Geschichte und Kultur

Dieses riesige Märchenschloss wurde für eine einzige Person erbaut

Der „Märchenkönig“ erschuf ein überwältigendes Bauwerk mit wechselhafter Geschichte. Freitag, 22 Dezember

Von Andrea Leitch

Hoch oben in den Gebirgsausläufern der deutschen Alpen befindet sich eins der berühmtesten Schlösser Europas. Der „Märchenkönig“ Ludwig II. von Bayern erbaute das beeindruckende Anwesen von Neuschwanstein um sich nach der Niederlage und dem Machtverlust im Deutschen Krieg aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen. Man nimmt an, dass er sein neues Schloss als Herzstück eines imaginären Königreichs erschuf – einem Reich, in dem er ein echter König sein konnte.

Daraus entstand eine lebensechte Fantasiewelt, gestaltet nach mittelalterlichen Legenden: Die Malereien an den Wänden bilden Szenen der Liebe, Schuld, Buße und Erlösung ab, insbesondere bei der Darstellung von Liebenden, Dichtern, Rittern und Königen.

Der Bau startete im Jahr 1869 auf bereits existierenden Burgruinen. Die Arbeiter schufteten mehr als ein Jahrzehnt lang Tag und Nacht, um die Räume so weit fertigzustellen, dass Ludwig II. einziehen konnte. Bühnenmaler und Kunsthandwerker arbeiteten mit Architekten zusammen, um das luxuriöse Zuhause mit neuester Technologie zu erschaffen. Trotz seiner enormen Größe und dem ursprünglichen Plan von 200 Zimmern war es dazu gedacht, von nur einer Person bewohnt zu werden.

König Ludwig II. widmete das Schloss Richard Wagner, dem berühmten Komponisten und über viele Jahre engen Freund und Vertrauten.

„Der Punkt ist einer der schönsten, die zu finden sind, heilig und unnahbar, ein würdiger Tempel...“, schrieb Ludwig an Wagner.

Ludwigs fantastische Vision für sein Königreich bekam jedoch zusehends Risse. Ausländische Banken drohten im Jahr 1885, seine umfangreichen Besitztümer zu konfiszieren, doch Ludwig weigerte sich, vernünftig mit ihnen zu verhandeln. Daraufhin ließ ihn die Landesregierung für verrückt erklären und zwang ihn zur Abdankung.

Der zurückhaltende König wurde nur Wochen nach seinem Umzug in seine neue Heimstatt im Jahr 1886 tot aufgefunden. Sein Leichnam wurde in der Nähe des Starnberger Sees entdeckt. Viele gingen von Selbstmord aus, während andere an eine Ermordung glaubten. Sein Psychiater, der ihn für verrückt erklärt hatte, wurde mit ihm zusammen tot aufgefunden.

Sieben Wochen nach dem mysteriösen Tod des exzentrischen Königs öffnete Neuschwanstein seine Tore für ein fasziniertes Publikum. Bis heute ist es das meistbesuchte Schloss Deutschlands und eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten Europas.

Mehr als eine Million Menschen haben das verträumte Schloss bereits besucht und viele weitere wandern jeden Tag hindurch, um die aufwendig gestalteten Räume zu bewundern. Im Schloss gibt es sogar eine Grotte und einen Wintergarten, einen „Sängersaal“ und einen Thronsaal. Kulisse für die opulenten Räume ist der grandiose Ausblick auf Bayern. Besonders ins Auge fallen die Tiroler Berge, der Alpsee und das Tal von Hohenschwangau.

Die märchenhafte Optik und die malerische Landschaft inspirierten Walt Disney bei der Gestaltung des Dornröschen-Schlosses im Disneyland. Es gibt außerdem das Gerücht, dass Neuschwanstein das Vorbild für das Schloss in Disneys Film Cinderella aus dem Jahr 1950 gewesen ist. Das Leben des einsiedlerischen Königs mag ein unglückliches Ende genommen haben, doch seine Vision inspirierte viele Geschichten mit deutlich glücklicheren Ausgängen.

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