Die Medizinerin Karin Kraft forscht zu Heilwäldern

Seit vielen Jahren forscht die Medizinerin und Professorin für Naturheilkunde Karin Kraft an der Universitätsmedizin Rostock zur Wirkung des Waldes. Sie bildet Menschen mit und ohne medizinische Vorbildung in Waldprävention und Waldtherapie aus und zertifiziert Heilwälder.

Foto von Steffen Böttcher / National Geographic

Frau Professor Kraft, wie wirkt der Wald auf die Psyche des Menschen?

Ein Wald kann auf vielfältige Weise heilsam sein. Da sind zum einen die physiologischen Wirkungen, von denen einige gut belegt sind. Erwiesen ist, dass schon ein einmaliger Aufenthalt im Wald den Cortisolspiegel im Speichel absenkt – ein guter Hinweis darauf, dass Stress reduziert wird. Auch der Blutdruck sinkt messbar. Der Herzschlag verlangsamt sich, die Blutspiegel von entzündungsfördernden Interleukinen, das sind Botenstoffe des Immunsystems, nehmen ab. Diese Veränderungen sind allerdings nicht nachhaltig. Wir erfassen mit solchen Messungen zudem nur einen Ausschnitt der Immunreaktion. Außerdem sind die Wirkungen bei jedem Menschen ein wenig anders und betreffen viele körperliche Systeme gleichzeitig. Das macht die Forschung schwierig.

Nadelwälder sollen wegen ätherischer Öle einen Effekt haben.

Das sind Terpene. Für den Menschen ist die Inhalation dieser ätherischen Öle nützlich, weil sie etwa die Bronchien erweitern und zu ihrer vermehrten Befeuchtung führen, ein Effekt, der ebenfalls messbar ist. Nadelhölzer setzen Terpene vermehrt erst bei Stress frei, etwa unter Trockenheit. Je gesünder ein Wald ist, desto weniger Terpene wird man dort in der Luft antreffen.

Warum ist die medizinische Forschung zum Heilwald schwierig?

Weil sie eher auf spezifische Therapieeffekte fokussiert ist, aus denen sich einfache Schlüsse für die Behandlung ableiten lassen. Unspezifische Effekte sind dagegen forschungstechnisch viel schwerer zu evaluieren. Das gilt auch für die Wirkung auf das sehr komplexe Immunsystem. Bekannt ist etwa, dass ein Waldaufenthalt die Anzahl der natürlichen Killerzellen im Blut ansteigen lassen kann. Nur wissen wir noch nicht, was das genau bedeutet und wie oft und wie lang man sich im Wald aufhalten muss, um einen Langzeiteffekt zu erzielen. Da bedarf es noch weiterer Forschung. Und: Wald ist nicht gleich Wald. Nicht jeder Wald eignet sich als Heilwald.

Sie zertifizieren Heilwälder im Auftrag des Landes MecklenburgVorpommern. Was macht einen Heilwald aus?

Da gibt es viele Parameter. Makro- und Mikroklima spielen eine große Rolle. So ist ein feuchter Wald gesundheitsfördernder als ein trockener. Die Baumarten, am besten ein Mischwald, fließen ebenso in die Bewertung ein wie die Geländestruktur und die Lage. Ein Wald ist ein großer Filter, der Schadstoffe wie Feinstaub und Stickoxide abfängt. Aber am Rand eines Industriegebietes oder einer Massentierhaltung stößt dies an Grenzen. Ein Heilwald soll naturbelassen, aber dabei kultiviert sein, also eine Art natürliches Sanatorium.

Wie groß ist das Interesse an Waldtherapie bzw. -prävention?

Die Nachfrage ist sehr gut. Wir versuchen von Mecklenburg-Vorpommern aus gerade, ein weltweites Netzwerk aufzubauen, um die Qualitätssicherung bei Heilwäldern und der Therapie im Wald voranzubringen. In Portugal gibt es dazu im April einen Kongress, es sind Wissenschaftler aus Japan, USA, Australien, Kanada und zahlreichen EU-Ländern zu Gast. Wir wissen einiges über die Effekte eines mitteleuropäischen Mischwaldes, aber ob diese auch für einen Palmenwald gelten, muss man herausfinden.

Schon ein einmaliger Aufenthalt im Wald kann das Stresslevel messbar senken. Wie oft und lange man sich für einen nachhatligen Effekt in Wäldern aufhalten muss, ist noch unzureichend erforscht.

Foto von pixabay.com

Woher kommt das Waldbaden?

Das gab es in Deutschland schon um 1900, als die Tuberkulose-Epidemie wütete. Die Ärzte haben damals Naturheilverfahren, etwa Nutzung von Licht und Luft, eher abgelehnt. Aber es gab Naturheilvereine, die „Waldbadeanstalten“ betrieben. Auf alten Fotos sieht man Herren in leichter Bekleidung im Wald turnen. In Berlin und anderen Großstädten litten vor allem die Kinder oft unter Rachitis infolge des Lichtmangels. Für sie wurden Waldkinderschulen eingerichtet, etwa in Berlin-Charlottenburg, wo sich kranke Kinder im Sommer mehrere Wochen im Wald aufgehalten haben. Damals wurden derartige Maßnahmen aber nicht wissenschaftlich begleitet, die Hochschulmedizin unterstützte vor allem die pharmazeutische Forschung.

Hat sich das geändert?

Auf internationaler Ebene ja. In Deutschland bzw. der EU haben wir noch Nachholbedarf. Wir brauchen vor allem mehr staatlich geförderte Lehrstühle, die sich mit der nature based therapy auseinandersetzen, die im aktuellen Forschungsförderungsprogramm der EU („Horizont Europa“) einen erheblichen Stellenwert erhalten hat.

Warum ist der wohltuende Wald so lange in Vergessenheit geraten?

Vielleicht weil man das, was man jeden Tag vor der Nase hat, zu wenig schätzt. Aber es bewegt sich gerade viel. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es bereits vier an Reha-Kliniken angegliederte Heilwälder, zum Beispiel für Orthopädie-Patienten oder Menschen mit Lungenerkrankungen. Auf der Insel Usedom wurde letztes Jahr der erste Heilwald für Kinder eröffnet. Weitere Heilwälder sind in Planung.

Warum sollten Waldaufenthalte therapeutisch begleitet werden?

Um medizinische Wirkungen zu erzielen, ist die qualifizierte Anleitung wichtig. In Mecklenburg-Vorpommern bilden wir seit drei Jahren medizinisch vorgebildete Menschen zu Waldtherapeuten aus. Daneben gibt es eine Fortbildung zur Waldprävention für Menschen ohne medizinische Grundausbildung, wie z. B. Coaches. Bei der Prävention geht es darum, stressbedingte Krankheiten im Anfangsstadium zu vermeiden. In einer Studie aus Südkorea wohnten Feuerwehrleute nach einer massiven Belastung für mehrere Tage in Waldhütten – was positive Effekte hatte.

Und die Waldtherapie?

Hier arbeitet man mit Patienten unter therapeutischer Aufsicht, meist im Kontext einer Reha. Immer mehr Kliniken wollen Waldtherapie in ihr Programm aufnehmen. Ich bin mir sicher, dass sie in die Gegenfinanzierung durch die Krankenversicherungen aufgenommen werden wird, sobald entsprechende Studien vorliegen.

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Foto von National Geographic

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