Wie ein Fotograf den Vogelflug sichtbar macht

Der spanische Fotograf Xavi Bou zeigt, welche Spuren Vögel am Himmel hinterlassen. Dazu braucht er eine Videokamera – und viel Geduld. Mittwoch, 28. Februar 2018

Wie kamen Sie auf die Idee, Vögel zu fotografieren, während Sie fliegen?
Ich liebe die Natur und die Tierwelt. Als Kind ging ich oft mit meinem Großvater im Llobregat-Delta, hier in der Nähe von Barcelona, spazieren und beobachtete Vögel. Trotzdem habe ich nach meinem Fotografie-Studium erst einmal für die Modeindustrie und in der Werbung gearbeitet. Ich kam lange überhaupt nicht auf die Idee Natur zu fotografieren.

Warum denn nicht, wenn Natur Ihre Leidenschaft ist?
Weil die Bilder normalerweise die Natur nur darstellen – den richtigen Vogel im passenden Licht. So etwas reizt mich nicht! Ich wusste: Wenn ich ein eigenes Projekt in der Natur verfolge, muss es etwas Neues zeigen. Eines Tages überlegte ich mir, welche Spur wohl Vögel beim Fliegen hinterlassen würden. Fährten lesen am Boden hat mich immer schon interessiert. Ich stellte mir vor, wie es wäre, das am Himmel zu sehen, diese seltsamen Linien und Formen. Spannend, das sichtbar zu machen!

Wie gehen Sie bei Ihren Bildern vor?
Ich arbeite mit einer hochauflösenden Videokamera. Die schafft 60 Fotos pro Sekunde. Aus den einzelnen Standbildern montiere ich später ein Bild zusammen. Die Videoaufnahmen draußen sind an ein paar Tagen gemacht, aber die Arbeit am Computer dauert oft Monate. 100 bis 600 einzelne Bilder stecken in einem fertigen Bild. Das braucht viel Zeit!

Wo waren Sie für Ihr Projekt schon unterwegs?
Die allermeisten Fotos habe ich hier in Barcelona und in der näheren Umgebung gemacht. Meine Dachterrasse ist ein toller Ort! In Katalonien gibt es Deltas, trockene Gegenden und hohe Berge. Da finden sich viele verschiedene Vogelarten und Motive. Aber eben nicht alles. Weil ich nach einer bestimmten Atmosphäre suchte, bin ich nach Island geflogen. Ich wollte schwarze Felsen, stürmisches Meer, Wolken und Nebel. Das gibt es so in Spanien nicht. Hier ist der Himmel meistens blau. Einmal war ich außerdem noch in Tarifa an der Straße von Gibraltar, weil sich dort im Spätsommer Vögel aus Westeuropa sammeln, um nach Afrika zu fliegen. Solche Massen sieht man sonst nicht. Das war eine gute Möglichkeit, um große Gruppen mit großen Vögeln festzuhalten, hunderte Störche etwa.

Haben Sie einen Lieblingsvogel?
Da gibt es einige. Zum Beispiel den Mauersegler, weil er kaum am Boden ist. Mauersegler machen fast alles im Fliegen, außer Brüten. Sie fliegen von Südafrika bis nach Nordeuropa. Ihr Flug gefällt mir, weil er so chaotisch ist. Diese Energie! Auf den fertigen Bildern sieht das aus wie Tinte.

Was fasziniert Sie so an fliegenden Vögeln?
Ich war immer schon fasziniert von der Schönheit der Natur. In diesem Fall ist es eine verborgene Schönheit. Dank neuester Technik und dem Trick, den ich anwende, mache ich etwas sichtbar, das zwar vor unseren Augen passiert, was wir aber nicht sehen können, weil wir Zeit anders wahrnehmen. Ich finde das aufregend. Ich mag diese Kombination von Kunst, Wissenschaft und Technologie. Die Bilder sind wie Zeichnungen, gemacht von Vögeln. Deshalb heißt das Projekt auch Ornitographies

Wissen Sie eigentlich vorher, wie ein Bild aussehen wird?
Ich kann es mir mehr oder weniger vorstellen, weil ich die Bilder ja auch plane. Ich besorge mir vorher viele Informationen, kenne die beste Saison, den besten Ort, warte auf passendes Wetter. Ich kann abschätzen, ob es eher eine gerade Linie ergibt oder eine chaotische Form. Aber das tatsächliche Bild ist immer eine Überraschung. Das hat ein bisschen was von Analogfotografie. Das Ergebnis ist mal besonders beeindruckend – und mal auch eher enttäuschend.

Wie reagieren die Betrachter auf Ihre Bilder?
Wenn ich die Bilder am Anfang Leuten zeigte, ohne etwas dazu zu sagen, wussten sie nicht, was sie sahen. Das war mir wichtig! Ich habe versucht, die Bilder so zu überlappen, dass man den Umriss des Vogels nicht erkennt. Wir sehen hunderte, tausende Bilder jeden Tag, unser Gehirn ist fast schon kontaminiert mit Bildern. Ich finde es schön, dass ich etwas zeigen kann, was die Menschen nicht kennen. Manche tippten auf Stromleitungen am Himmel, manche auf DNA. Nur einige Kinder haben sofort erkannt, dass es Vögel sind.

Die Fotos von Xavi Bou sind auch in der Titelgeschichte über den Vogelzug in der Ausgabe 3/2018 des National Geographic Magazins zu sehen. Jetzt ein Magazin-Abo abschließen!

 

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