Spontane Selbstberührung: Darum fassen wir uns ins Gesicht

Ständig haben wir die Hände am oder im Gesicht, streichen uns übers Kinn, reiben uns die Stirn. Forscher vermuten: Es dient dem emotionalen und kognitiven Gleichgewicht.

Von Eileen Stiller
Veröffentlicht am 19. Juni 2022, 22:11 MESZ
Ständig haben wir die Hände am oder im Gesicht, streichen uns übers Kinn, reiben uns die ...

Ständig haben wir die Hände am oder im Gesicht, streichen uns übers Kinn, reiben uns die Stirn. Forscher vermuten: Es dient dem emotionalen und kognitiven Gleichgewicht.

Foto von Adrian Swancar / Unsplash.com

Interview mit Doktor Martin Grunwald, Leiter des Haptik-Forschungslabors am Paul-Flechsig-Institut für Hirnforschung an der Universität Leipzig.

Herr Grunwald, Sie sind der Meinung, der Tastsinn sei das wichtigste Sinnessystem überhaupt. Warum?

Wir können blind oder taub zur Welt kommen, aber ohne Tastsinn können wir nicht überleben. Schon im Mutterbauch reagieren Ungeborene auf Streicheleinheiten. Wir brauchen als soziale Wesen den Kontakt mit anderen, um uns gesund zu entwickeln.

Sie erforschen eine sehr spezielle Ausprägung des Tastsinns: die spontane Selbstberührung. Was kann man sich hierunter vorstellen?

Jeder sieht es bei seinem Gegenüber: Man streicht sich während eines Gesprächs kurz über die Nase oder die Stirn. Seit Millionen von Jahren fingern sich Affen und Menschen im Gesicht herum – bis zu 800-mal am Tag. Die Forschung hierzu hat außer Beschreibungen nicht viel zu bieten. Unser Team interessiert, was auf elektrophysiologischer Ebene im Gehirn passiert. Ich bin sicher: Wenn wir so etwas ständig tun, und sei es nur für circa 1,3 Sekunden, dann haben diese Berührungen für unseren Organismus auch einen Sinn.

Regulierende Funktion: Berührung stabilisiert Emotionen und Gedanken

Was haben Sie herausgefunden?

Wir verstehen die, wie wir es nennen, spontane gesichtsbezogene Selbstberührung als Regulationsmechanismus, den der Organismus eingebaut hat, um Störungen, die durch irrelevante Reize entstehen, wieder auszugleichen. Das können kognitive oder emotionale Störungen sein: bei Unwohlsein, Angst oder Stress, wenn wir gedanklich abschweifen oder in ganz alltäglichen Momenten der persönlichen Anspannung.

Können Sie ein einfaches Beispiel aus dem Alltag nennen?

Zwei Personen sind in ein Gespräch vertieft, als ein attraktiver Dritter vorbeigeht. Das bringt den emotionalen Haushalt des Gesprächspartners kurz aus dem Gleichgewicht. Durch eine unbewusste Selbstberührung gelingt es ihm, ins innere Gleichgewicht zurückzufinden und sich erneut auf die Unterhaltung zu fokussieren.

Wie haben Sie denn eine vergleichbare Situation im Labor geschaffen?

In unseren Experimenten stellen wir den Probanden kognitive Aufgaben. Bei der jüngsten Studie sollten sie zwei Tiefenreliefs betasten, sich 15 Minuten lang merken und dann aus dem Gedächtnis aufzeichnen. Während der Merkphase haben wir die Armen mit Störgeräuschen „traktiert“: Babygeschrei, Fahrradklingel, Bohrgehämmer, all so was. Interessant war, dass genau dann die meisten Selbstberührungen auftraten. Während der Versuche maßen wir die hirnelektrischen Ströme der Teilnehmer.

Berührungen sind in allen Lebensabschnitten wichtig. Ein Mangel an Berührungen in der frühkindlichen Phase kann zu Entwicklungsstörungen führen.

Foto von Pexels / Pixabay.com

Gesicht enthält besonders viele berührungssensitive Rezeptoren

Was löste eine Selbstberührung im Gehirn Ihrer Probanden aus?

Durch eine Selbstberührung verändern sich die elektrischen Ströme in Bereichen des Gehirns, die die Arbeitsgedächtnisinhalte und den emotionalen Status steuern. Kurz vor einer spontanen Selbstberührung sinken die Hirnströme in den entsprechenden Frequenzbereichen – ein Hinweis darauf, dass der Arbeitsspeicher ausgelastet und die emotionale Belastung hoch ist. Kurz nach einer Selbstberührung steigen die Werte wieder massiv an. Die Selbstberührung, so unsere Erklärung, hilft dem Gehirn, den momentanen Gedächtnisverlust zu verhindern und die psychische Balance wieder herzustellen.

Ist es der Kontakt zur Haut, der unsere Hirnströme reguliert, oder eher die Bewegung insgesamt?

Nach dem, was wir bisher wissen, ist nicht allein der Berührungsreiz entscheidend. Das meiste spielt sich neurobiologisch im Zeitbereich „die Hand ist auf dem Weg zum Gesicht“ sowie dem ersten Aufsetzkontakt ab. Längere statische Berührungen haben offenbar eine andere Funktion, zum Beispiel wenn Sie grübeln. Popeln oder Kratzen ist natürlich noch mal etwas ganz anderes.

Warum zieht uns ausgerechnet das eigene Gesicht so an?

Unser Gesicht ist ausgesprochen gut enerviert und enthält unzählige berührungssensitive Rezeptoren. Das gilt besonders für die T-Zone, die von einer Schläfe zur anderen und über Nase und Kinn reicht. Genau in diesem Bereich finden auch die meisten spontanen gesichtsbezogenen Selbstberührungen statt. Wir vermuten, dass die Impulse der Mechanorezeptoren vom Gesicht besonders schnell im Gehirn landen, weil sie nicht erst noch übers Rückenmark vermittelt und kompliziert verschaltet werden müssen. Aber wir stehen hier noch ganz am Anfang.

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Foto von National Geographic

Dieser Artikel erschien in voller Länge im NATIONAL GEOGRAPHIC Magazin 6/22. Verpassen Sie keine Ausgabe mehr: Sichern Sie sich die nächsten 2 Ausgaben zum Sonderpreis!

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