Geschichte und Kultur

Kriminaltechnik erweckt das Gesicht einer Mumie zu neuem Leben

Modernste forensische 3D-Technologie hat es Experten ermöglicht, ein verblüffend lebensechtes Porträt einer Adeligen zu erstellen, die vor etwa 1.600 Jahren in Südamerika gelebt hat.Dienstag, 7. November 2017

Von A. R. Williams
So sieht das Gesicht einer 1.600 Jahre alten Mumie aus
So sieht das Gesicht einer 1.600 Jahre alten Mumie aus

2005 entdeckten Archäologen in der Ausgrabungsstätte El Brujo an der Nordküste Perus ein faszinierendes Stoffbündel. Es war um etwa 400 n. Chr. in einem kunstvoll bemalten Grabkomplex aus Lehmstein beigesetzt worden. Darin eingewickelt war der auf natürliche Weise mumifizierte Körper einer jungen Aristokratin der Moche-Kultur, die in dieser Region schon 1.000 Jahre vor den Inka florierte. Nun haben Experten das Gesicht der Frau mit Techniken rekonstruiert, die normalerweise eingesetzt werden, um Verbrechen aufzuklären.

Die Mumie ist in der Gegend als Señora de Cao bekannt, benannt nach der nahegelegenen Stadt Magdalena de Cao. Aktuell wird sie in einem Museum in El Brujo ausgestellt, allerdings ist sie nur schwer zu sehen. Um ihren Körper besser zu erhalten, wird sie in einem klimatisierten Raum aufbewahrt. Besucher können durch ein Fenster hineinsehen. Allerdings haben sie keine direkte Sicht auf die Mumie, sondern können nur durch einen geschickt gewinkelten Spiegel einen Blick auf sie erhaschen.

Die Adelige der Moche lebte vor etwa 1.600 Jahren im alten Peru. In ihrem Grab fanden sich vier hohe, V-förmige Kronen und andere Reichtümer. Wissenschaftler benutzten die neueste 3D-Technologie, um eine erstaunlich lebensechte Rekonstruktion zu erstellen.

Die Kuratoren des Museums wollten ihren Besuchern jedoch einen besseren Blick auf diese bemerkenswerte Frau verschaffen. Außerdem mussten sie ein dauerhaftes Zeugnis ihrer Überreste anfertigen, die unweigerlich im Laufe der Zeit zerfallen werden. Die Lösung war es, eine Rekonstruktion ihres Gesichts zu erstellen, die so originalgetreu ist, wie es die heutige Technologie eben zulässt. Zusätzlich hat man eine exakte Nachbildung ihres Körpers in seinem jetzigen Zustand angefertigt. „Diese Art der Aufzeichnung wird diese außergewöhnliche Entdeckungen für viele zukünftige Generationen erhalten“, sagt die Archäologin Arabel Fernández López, die die Arbeit überwachte.

Das Projekt wurde letzten November von der Augusto N. Wiese Foundation ins Leben gerufen. Dafür wurde ein internationales Team aus Archäologen, Anthropologen, forensischen Wissenschaftlern und Künstlern sowie Ingenieuren, die auf 3D-Technologie spezialisiert sind, zusammengestellt. Die Stiftung hat die Forschungen in El Brujo seit Beginn der Ausgrabungen 1990 unter der Leitung von Régulo Franco Jordán unterstützt.

Teil dieser Forschungen war es auch, die 20 Stoffschichten aufzuwickeln, mit denen der Körper der Señora und zahlreiche Artefakte eingewickelt waren. Viele der Gegenstände bestehen aus Gold, Silber oder vergoldetem Kupfer.

Die Señora war erst Mitte bis Ende 20, als sie starb. Warum sie mit all diesem Reichtum begraben wurde und welche Rolle sie in ihrer Gemeinschaft gespielt hat, ist ungewiss. „Ohne schriftliche Aufzeichnungen wissen wir nicht, wer sie war“, sagt John Verano. Der Anthropologe von der Tulane Universität half dabei, sie auszuwickeln und ihr Gesicht zu rekonstruieren.

Sie war ganz eindeutig eine wichtige Person. Mit knapp 1,50 Meter Körpergröße und einer zierlichen Figur war sie wohl keine kampftaugliche Kriegerin. Aber womöglich war sie die Frau eines Herrschers – oder herrschte selbst.

Das trockene Klima des Wüstenreichs der Moche trocknete den Leichnam der Frau aus. Die Spezialisten, die das 3D-Modell ihrer Überreste erstellten, gingen während des mühsamen Prozesses mit größter Sorgfalt vor.

Um das Geheimnis darum zu lüften, wie sie zu Lebzeiten ausgesehen hat, mussten zuerst digitale Bilder ihrer Mumie erstellt werden. Bei ähnlichen Fällen wie dem von Tutanchamun oder Ötzi wurden die Leichname mit einem stationären, medizinischen CT-Scanner gescannt. Die Bilder der Señora wurden hingegen mit hochmodernen, tragbaren Laserscannern von FARO gemacht, einem Unternehmen für 3D-Technologie. Die Geräte wurden ursprünglich für industrielle Anwendungsbereiche entworfen. Mittlerweile haben sie sich jedoch als äußerst nützlich für forensische Untersuchungen und Kulturerbeprojekte wie dieses erwiesen.

