Alzheimer-Forschung: Neue Hoffnung auf ein heilendes Medikament

In einem alternden Gehirn könnten Zellen, die nicht mehr richtig funktionieren, aber nicht absterben, zu Alzheimer beitragen – und wichtige Hinweise auf neue Medikamente gegen die Krankheit geben.

Von Fran Smith
Veröffentlicht am 31. Jan. 2024, 14:38 MEZ
Bilder eines PET-Scans

PET-Scan eines gesunden Gehirns im Vergleich zu einem Gehirn in einem frühen Stadium der Alzheimer-Krankheit. Die Farbskala zeigt die Geschwindigkeit der Glukoseverwertung (von Minimum bis Maximum).

Foto von Institut Douglas

Vor knapp zehn Jahren, mit 69 Jahren, wurde bei Lewis O. Beck jr. eine leichte kognitive Beeinträchtigung diagnostiziert. Beck, den alle Larry nennen, arbeitete bis vor Kurzem noch. Jetzt spielt er jeden Mittwoch mit drei Freunden Golf und verbringt Zeit mit seinem Zwerg-Goldendoodle, den seine Kinder ihm aufdrängten, damit er beschäftigt und geistig fit bleibt. Doch Larrys Kurzzeitgedächtnis schwächelt, und seine Frustration steigt. „Herrje“, sagt seine Frau Mary Theresa Beck, allgemein bekannt als Terri. „Termine, Termine. Ich bin für alle unsere Termine verantwortlich.“ Anfang 2022 registrierte sich Larry für eine Studie mit einer innovativen experimentellen Behandlung für Alzheimer im Frühstadium.

Bei der Alzheimer-Krankheit kommt es typischerweise zu Ablagerungen zweier Proteine im Gehirn: Beta-Amyloid und Tau. Wird das Tau fehlgesteuert, verklumpt es in den Nervenzellen zu Faserbündeln. Statt auf diese klassische Alzheimer-Signatur zielt eine neue Behandlung auf die sogenannte Zellseneszenz ab. Das Alter ist der größte Risikofaktor für Alzheimer, und die Grundursache liegt vermutlich in den Veränderungen, die Zellen und Moleküle im Laufe der Jahre erfahren. Zu den Schuldigen könnten auch die seneszenten Zellen gehören. Sie funktionieren nicht mehr wie gesunde Zellen, sterben aber auch nicht ab, was ihnen den Spitznamen Zombie-Zellen einbrachte. Stattdessen setzen sie Chemikalien frei, die Entzündungen im Körper verursachen und gesundes Gewebe schädigen.

​„Bahnbrechende Forschungsperspektiven“

Miranda Orr, Assistenzprofessorin für Gerontologie und Geriatrie an der Wake Forest University School of Medicine, forschte jahrelang, warum Neuronen in einem Gehirn mit Alzheimer absterben. Sie glaubt, dass die Anhäufung seneszenter Zellen eine wichtige Rolle spielt, die aber auf der Suche nach Behandlungsmöglichkeiten seit Jahrzehnten zum großen Teil übersehen worden ist. Studien haben gezeigt, dass Senolytika, eine Wirkstoffklasse, die seneszente Zellen beseitigt und gesunde Zellen intakt lässt, Mäuse länger leben und gesünder bleiben lässt. Nach Ansicht einiger Forschender haben diese Wirkstoffe das Potenzial, mehr als 40 Alterserkrankungen zu lindern.

In einer placebokontrollierten Studie an 48 Betroffenen testet Orr ihre Theorie, dass Senolytika ein Gehirn im Alzheimer-Frühstadium schützen können. „Was Miranda macht, ist wirklich bahnbrechend und eröffnet neue Forschungsperspektiven“, sagt C. Dirk Keene, Professor für Neuropathologie n der University of Washington School of Medicine. Keene glaubt, Orrs Ansatz könnte mehrere neue Strategien für die Behandlung einer der qualvollsten und störrischsten Erkrankungen aufzeigen.

​Medikamentenforschung: Langfristige Studien

Die Becks leben in Lexington in North Carolina. Mit dem Auto brauchen sie eine halbe Stunde zum Zentrum für geriatrische und klinische Versorgung an der Wake Forest Medical School, wo Larry an Orrs Studie teilnimmt. Sie sehen keinen Nachteil in der experimentellen Behandlung. „Wir dachten, es kann ja nicht schaden“, sagt Larry. Wunder erwarten sie nicht. „Wir hoffen, dass die Auswirkungen ihm dabei helfen, dort zu bleiben, wo er jetzt ist“, sagt Terri. Larry ließ Blutuntersuchungen, MRT, PET-Scan, eine Lumbalpunktion und unzählige Gedächtnistests über sich ergehen.

Dann nahm er drei Monate lang alle zwei Wochen an zwei aufeinanderfolgenden Tagen fünf Kapseln ein. Die Studie prüft die Wirksamkeit zwei der bestuntersuchten Senolytika: Dasatinib, ein Leukämie-Medikament, und Quercetin, ein beliebtes Nahrungsergänzungsmittel auf Pflanzenbasis. Weil beide schon lange weitverbreitet sind, hatten die Becks keine Sicherheitsbedenken. Aber sie wussten, dass Larry möglicherweise Placebos bekommt. „Wir dachten, wenn es ihm anfangs nicht hilft, dann vielleicht später jemand anderem“, sagt Terri. „Zum Beispiel unseren Kindern, wenn ihnen so was mal passiert.“
 

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Foto von National Geographic

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