Tag und Nacht zusammen in einem grandiosen Foto

Fotograf Stephen Wilkes erschafft Bilder mit mehreren Ebenen, die das Fortschreiten der Zeit über einem kleinen Landschaftsausschnitt zeigen.

Bilder Von Stephen Wilkes
Veröffentlicht am 5. Feb. 2018, 18:15 MEZ
Seronera, Serengeti-Nationalpark, Tansania | Fotograf Stephen Wilkes und sein Assistent verbringen 30 Stunden am Stück auf ...
Seronera, Serengeti-Nationalpark, Tansania | Fotograf Stephen Wilkes und sein Assistent verbringen 30 Stunden am Stück auf einer Plattform in gut 5 Metern Höhe über diesem Wasserloch, um diese Szene mit Gnus, Erdmännchen und Flusspferden einzufangen. Die besten Aufnahmen wurden dann fein säuberlich zusammengesetzt, um das ganze Zeitspektrum der weichenden Nacht bis zum Tag zu zeigen.
Bild Stephen Wilkes

Ein einziges Bild von Stephen Wilkes Fotoserie „Vom Tag zur Nacht“ (engl.:„Day to Night“) besteht aus durchschnittlich 1500 Aufnahmen, die durch manuelles Belichten in einer Zeitspanne von 16 bis 30 Stunden entstehen. Während dieses Prozesses muss Wilkes die Linie seines Horizonts absolut gerade halten und für gleichmäßige Aufnahmen sorgen, was bedeutet, dass er die Kamera absolut ruhig halten muss.

Danach verbringt er Wochen mit der Nachbearbeitung, setzt die besten Einzelbilder zu einer Komposition von Eindrücken auf verschiedenen Ebenen zusammen. Damit verkürzt er gewissermaßen die Zeit. Für Wilkes ist es spannend, Menschen mehr zu zeigen als ein einfaches Foto, etwas, das ihnen eine multidimensionale Erfahrung verschafft. Er beschreibt es als Fenster in eine Welt, in dem das ganze Spektrum von Zeit, Licht und Erfahrung auf dem Bild sichtbar wird. Man erhält dadurch einen Blick wie nie zuvor – einen, den das menschliche Auge niemals selbst wahrnehmen könnte.

New York Public Library, New York City
Bild Stephen Wilkes

Draußen im Feld positioniert sich Wilkes auf einem winzigen Aussichtspunkt über einer städtischen oder natürlichen Landschaft. Von hier aus beobachtete er, wie eine Geschichte vor ihm erzählt wird: Lebewesen, die miteinander in ihrem Lebensraum interagieren, während Licht und Zeit voranschreiten. Er nennt diesen Ausblick die „ultimativ günstige Position“, denn hier kann er die Beobachtung genießen, ohne von den Akteuren der Szenen unter ihm bemerkt zu werden.

Seine Arbeitsweise ist sorgfältig und präzise. „Ich schaue auf einen einzigen Punkt in einem Raster“, sagt er. „Und dann entscheide ich, wo der Tag beginnt und die Nacht endet.“ Der gewählte Winkel – sei es nun diagonal, nach oben und unten, von vorn nach hinten, von hinten nach vorn – wird zu dem, was Wilkes den Zeitvektor nennt. „Mein Auge bewegt sich mit der Zeit durch die Szenerie. Mein Fokus ändert sich, je nachdem wo die Zeit gerade ist.“

Wilkes fixiert seine Kamera in diesem Winkel, konzentriert sich dann auf den Schauplatz vor sich und betätigt den Auslöser, wenn er einen Moment sieht, den er einfangen will. „Es ist das ultimative Gehirnjogging“, sagt er. „Wie ein Sudoku auf Speed.“

Während dem Fotografieren dieser Bilderreihen schläft Wilkes abgesehen von kurzen Meditationspausen (während denen sein Assistent angehalten ist, ihn zu rufen, wenn er etwas Interessantes sieht) nicht. Er macht keine Pausen, es sei denn die Sonne oder der Mond sind in der richtigen Position, sodass das Fehlen einiger Aufnahme keine Lücken in der Lichtveränderung des Tages entstehen lässt.

Regata storica, Venedig
Bild Stephen Wilkes

Es gibt keine zweiten Versuche. Er ist den Elementen komplett ausgeliefert, muss Gewitterstürme inmitten von elektronischer Ausrüstung durchstehen oder hoffen, dass eine herannahende Schlechtwetterfront ihm nicht den Sonnenaufgang eines ansonsten perfekten Tags zerstört. „Ich gehe da mit viel positiver Energie ran“, sagt er. „Und ich gebe eigentlich nie auf. Man weiß ja nie. Und manchmal können die schlimmsten Wettersituationen auch die spektakulärsten Dinge hervorbringen.“

Was lässt ihn in diesen extremen Situationen mental und physisch durchhalten? „Ich bin ein Sammler“, sagt er. „Wenn man ein Sammler ist und einem dieses eine Teil für die Sammlung fehlt, nimmt man ungeheure Anstrengungen in Kauf. Ich warte. Ich tue, was immer notwendig ist. Ich liebe es, magische Momente zu sammeln. Das ist es, was ich tue.“

Was vor sechs Jahren als urbanes Projekt begann – ein „Liebesgedicht an New York City“, wie er es nennt – umspannt inzwischen Orte auf der ganzen Welt, auch natürliche Umgebungen. Nachfolgend teilt Wilkes einige der Geschichten hinter den Bildern mit uns.

