Fotografie

Spektakuläre Bilder aus eisiger Tiefe

Kein Mensch ist je tiefer unters Meereis der Antarktis getaucht als unser Fotograf. Mitgebracht hat er Einblicke in eine märchenhafte Lebenswelt. Thursday, November 9, 2017

Von Laurent Ballesta
Bilder Von Laurent Ballesta
Eisstalaktiten, die wie Tentakel aus dem Meereis ranken, sind von kurzem Bestand und ein rarer Anblick. Sie entstehen, wenn eingeschlossenes, eiskaltes Salzwasser aus dem Eis entweicht und das weniger salzige Meerwasser gefrieren lässt.

Von der Forschungsstation Dumont d’Urville in der Ostantarktis wandern wir zu dem Eisloch, das wir am Vortag gebohrt haben. Über Nacht hat sich eine dünne Eisschicht auf dem Loch gebildet, das senkrecht die drei Meter dicke Eisscholle durchstößt. Es ist gerade groß genug für einen Menschen. Darunter liegt das Meer. Noch nie sind wir durch eine so enge Öffnung ins Wasser gestiegen.

Ich versuche es als Erster. Mit Händen, Knien, Fersen und Schwimmflossen ziehe und schiebe ich mich an den Wänden hinab. Schließlich lande ich im eiskalten Wasser. Ich sehe nach oben und erschrecke: Über mir friert das Loch schon wieder zu.

Die Unterseite des Meereises besteht aus einer zähen Masse von Eiskristallen. Mein Abstieg hat sie in Bewegung gebracht. Jetzt treiben sie in der Öffnung zusammen. Ich stoße mit dem Arm in den Eisbrei. Er ist schon fast einen Meter dick. Zentimeterweise hangle ich mich an der Sicherheitsleine nach oben, bleibe aber mit den Schultern stecken. Plötzlich trifft mich von oben ein Schlag: Einer meiner Tauchbegleiter versucht, mich auszugraben, seine Schaufel hat meinen Kopf erwischt. Dann packt jemand meine Hand und zieht mich ins Freie. Der heutige Tauchgang ist zu Ende.

Der Fotograf Vincent Munier und ich sind auf Einladung des Filmemachers Luc Jacquet hier. Er arbeitet an der Fortsetzung seines Filmhits „Die Reise der Pinguine“ von 2005. Jacquet filmt Kaiserpinguine, Munier fotografiert sie. Mein Team will die Meereslebewesen unter dem Eis dokumentieren. Im Winter reicht das Eis hundert Kilometer weit aufs Meer hinaus, doch jetzt, im Oktober, beginnt der Frühling. Das Eis bricht auf und zieht sich bis auf wenige Kilometer vor der Küste zurück. Wir haben vor, 36 Tage lang bis auf eine Tiefe von 70 Metern unter das Eis zu tauchen. Ich arbeite seit 30 Jahren als Tiefseefotograf. Aber diese Südpolarexpedition ist mit nichts zu vergleichen. Wir werden tiefer unter das antarktische Eis tauchen als je ein Mensch zuvor – unter extremen Bedingungen. 

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Unsere Tauchanzüge bestehen aus vier Schichten: aus warmer Unterwäsche, einem elektrisch beheizten Bodysuit, dickem Fleece und zentimeterdickem wasserdichtem Neopren. Dazu kommen eine Kopfhaube mit Unterhaube, wasserdichte Handschuhe mit beheizter Fütterung, Schwimmflossen und 16 Kilo Gewichte. Der beheizte Bodysuit hat zwei Akkus. Ein Kreislauftauchgerät entfernt das Kohlendioxid beim Ausatmen, damit wir länger tauchen können. Schließlich tragen wir noch Ersatzdruckluftflaschen – und ich meine Fotoausrüstung. Das Anlegen der Anzüge dauert eine Stunde, unser Notarzt Emmanuel Blanche muss uns dabei helfen.

Am Ende trägt jeder von uns 90 Kilo an zusätzlichem Gewicht. Es kommt uns vor, als müssten wir das Tauchen neu lernen. Jede Bewegung fällt schwer, schwimmen ist fast unmöglich. Die Kälte betäubt sofort die wenigen Quadratzentimeter ungeschützte Gesichtshaut. Im Verlauf der Exkursion dringt die Kälte immer tiefer in unsere Anzüge und Handschuhe. Wir versuchen alles, um uns von den Schmerzen abzulenken.

Endlich kriechen wir aus dem eisigen Meer. Ich liege bäuchlings auf dem Eis. Mein Gehirn ist so betäubt, dass ich kaum daran denken kann, die Ausrüstung abzulegen. Meine Haut ist verhärtet und faltig, Lippen, Hände und Füße sind geschwollen und taub. Am schlimmsten sind die Schmerzen, wenn der Körper sich erwärmt und die Durchblutung wieder in Gang kommt. Selbst nach vier Wochen spüre ich meine Zehen nicht mehr, auch im Warmen nicht. Es wird nach unserer Rückkehr sieben Monate dauern, bis sich meine geschädigten Nerven erholt haben.

Warum tun wir uns das an? Es ist zum einen das Licht – ein Anblick, der jeden Fotografen begeistern würde. Wenn nach langer Polarnacht der Frühling beginnt, wächst das mikroskopisch kleine Plankton noch nicht, das Wasser ist deshalb noch ungetrübt. Unter dem Meereis ist es außergewöhnlich klar, weil kaum ein Teilchen das Licht bricht. Und das wenige Licht scheint wie aus Straßenlaternen durch Risse und Robbenlöcher nach unten und taucht die Unterwasserlandschaft in einen sanften Glanz.

Und was für eine Landschaft! In der Ostantarktis leben nur wenige Robben-, Pinguin- und andere Vogelarten. Landsäugetiere kommen überhaupt nicht vor. Man könnte vermuten, dass der Meeresboden ebenfalls eine Wüste ist. Doch in Wirklichkeit ist er ein üppiger Garten, dessen Wurzeln weit in die Urzeit zurückreichen.

Unter dem Polareis ist es wie auf dem Mount Everest: magisch, aber so unwirtlich, dass man sich seiner Sehnsucht sehr sicher sein muss, bevor man losfährt. Die Reise ist intensiv, unsere Arbeit so schwierig und ermüdend, dass sich das Unternehmen wie ein einziger 36 Tage dauernder Tauchgang anfühlt. 

Dieser Artikel wurde gekürzt und bearbeitet. Der ganze Bericht steht in der
Ausgabe 9/2017 von National Geographic. Jetzt ein 
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