Geschichte und Kultur

Hinweise auf Schädelkult in ältestem Tempel der Welt gefunden

Fragmente menschlicher Schädel mit Bearbeitungsspuren, die in einer steinzeitlichen Stätte entdeckt wurden, lassen auf eine überraschend komplexe Kultur schließen. Freitag, 27 Oktober

Von Shaena Montanari

Vor etwa 10.000 Jahren könnte die ohnehin schon beeindruckende Erscheinung von Göbekli Tepe im Südosten der Türkei noch bemerkenswerter gewesen sein, als man annahm – denn eventuell hingen Schädel an dem Bau, der als ältester Tempel der Welt gilt.

Eine neue Studie, die in „Science Advances“ veröffentlicht wurde, untersuchte drei steinzeitliche Schädelfragmente, die in Göbekli Tepe von Archäologen entdeckt wurden. An ihnen finden sich Spuren einer einzigartigen Bearbeitung.

Die tiefen, bewusst eingearbeiteten Kerben stellen eine einzigartige Form der Schädelmodifikation dar, die man bisher noch nirgendwo sonst auf der Welt gesehen hat, sagt Julia Gresky. Sie ist die Hauptautorin der Studie und eine Anthropologin am Deutschen Archäologischen Institut in Berlin. Eine detaillierte Analyse mit einem speziellen Mikroskop ließ erkennen, dass die Kerben absichtlich und mit einem Werkzeug aus Feuerstein gemacht wurden. In eines der Schädelfragmente wurde sogar ein Loch gebohrt. Es erinnert an die Schädelmodifikationen der Naga in Indien, die solche Löcher nutzten, um Schädel an Schnüren zu befestigen.

Die Spuren wurden zwar nur auf ein paar wenigen Schädelfragmenten mit einem Alter zwischen 10.000 und 7.000 Jahren gefunden, doch die Archäologen glauben, dass sie von außergewöhnlicher Bedeutung sind. Sie verraten, dass diese Gesellschaft – wie auch viele andere, die es zu jener Zeit in diesem Teil der Welt gab – ein „Schädelkult“ war, der menschliche Schädel nach dem Tod von Personen verehrt hat.

SCHÄDEL UND KNOCHEN

„Schädelkulte sind in Kleinasien nicht ungewöhnlich“, sagt Gresky. Archäologische Funde von anderen Stätten in der Region, erklärt sie, deuten darauf hin, dass die Menschen ihre Toten üblicherweise begruben, sie dann wieder ausgruben, die Schädel nahmen und sie auf kreative Weise zur Schau stellten. Andere Archäologen haben sogar entdeckt, dass die steinzeitlichen Menschen die Gesichter ihrer Toten mit Gips nachbildeten.

Göbekli Tepe war von besonderer Bedeutung für die Menschen der Steinzeit, die in der Nähe lebten. „Das war kein Siedlungsgebiet. Es sind fast nur Monumentalbauten“, erläutert die Archäologin.

Die gewaltigen, T-förmigen Steinsäulen und die hervorgehobene Stellung der Anlage auf einem Hügel mit weiter Aussicht lassen vermuten, dass die Jäger und Sammler, die hier lebten, eine einigermaßen Komplexe Kultur besaß und Rituale praktizierten.

FREUNDE ODER FEINDE?

„Das ist eine interessante Schädelmodifikation, die in diesem Teil der Welt und in diesem Zeitraum bisher noch nicht dokumentiert wurde“, sagt Matthew Velasco. Der Bioarchäologe von der Cornell Universität war an der Studie nicht beteiligt. Der Fund wirft aber auch die zusätzliche Frage auf, wem die Schädel gehörten und warum sie auf diese Art behandelt wurden.

„Es gibt eine ganze Reihe von Verhaltensweisen im Kontext von Schädelmodifikationen, von der Verehrung von Vorfahren bis zur Entehrung von Feinden“, erklärt Velasco. Eine solche Unterscheidung kann in Göbekli Tepe nur untersucht werden, wenn man noch weitere Entdeckungen macht.

Neben den Kerben und gebohrten Löchern deuten Gresky zufolge auch andere Hinweise in der Stätte darauf hin, dass diese Kultur Schädeln eine besondere Bedeutung beimaß. „Wir sehen hier Darstellungen eines Kopflosen auf einer Säule oder aus Stein gehauene menschliche Schädel. Die Ikonografie der Stätte passt zu einem Fokus auf Schädel.“

Es gibt keine Grabstätten in Göbekli Tepe, eher Gruben mit einer Mischung menschlicher und tierischer Knochen sowie Werkzeugen aus Feuerstein. Daher ist noch mehr Kontext nötig, um die Stätte besser zu verstehen. „Wir stehen immer noch am Anfang mit unserer Arbeit, die Anthropologie der Stätte zu verstehen“, sagt Gresky. „Hoffentlich werden wir noch mehr Knochen und Schädelfragmente finden. Dann können wir eine genauere Vorstellung davon erhalten, wie diese Menschen gelebt haben.“

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