Um diesen Blick einzufangen, verbrachte Wilkes 26 Stunden in einem 45-Grad-Winkel festgebunden auf einer Plattform, die seitlich einer Felszunge angebracht ist.
Bild Stephen Wilkes

Tunnel View, Yosemite-Nationalpark

Die Inspiration für diese Einstellung war das Gemälde „Valley of the Yosemite“ von Albert Bierstadt. Wilkes hatte einen Druck des Bilds bei sich, als er den Ort genauer unter die Lupe nahm. Um diesen Blickwinkel zu bekommen, musste er sich in die vermutlich herausforderndste Position seiner Schaffensgeschichte bringen: Er wurde mit zwei Assistenten in einem 45-Grad-Winkel auf einer Fläche von etwa 1,20 mal 2,40 Metern an der Kante einer Felszunge festgebunden. Der kleinste Fehler hätte die Kamera abstürzen lassen können. „Mein Assistent machte die Erstbegehung für mich und wir stiegen am Vorbereitungstag da hoch“, sagt Wilkes. „Und ich sagte: ‚Gott, Brian! So hast du das aber nicht beschrieben! Ich bin keine 14 mehr. Willst du mich auf den Arm nehmen? 26 Stunden auf dieser schmalen Kante? Bist du verrückt?‘“

Aber als er mit den Aufnahmen begann, war Wilkes Fokus nur auf die Ebbe und Flut von Licht und Menschen vor ihm gerichtet. „Wenn ich das Bild erst einmal anvisiere, bekomme ich so etwas wie einen Tunnelblick – ich will das Bild unbedingt machen“, sagt er. „Wenn ich erst einmal infiziert bin, überlagert die pure Schönheit meines Tuns alles andere. Auch wenn ich Angst habe, verändert sich alles, sobald ich den Schauplatz durch die Kameralinse sehe. Ich trenne mich von dem, was die physische Realität darstellt.“

Wilkes verbrachten 16 Stunden auf einem 24 Meter hohen Kirschenpflücker – genau der richtige Ort, um alle Einzelheiten der Kirschblütenzeit einzufangen.
Bild Stephen Wilkes

Tidal Basin, Washington, D.C.

Die Kirschblüte in ihrer schönsten Phase einzufangen ist schwierig, vor allem angesichts des launischen Frühlingswetters in Washington. „Man kann 5 Jahre lang jedes Jahr sagen: ‚Dieses Jahr gehen wir wieder hin‘ und trotzdem nie den richtigen Moment für die Blüte erwischen. Allein dass wir sie auf dem Höhepunkt ablichten konnten – kein Kälteeinbruch, kein Regen – war schon verblüffend, und die Windgeschwindigkeit ging nie über 16 Stundenkilometer.“

Wilkes und Fotoredakteurin Kim Hubbard gingen auf die Suche nach dem perfekten Ort und fanden ihn schließlich auf diesem Aussichtspunkt. Er zeigt das Tidal Basin in seiner ganzen Pracht, die Menschen, die sich im West Potomac Park vergnügen und den Blick auf einige Sehenswürdigkeiten. „Ich schaute hin und sagte: ‚Wenn ich hier weiter nach oben kommen könnte, würde ich den Sonnenaufgang über dem Jefferson Memorial und die Dämmerung über dem National Monument sehen‘“, sagt er. „Ich wusste, dass ich hier eine tolle Geschichte finden würde.“

Wilkes bekam keine Genehmigung für seine schwere, auf einen LKW montierte Hebebühne, also nutzte er einen weniger stabilen, 24-Meter-Kirschpflücker, der hoch genug war, um einen Panoramablick zu bieten. Allerdings wurde er auch von startenden und landenden Flugzeugen des nahegelegenen Reagan National Airports ins Schwanken gebracht – eine Herausforderung, wenn man für Nachtaufnahmen mit langer Belichtungszeit absolut stillhalten muss.

Alles in allem verbrachte Wilkes 16 Stunden mit Fotografieren – ohne Pause. Auf die Frage, wie er mit natürlichen Bedürfnissen umging, erwähnte er eine Anzahl roter Flaschen, bevor er es so zusammenfasste: „Unterm Strich sollte man nicht viel trinken, vor allem nicht zu viel Kaffee. Wenn ich mit diesem Projekt fertig bin, werde ich meine Blase der Wissenschaft spenden.“

Fotografiert vom Desert View Watchtower aus. Wilkes erschuf dieses Bild des South Rim im Grand Canyon in 27 Stunden. Dieser Blickwinkel erlaubte es ihm, die Menschen auf dem Aussichtpunkt zu beobachten.
Bild Stephen Wilkes

South Rim, Grand Canyon

„Als die Sonne aufging, hatte ich eine der wahrscheinlich schönsten Wolkenformationen vor mir, die man sich nur wünschen kann“, sagt Wilkens zum Entstehen dieses Bildes.

„Es war wie in ‚Wünsch dir einen perfekten Himmel‘. Ich bin extra Ende Juli hingefahren in der Hoffnung, den Beginn und die erste Hälfte der Gewittersturm-Saison zu erwischen. Wir hatten am Ende des Tages großes Glück, einen Blitz ablichten zu können.

Man kann tatsächlich sehen, wie sich die Regenwolken zusammenbrauen. Diese Geschichte – die Fähigkeit, die Veränderung der Wolkenformationen einzufangen und den Himmel und wie sich der Tag dabei entwickelt – ist etwas sehr Tiefgründiges, wenn man sich in einem Nationalpark befindet. Weil ein Teil der Park-Magie darin besteht, dass etwas wirklich Aufregendes passieren könnte, egal, wohin man geht.“

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