Wissenschaft

Besuch auf dem Mars

Der Mars fasziniert die Menschen seit je.

Von John Updike

Eis und Reif, in diesem Falschfarbenbild hell dargestellt, im Wechsel mit dunklen Sandstreifen, die steil in einen 600 Meter tiefen Canyon hinabführen. Die Schichten haben sich vermutlich über Millionen von Jahren gebildet, in Eiszeiten, ähnlich denen auf der Erde.

Der Mars fasziniert die Menschen seit je. Die Völker der Antike nahmen den unsteten roten Stern als unheilvoll oder gewalttätig wahr. Die Griechen setzten ihn mit dem Kriegsgott Ares gleich. Die Babylonier nannten ihn Nergal, nach ihrem Gott der Unterwelt. Für die alten Chinesen war er Ying-huo, der Feuerplanet. Auch nachdem Nikolaus Kopernikus im Jahr 1543 den Menschen erklärt hatte, dass nicht die Erde, sondern die Sonne der Mittelpunkt unseres lokalen Kosmos ist, blieb die exzentrische Bahn des Mars ein Mysterium. Erst Johannes Kepler erkannte: Alle Planetenbahnen sind Ellipsen, in deren einem Brennpunkt die Sonne steht.

Im selben Jahr, es war 1609, beobachtete Galileo Galilei den Mars erstmals mit einem selbstgebauten Teleskop. Bis Mitte des 17. Jahrhunderts waren die Fernrohre so weit verbessert worden, dass man die jahreszeitliche Zu- und Abnahme der polaren Eiskappen auf dem Mars erkennen konnte, auch Gebilde wie Syrtis Major, einen dunklen Fleck, den man für ein seichtes Meer hielt. Der italienische Astronom Giovanni Cassini berechnete 1666 aus regelmäßig sichtbar werdenden Strukturen die Rotation des Planeten. Der Marstag, so sein Fazit, sei 40 Minuten länger als unser Erdentag. Damit lag er nur um drei Minuten daneben.

Die Venus ist uns zwar näher und fast ebenso groß wie der Erde, doch von einer blickdichten Wolkendecke umgeben. Dagegen zeigt der Mars eine Oberfläche, die der irdischen so ähnlich scheint, dass sie zu Spekulationen einlud, ob es dort wohl Leben geben könne.

Die Teleskope wurden immer präziser, die Karten detailreicher. Die Beobachter zeichneten Meere und Sumpfgebiete, in denen man sogar saisonale Schwankungen einer mutmaßlichen Vegetation zu sehen glaubte.

Der Rover „Opportunity" rollte mit einem halben Meter pro Sekunde vom Kraterrand fort. Computerprogramme ermöglichen es dem Fahrzeug, Hindernisse selbstständig erkennen und zu umfahren.

1877 zeichnete dann der italienische Astronom Giovanni Schiaparelli in seine Marskarten ein Netz gerader Linien zwischen vermuteten Gewässern. Er benutzte für die Verbindungen das Wort „canali“. Das hätte man auch mit „Rinnen“ übersetzen können, doch „Kanäle“ regten die Phantasie mehr an. Und 1893 war es Percival Lowell, ein reicher Bostoner aus besten Kreisen, der die Theorie verbreitete, die Kanäle seien Bauwerke einer Marszivilisation.

Als Astronom war Lowell ein Amateur, aber er war kein Spinner. In Arizona ließ er ein Observatorium bauen, mehr als 2000 Meter hoch gelegen und – mit seinen eigenen Worten – «weitab vom Dunst der Menschen». Seine Karten vom Roten Planeten wurden höher geschätzt als jene Schiaparellis, selbst von Kollegen, die seine Marsmenschen-Theorie ablehnten. Lowell sah im Mars einen sterbenden Planeten, dessen intelligente Bewohner gegen die Austrocknung ihrer Welt ein System von Kanälen angelegt hätten, in denen sie das von den Polkappen kommende Wasser verteilten.

Diese Vision Lowells dramatisierte H. G. Wells 1898 in dem Science-Fiction-Klassiker „Krieg der Welten“. Darin sind die Marsbewohner grässliche Kreaturen – und gnadenlos gegen die Erdlinge. Neidisch hätten sie durch den Weltraum auf «unseren wärmeren Planeten mit seiner grünen Vegetation und den grauen Wasserflächen geschaut, mit einer wolkigen Atmosphäre, die auf Fruchtbarkeit schließen lässt und die hin und wieder den Blick freigibt auf bevölkertes Land und befahrene Meere.»

In den nächsten 50 Jahren diente unser Nachbarplanet als schattenhafter Zwilling, auf den man irdische Sorgen, Ängste und Debatten projizieren konnte. In zahlreichen Marsutopien wurden Themen wie Kolonialismus, Zentralismus und die industrielle Plünderung der Natur behandelt. Ein Nebenarm der Science-Fiction zeigte den Mars als eine Art christliches Jenseits. Der britische Autor C. S. Lewis erfand Malakandra, eine Welt ohne Sündenfall („Jenseits des schweigenden Sterns“, 1938).

