„Die Reichen müssten mehr abgeben, die Armen würden mehr bekommen“

Mit 70 Prozent Einkommenssteuer wäre ein Grundeinkommen realisierbar, hat der Ökonom Viktor Steiner herausgefunden – und ist dennoch skeptisch.Donnerstag, 9. November 2017

Geld – einfach so? Über das bedingungslose Grundeinkommen gibt es seit Jahren eine intensive Diskussion.
Geld – einfach so? Über das bedingungslose Grundeinkommen gibt es seit Jahren eine intensive Diskussion.
bild Colourbox

Sie haben untersucht, welche Auswirkungen ein bedingungsloses Grundeinkommen haben könnte. Wie kamen Sie auf das Thema?
Es gab und gibt darüber eine intensive Diskussion. Dabei werden immer wieder zwei Behauptungen aufgestellt. Erstens, dass das nicht finanzierbar sei. Und zweitens, dass es dadurch stark negative Arbeitsanreize gäbe. Diese beiden Behauptungen zu untersuchen war die Hauptmotivation für unsere Studie.

Konnten Sie die Behauptungen widerlegen?
Teilweise. Wenn Erwachsene 800 Euro und Minderjährige 380 Euro bekäme, was ungefähr dem Hartz-IV-Satz heute entspricht, dann wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen durch einen Einkommenssteuersatz von 70 Prozent finanzierbar.

Das ist ziemlich viel...
Ja, das klingt nach viel und ist auch viel. Aber darin wären auch alle Sozialabgaben enthalten. Heute liegt der Spitzensteuersatz bei 42 Prozent, dazu kommen die Sozialbeiträge, die auch bei ungefähr 20 Prozent liegen. So gesehen sind wir mit unserem heutigen System gar nicht mehr weit entfernt von den 70 Prozent.

Und was ist mit den Arbeitsmarktanreizen?
Die Zahl der Menschen, die berufstätig ist, würde vermutlich zurückgehen. Das gesamte Arbeitsvolumen würde sich um fünf Prozent verringern, weil Leute ihre Arbeitszeit reduzieren oder gar nicht mehr arbeiten gehen. Das ist schon relativ deutlich. Wir schätzen, dass die Erwerbsquote der Männer um knapp zwei Prozentpunkte sinken würde, die der Frauen sogar um knapp fünf Prozentpunkte. Das ist so, weil Frauen häufiger in Teilzeit arbeiten, was sich dann nicht mehr lohnt.

Für die Frauen wäre die Einführung des Grundeinkommens also ein Nachteil, weil sie vom Arbeitsprozess ausgeschlossen werden?
Sie werden davon nicht ausgeschlossen, das bedingungslose Grundeinkommen reduziert eben die finanziellen Arbeitsanreize für geringfügige Beschäftigung, wovon Frauen eher betroffen sind. Für die Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt wäre das wohl unerwünscht.

Wer würde denn vom Grundeinkommen profitieren?
Der arme Teil der Bevölkerung. Weil der finanzielle Anreiz zu arbeiten höher wäre als unter Hartz IV. Abgesehen von einem geringen Freibetrag von 100 Euro, werden momentan von jedem hinzuverdienten Euro zwischen 80 und 100 Prozent abgezogen. Da wären 70 Prozent Einkommenssteuer günstiger als das heutige System. Und das Grundeinkommen hat noch einen Vorteil für die arme Bevölkerung, denn es bezieht sich auf Individuen und nicht auf Haushalte. Wenn zwei Erwachsene zusammenleben, bekommt jeder 800 Euro, das ist bei Hartz IV anders. Da sind die Regelsätze gestaffelt und der zweite bekommt weniger.

Wenn eine Familie mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern 2360 Euro auf die Hand bekommt, besteht dann überhaupt noch ein Arbeitsanreiz?
Sicherlich kein großer, wenn wir von einem Haushalt mit einem geringqualifizierten Alleinverdiener ausgehen. Aber das ist jetzt ja auch schon so. Dennoch verbessern sich eben die Hinzuverdienstmöglichkeiten gegenüber dem Status quo – und das motiviert dann vielleicht doch.

Viktor Steiner ist Professor für Wirtschaftspolitik an der FU Berlin.
Viktor Steiner ist Professor für Wirtschaftspolitik an der FU Berlin.
bild privat

Wer würde – neben den Frauen – bei einem Grundeinkommen verlieren?
Die Menschen in den mittleren und oberen Einkommensbereich. Wobei man sagen muss, dass wir von einer Einfachsteuer, einer so genannten Flattax, ausgegangen sind: Das ist zwar das einfachste und in der akademischen Welt vorherrschende Modell,  aber nur eine Möglichkeit der Gegenfinanzierung. Denkbar wäre auch eine andere Form der Besteuerung, zum Beispiel ein progressives Modell, so ähnlich wie es jetzt auch ist. Jemand mit einem mittleren Einkommen würde dann weniger als die 70 Prozent bezahlen und vermutlich finanziell so ähnlich dastehen wie jetzt, jemand mit einem hohen Einkommen hätte dafür noch deutlich höhere Steuern zu tragen.

Das heißt, dass die Reichen für die Armen zahlen würden?
Genau. Das ist in einem Sozialstaat immer der Fall, aber mit einem Grundeinkommen wäre dieser Effekt noch ausgeprägter als jetzt. Die Reichen müssten mehr abgeben, die Armen würden mehr bekommen.

Finnland testet gerade ein Grundeinkommen für Arbeitslose, die Jamaika-Koalition in Schleswig-Holstein plant einen ähnlichen Versuch. Wird die Idee bald Realität?
Da bin ich skeptisch, denn dafür müssten sich die Interessen der Ärmsten durchsetzen gegenüber der Mehrheit – und das ist in einer Demokratie eher nicht zu erwarten.

Ein Artikel über die Initiative „Mein Grundeinkommen“ steht in der Ausgabe 10/2017 des National Geographic Magazins (und hier). Jetzt ein Magazin-Abo abschließen!

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