Nachdem die Daten der Scans auf einen Computer übertragen wurden, begannen die forensischen Experten mit der Rekonstruktion des Gesichts der Señora. Mit spezieller Software entfernten sie digital zuerst die Haut, um die Knochen freizulegen.

Ab diesem Zeitpunkt machten sie dann so weiter, als wäre die Frau ein Mordopfer – in einem sehr, sehr alten Fall. Sie platzierten Marker für die Gewebetiefe anhand von Durchschnittswerten, die man von Leichnamen gesammelt hatte. Dann fügten sie die Gesichtsmuskulatur hinzu. „Ist es exakt derselbe Ablauf wie beim traditionellen händischen Prozess, bei dem man Ton auf ein Modell aufträgt, aber heute wird das eben in einer digitalen Umgebung gemacht“, sagt Joe Mullins. Der forensische Künstler arbeitet in den USA für ein Zentrum für vermisste und ausgebeutete Kinder und diente dem Projekt als Berater.

Der Schädel der Mumie weist die hohen Wangenknochen und Gesichtsproportionen auf, die typisch für die Moche waren. Eine lebende Person hat aber auch weiche Merkmale, die im Normalfall nicht mehr nach dem Tod zu erkennen sind. Der Rest der Rekonstruktion beinhaltete also einiges an Interpretation und Vermutungen, die auf Sachkenntnis basierten.

Die Señora ist außerdem nicht in der besten Verfassung. Ihre Lippen haben sich zurückgezogen, ihre Nase ist weg und ihre Augenlider sind ausgetrocknet und eingefallen. Daher mussten sich die Experten auf andere Quellen verlassen, um Hinweise auf ihr mögliches Aussehen zu erhalten: Abbildungen von Menschen auf Töpfererzeugnissen der Moche, Studien ausgegrabener Moche-Skelette, 100 Jahre alte Fotos von Nordperuanern und die Gesichter von Nachfahren der Moche, die noch heute in der Gegend um El Brujo leben.

Der Körper der Frau aus der Oberschicht war in 20 Lagen Stoff gewickelt, in denen sich auch Artefakte wie diese Kette aus goldenen Köpfen befanden.

Sobald das Gesicht am Computer ausgestaltet worden war, wurde der gesamte Kopf mit einem 3D-Drucker gedruckt. Im Anschluss wurde für das Museum ein Modell aus Fiberglas erstellt. Aber dieses Modell war vorerst so leblos wie eine Schaufensterpuppe. Das warf weitere Fragen auf: Welche Augenfarbe hatte sie Señora? Wie sahen ihre Augenbrauen und ihre Wimpern aus? Welchen Hautton hatte sie? Um sie gänzlich zum Leben zu erwecken, brauchte sie außerdem Kleidung und Schmuck, die ihrem hohen Status entsprachen.

Fernández López hat all diese Details zusammen mit einem Bildhauer ausgearbeitet, der sich auf die Nachbildung historischer Figuren für Museen spezialisiert hat. „Diesen letzten Abschnitt der Rekonstruktion zu sehen, war sehr emotional“, sagt sie. „Es war, als sei die Frau wiederauferstanden. Ich hab mir gesagt: ‚Okay, Señora, jetzt weilst du wieder unter uns.‘“

Das Museum in El Brujo legt nun eine spezielle Galerie an, um das rekonstruierte Gesicht auszustellen. Sie soll Ende August eröffnet werden und wird auch die Technologie zeigen, die bei diesem Projekt zum Einsatz kam. Außerdem können sich Besucher die bildlichen Hilfsquellen ansehen, die konsultiert wurden, und verschiedene interaktive Präsentationen erleben. „Wir wollen, dass Personen jeden Alters eine einzigartige und unvergessliche Erfahrung haben, die sie mit der Señora de Cao verbindet“, sagt Fernández López.

Die Einheimischen haben die Señora bereits als eine von ihnen akzeptiert und stellen sie oft bei Gemeindeereignissen und Schulaktivitäten dar. „Die Menschen sind sehr stolz auf sie“, sagt Fernández López. „Sie taucht in Diskussionen über die kulturelle Identität der Gemeinden der Ureinwohner auf und ist zu einem Symbol für die peruanischen Frauen geworden.“

Nun haben die Menschen im Norden Perus den unbestreitbaren Beweis dafür, dass diese bedeutende, mächtige Frau der Vergangenheit genauso aussah wie sie selbst. „Ich glaube, dass das insbesondere für Kinder wichtig sein wird“, sagt Verano.  „Wenn sie in ihre Augen sehen, dann können sie darin ihre eigenen Verwandten aus der Stadt oder ihre eigene Herkunft erkennen. Das ist etwas, das ein mumifiziertes Gesicht einem einfach nicht vermitteln kann.“

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