Fotografie

Tierische Tischmanieren: Claire Rosens "Fantastical Feasts"

Die zauberhaften Dinnerpartys erwecken die Magie der Kindheit zum Leben.Mittwoch, 25. April 2018

Das Rotwangen-Schmuckschildkröten-Festmahl. Montclair, New Jersey. 2014
Das Rotwangen-Schmuckschildkröten-Festmahl. Montclair, New Jersey. 2014

Wenn sich Flamingos für ein elegantes Abendessen in Miami an einem Tisch einfinden würden, wie würde das aussehen? Und was wäre mit einem Geparden-Brunch in Südafrika oder einer Faultier-Dinnerparty in den peruanischen Anden? Eben solche Zusammenkünfte hält die Kunstfotografin Claire Rosen fest.

In den letzten sechs Jahren lichtete sie 55 Tierarten an etwa 20 Orten auf der ganzen Welt ab und erschuf so skurrile und drollige Bilder von Tieren, die sich an kunstvollen Festtafeln gütlich tun. Die Ergebnisse präsentiert sie in ihrer Sammlung „Fantastical Feasts“.

Die in Pennsylvania wohnhafte Fotografin hofft, dass die Darstellung der Tiere in solch menschlichen Situationen den Betrachter dazu bringt zu hinterfragen, ob wir mit den schuppigen, pelzigen und gefiederten Tieren nicht mehr gemein haben, als wir denken.

Das Miniature-Pony-Festmahl. Morristown, New Jersey. 2013
Das Miniature-Pony-Festmahl. Morristown, New Jersey. 2013

„Die Intention des Projekts ist es“, erklärt Rosen, „die Leute dazu zu bringen, Tieren freundlicher und menschlicher zu begegnen und darüber nachzudenken, wie wir mit ihnen umgehen. Welche Verantwortung haben wir den Wesen gegenüber, mit denen wir uns einen Planeten teilen?“

Die Fotografien veranlassen den Betrachter dazu, sich in die Tiere hineinzuversetzen, indem sie uns daran erinnern, wie wir sie uns als Kinder vorgestellt haben. Als Rosen aufwuchs, mochte sie vor allem Geschichten mit anthropomorphisierten Tieren. Zu ihren Lieblingsbüchern gehörten „Die Geschichte von Peter Hase“ von Beatrix Potter und Lewis Carrols „Alice im Wunderland“. Nachdem sie mit ihrer Arbeit an „Fantastical Feasts“ begonnen hatte, fielen ihr auf dem Dachboden ihres Elternhauses einige ihrer alten Bücher wieder in die Hände. Da wurde ihr klar, dass ihr Projekt stark von jenen Szenen beeinflusst wurde, die sie sich als Kind eingeprägt hatte.

Den Auftritt der Tiere in ihren Bildern hat Rosen größtenteils Glück und Zufällen zu verdanken. Viele ihrer Bilder entstanden auf ihren beruflichen Reisen als Fotografielehrerin. Sobald ein Reiseziel feststeht, informiert sich Rosen darüber, welche Tiere in der Region eine besondere Rolle spielen, und beginnt damit, gedanklich Kompositionen zu entwerfen.

Das Seestern-Festmahl. Inderoy, Norwegen. 2014
Das Seestern-Festmahl. Inderoy, Norwegen. 2014

Den Zugang zu den Tieren erhält sie auf unterschiedlichste Weise. Im Jordan fotografierte sie Arabische Oryxe – die Nationaltiere des Landes wurden durch ein Zuchtprogramm in Gefangenschaft vor dem Aussterben bewahrt. Die Aufnahme kam nur durch einen zufälligen Stopp an einem Kaffeestand mitten in der Wüste zustande.

Dort unterhielt sie sich beiläufig mit einem anderen Kaffeetrinker über ihr Projekt. Er bot an, seinen Cousin anzurufen, der mit einem der Wissenschaftler des Zuchtprogramms befreundet ist. Sieben Minuten später saß Rosen in einem Pick-up und war unterwegs, um die Schlüssel zum Reservat abzuholen.

Als sie erst einmal ein paar Beispiele ihrer Arbeit hatte, die sie Leuten zeigen konnte, wurden die Dinge einfacher.

Das Igel-Festmahl. Montclair, New Jersey. 2013
Das Igel-Festmahl. Montclair, New Jersey. 2013

Nachdem sie vor Kurzem nach Pennsylvania aufs Land gezogen war, stellten ihr mehrere Einwohner der Gegend ihre geliebten Tiere zur Verfügung Einige davon – wie Pferde, Hunde, Ziegen, Schafe und Kühe – waren das, was man in ländlichen Gegenden eben so erwarten würde. Die Pfauen und riesigen Raupen, die ihre Nachbarn ihr anboten, waren hingegen eine willkommene Überraschung.