Dann kam Edgar Rice Burrough. Seine ungeheuer populäre Reihe von Marsromanen präsentierte den sterbenden Planeten als eine raue Welt, bewohnt von vielen Rassen, auf der das Leben, mit den Worten ihres Superhelden, des Erdlings John Carter, «ein hartes und gnadenloses Ringen ums Überleben ist». Ihm folgte 1950 Ray Bradbury mit „Die Mars-Chroniken“. Sie schildern die fiktive Kolonisierung unseres Nachbarplaneten in den Jahren 1999 bis 2026. Die braunhäutigen Marsianer mit den traurigen gelben Augen haben keine Chance gegen die brutalen Eroberer von der Erde.

Dieser 1 500 Meter weite und relativ junge Meteroitenkrater -er ist weniger als eine Million Jahre alt - erlaubt einen Blick unter die Oberfläche des Mars.

Doch die ganze marsianische Megafauna war schlagartig vergessen, als am 14. Juli 1965 die Raumsonde „Mariner 4“ aus einer Entfernung von 10000 Kilometern die ersten Nahaufnahmen schoss. Keine Kanäle, keine Städte, kein Wasser, keine Erosion, keine Verwitterung. Die Beschaffenheit der Krater ließ vermuten, dass die Bedingungen auf der Oberfläche des Mars seit mehr als drei Milliarden Jahren unverändert geblieben waren. Der „sterbende Planet“ war schon lange tot.

Zwei weitere „Mariner“-Sonden flogen vorbei, im Jahr 1969. Ihre Aufnahmen zeigten den Mars, wie es die Nasa formulierte, «als einen stark zerkraterten, öden, kalten, trockenen und fast luftlosen Planeten, auf dem nach irdischen Maßstäben kein Leben möglich ist.» Doch schon 1971 sorgte „Mariner 9“ wieder für neue Einsichten. Es war die erste Raumsonde, die den Mars in einer Umlaufbahn umkreiste. Ihre Fotos präsentierten eine erstaunlich vielfältige Landschaft mit Vulkanen, von denen der größte – Olympus Mons – 20 Kilometer hoch ist. Und mit einem Grabensystem – Valles Marineris –, das auf der Erde von Madrid bis Moskau reichen würde. Trockentäler und tränenförmige Inseln zeugten von riesigen Überschwemmungen in der Vergangenheit des Mars. Hatte es also doch Wasser gegeben, die unabdingbare Voraussetzung für Leben, wie wir es kennen? 1976 gingen die beiden „Viking“-Landesonden auf der Marsoberfläche nieder: Die ausgeklügelten chemischen Experimente an Bord der Sonden lieferten aber noch keine eindeutigen Erkenntnisse darüber, ob Leben auf dem Mars existiert oder jemals existiert hat.

Mit dem Absetzen des Roboterfahrzeugs „Sojourner“ – einem sogenannten Rover – wurde 1997 ein neues Kapitel der Marsforschung aufgeschlagen. Seit 2004 rollen die Rover „Spirit“ und „Opportunity“ durch den Marsstaub. Mit Energie versorgt von den Strahlen der fernen Sonne, haben die Roboterzwillinge unglaubliche Bilder geliefert, darunter viele, die nicht mehr daran zweifeln lassen, dass es einst Ozeane auf dem Mars gab. Die Fotos versetzen den Betrachter direkt auf die Marsoberfläche, die seit Äonen im Perlenglanz der Sonne unter einem lachsrosa Himmel liegt. Unser neugieriges Eindringen in diese stille Einöde mutet wie eine heroische Expedition an.

Im Mai 2008 landete außerdem die Sonde „Phoenix“ in der Nähe des Nordpols. Mit Roboterarm und Schaufel, Kameras und Analyse-Instrumenten untersuchte sie fünf Monate lang löffelweise Proben eines fremden Planeten. Die Astronomen versprechen sich davon Neuigkeiten über die Geschichte unseres Sonnensystems. Im November, mit Einbruch der Polarnacht auf dem Mars, gab „Phoenix“ dann seinen Geist auf. Aus der Umlaufbahn füttern aber noch die Kameras des „Mars Reconnaissance Orbiter“ die Datenspeicher an der Universität von Arizona mit verblüffenden räumlichen Aufnahmen der Oberfläche. Manche dieser Falschfarbenbilder mögen wie abstrakte Kunst wirken; dem Fachmann liefern sie eine Fülle an wissenschaftlichen Informationen.

Der tote Planet ist auch gar nicht so tot. Die modernen Kameras haben uns Lawinen und Staubstürme gezeigt. Die Jahreszeiten an den Polen bewirken Erosion und Veränderung der Landschaft. Dünen wandern. Windhosen kritzeln Linien in den Staub. Sicher: Beweise für das Leben von Mikroorganismen oder Flechten haben sich aus der Ferne bisher nicht finden lassen. Doch der Mars ist uns als Nachbar im All wieder ein Stück näher gerückt.

(NG, Heft 1 / 2009, Seite(n) 114 bis 129)

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