Geschichte und Kultur

Die Knochenkirche von Sedletz

Die Gebeine von Opfern der Pest und der Kreuzzüge zieren die Gemäuer des alten Gebäudes. Donnerstag, 9. November 2017

Das tragisch-schöne Sedletz-Ossarium ist über und über mit menschlichen Knochen geschmückt, die gebleicht und zerlegt wurden.
Das tragisch-schöne Sedletz-Ossarium ist über und über mit menschlichen Knochen geschmückt, die gebleicht und zerlegt wurden.

Die gotische Kirche befindet sich in Sedletz, einem Ortsteil der idyllischen tschechischen Stadt Kutná Hora. Von außen sieht sie recht gewöhnlich aus, aber im Inneren gibt es etwas Außergewöhnliches zu entdecken: Die Knochen Tausender Menschen wurden gebleicht, gehauen und kunstvoll angeordnet.

Der Geschichte nach soll ein Abt aus der Gegend im 13. Jahrhundert nach Jerusalem gereist sein und hat etwas heilige Erde mit nach Sedletz mitgebracht, um sie auf dem Kirchenfriedhof zu verteilen. Das sprach sich herum, und so wurde der Sedletzer Friedhof einer der beliebtesten Orte in Mitteleuropa, um sich bestatten zu lassen.

Als im 14. Jahrhundert die Pest in Europa wütete, wurden um die 30.000 Opfer dort begraben. Durch die Kreuzzüge kamen weitere 10.000 Menschen dazu, ganz zu schweigen von den anderen Begräbnissen, die im Laufe der Zeit folgten.

Als die Gemeinde im 15. Jahrhundert mit dem Bau der gotischen Kirche begann, wurden viele Knochen exhumiert und in pyramidenförmigen Haufen im Beinhaus unter dem neuen Gebäude angeordnet. So verblieben sie bis 1870, als die Eigentümerfamilie 1870 František Rint engagierte, um aus den riesigen Knochenhaufen etwas Schönes zu erschaffen.

Das Wappen der Fürstenfamilie Schwarzenberg, welche František Rint beauftragte.
Das Wappen der Fürstenfamilie Schwarzenberg, welche František Rint beauftragte.

Damit hatte er zweifelsfrei Erfolg. Nachdem er die Knochen gebleicht und zerlegt hatte, verzierte er mit ihnen die heiligen Räume. Er stellte Ketten aus Schädeln und Knochen her, mit denen er die Durchgänge verzierte. Aus Hüften und Beinknochen schuf er Kelche und Kreuze. Sogar ein detailliertes Familienwappen der Schwarzenbergs ziert die Wand als Dank für ihre Finanzierung des Künstlers.

Aber das Glanzstück des Sedletz-Ossariums ist der gewaltige Kronleuchter, in dem angeblich jeder Knochen im menschlichen Körper mindestens einmal vertreten ist. Kerzen leuchten auf den weiß schimmernden Schädeln, welche die Besucher anstarren, die die Kirche betreten. Die Angestellte Vendula Krůlová erklärt, dass ein Spezialist die Knochen nun einzeln mit einer Zahnbürste säubert.

Das Sedletz-Ossarium ist eines von einer Handvoll makabrer Orte in ganz Europa. In Tschechien befindet sich zusätzlich das Beinhaus bei der St. Jakobs-Kirche, in dem die Knochen von etwa 50.000 Menschen jeden Zentimeter der Wände zu bedecken scheinen. In Polen gibt es die Schädelkapelle Kaplica Czaszek, Portugal hat die Capela dos Ossos in Évora, und in den Katakomben von Paris liegen die Knochen von mehr als sechs Millionen Menschen. Das Sedletz-Ossarium ist das am zweithäufigsten besuchte Reiseziel in ganz Tschechien, und jeden Tag kommen Touristen mit dem Zug aus Prag.

Zweifelsohne hat dieser einzigartige Ort auf jeden eine ganz eigene Wirkung, wie Krůlová beschreibt: „Es ist ein transzendenter Ort voller Fragen. Manche finden hier Frieden, andere empfinden Angst. Jeder ist anders, aber wir wissen, dass wir eines Tages alle genauso sein werden wie die Menschen im Ossarium.“
Memento mori.

Wei­ter­le­sen