Für ihre Kompositionen wird Rosen auch regelmäßig kreativ und erfinderisch.

Die Wellensittiche – Rosens eigene Haustiere – fotografierte sie in ihrer ehemaligen Wohnung nach einem Sturm. „Ein Baum war umgefallen, also habe ich einen dieser riesigen Äste reingeschleppt“, erzählt sie. „Meine Mutter hat mit ihren Kuchenformen diese kleinen Leckereien für sie gemacht.“

Die meiste Zeit über sucht sie allerdings auf Facebook nach Empfehlungen. „Mein Netzwerk hat sehr dabei geholfen, diese Shootings umzusetzen und den Zugang [zu Tieren] zu bekommen“, sagt Rosen.

Das Kobra-Festmahl. Jaipur, Indien. 2017
Das Kobra-Festmahl. Jaipur, Indien. 2017

Um den Bildern ein verbindendes Element zu geben, nutzt Rosen die Komposition des „Abendmahls“ von Leonardo da Vinci. Die Tischtücher sind im Stil niederländischer Stillleben des 17. Jahrhunderts arrangiert. Die Gegenstände und Nahrungsmittel auf dem Tisch wählt sie nach ästhetischen Gesichtspunkten und den Vorlieben der Tiere aus. „Ich freue mich immer darauf, das ganze Zeug zu jagen, das auf den Tisch kommt“, sagt Rosen, die die Gegenstände lokal ersteht, damit sie die jeweilige Region und Kultur widerspiegeln.

Bevor sie beschließt, was am Ende auf der Festtafel landet, unterhält sie sich mit den Besitzern oder Pflegern der Tiere darüber, welche Nahrungsmittel für sie ungefährlich sind und welche Dekorationen ein Sicherheitsrisiko darstellen könnten. So findet sie auch heraus, welche Settings die Eigenschaften ihrer Motive am besten repräsentieren. Während der Shootings sind die Halter und Betreuer der Tiere zumeist anwesend, um sicherzustellen, dass sich die Tiere nicht verletzen.

Sobald sie erst einmal an der Tafel eintreffen, ist nichts mehr sicher. „Die Kamele haben nur etwa zehn Minuten gebraucht“, sagt Rosen. „Sie waren so begeistert von dem ganzen Essen.“ Die Elefanten waren ebenfalls sehr umgängliche Kunden: „Wie Staubsauger bei den Erdnüssen.“ Und obwohl die norwegischen Seesterne „sehr kooperativ“ waren, wie sich Rosen erinnert, „driftete ihr Esstisch ständig weg“.

Das Dreifinger-Faultier-Festmahl. Peruanischer Amazonas. 2014
Das Dreifinger-Faultier-Festmahl. Peruanischer Amazonas. 2014

Die Flamingos erwiesen sich hingegen als sehr kompliziert. Nachdem Rosen den Shrimp-Cocktail serviert hatte, wartete sie – und wartete und wartete – im flachen tropischen Wasser darauf, dass sich die Vögel darüber hermachten. „Sie fraßen einfach den Krill und die Insekten aus dem Wasser“, beklagt sie amüsiert. „Das Projekt macht mir einfach so viel Spaß.“

„Das Kobra-Festmahl“, das im indischen Jaipur entstand, gehört zu Rosens Favoriten, da Schlangen so gegensätzliche Empfindungen bei Menschen auslösen. Mit der Hilfe eines örtlichen Fotografen arrangierte Rosen ein Treffen mit einem Schlangenbeschwörer in fünfter Generation. Sie wählte eine blaue Wand in einer Gasse als Hintergrund. Die Farbe spielt auf Shiva an, den blauhäutigen Hindu-Gott, der oft mit einer Königskobra um den Hals dargestellt wird. Auf den lokalen Märkten suchte sie nach einem Miniatur-Teeservice aus Messing, einem Stoff für das Tischtuch, Milch, Samosas und Blumen für den Tisch. Die Eier wählte sie aufgrund ihrer Symbolik: Schlangen symbolisieren Fruchtbarkeit, ebenso wie Eier.

„Jedes Bild präsentiert völlig andere Umstände und Herausforderungen“, sagt Rosen.

Sobald die Szene fotografiert wurde, wählt Rosen die besten Aufnahmen jedes Tieres, um in der Postproduktion die abschließende Komposition zu bauen.

„Ich habe das Gefühl, dass das Projekt die Menschen glücklich macht, wenn sie es sehen“, so Rosen. „Ich hatte schon immer das Verlangen, um mich herum eine magische Welt zu erschaffen.“

Das Falken-Festmahl. Dubai, VAE. 2016
Das Falken-Festmahl. Dubai, VAE. 2016

Claire Rosen auf ihrer Website und Instagram folgen.

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