Geschichte und Kultur

Wo ist der Nikolaus begraben?

Die sterblichen Überreste des Bischofs aus dem 4. Jahrhundert sind womöglich als heilige Reliquien auf der ganzen Welt verstreut. Dienstag, 5 Dezember

Von Brian Handwerk

Die Geschichte darüber, wie Nikolaus von Myra zu dem heimlichen Geschenkebringer im roten Mantel wurde, ist an sich schon faszinierend. Aber das letzte Kapitel in der Geschichte des Heiligen ist ebenso spannend – und kontrovers.

Obwohl seine sterblichen Überreste weltweit verehrt werden, weiß niemand genau, wo er in Frieden ruht. Aber wo immer er das auch tut: Er tut es wohl nicht in einem Stück.

Der Bischof, der unter anderem als Schutzheiliger der Kinder gilt, starb wahrscheinlich im Jahr 343 in Myra. Die kleine Stadt in der heutigen Türkei trägt mittlerweile den Namen Demre. Obwohl sich manche um das Jahr streiten, gibt es am Tag keinen Zweifel: der 6. Dezember, der heutzutage als Nikolaustag gefeiert wird.

In der frühchristlichen Tradition sowie im Mittelalter wurden die sterblichen Überreste von bekannten Heiligen oft auf mehrere Kirchen verteilt und dort als heilige Reliquien verehrt.   

Im Folgenden finden sich ein paar Orte, an denen der Nikolaus – oder Teile von ihm – ruhen könnte.

BARI, ITALIEN

Die meisten Überreste von Nikolaus von Myra wurden 1087 aus der heutigen Türkei in die adriatische Hafenstadt Bari gebracht. Das zumindest sagt Reverend Michael Witczak, ein Professor für liturgische Studien an der Catholic University of America in Washington, D.C.

„Während der Zeit der Kreuzzüge, als das Byzantinische Reich langsam zerfiel, brachte eine Gruppe von Italienern seinen Leichnam von Myra nach Bari. Sie wollten eine Reihe von Reliquien vor den Türken schützen, die wirklich gar kein Interesse an christlichen Heiligen hatten“, sagt Witczek.

Die Überreste befinden sich noch immer in der Basilika San Nicola, die sowohl von orthodoxen als auch von römisch-katholischen Christen besucht wird. Jeden Mai wird bei einem Fest die Heimkehr der Überbringer inszeniert. Dann kommen Priester in einem Boot mit einem Gemälde des Heiligen in der Hafenstadt an.

Adam English, der ein Buch über Nikolaus von Myra geschrieben hat, verweist auf die detaillierten Aufzeichnungen, welche die Menschen über ihre Reise gemacht haben, bei der sie die Gebeine des Heiligen transportierten.

„Wir sind uns ziemlich sicher, dass die Gebeine in Bari Nikolaus gehören. Aber natürlich kann auch das angefochten werden“, fügt der christliche Theologe und Philosoph der Campbell Universität in North Carolina hinzu.

VENEDIG, ITALIEN

Bari ist nicht die einzige italienische Stadt, die behauptet, ein Stück des Heiligen zu beherbergen.

In der Kirche San Nicola da Tolentino befinden sich kleine Knochenfragmente des Heiligen, die 1099 angeblich von venezianischen Seefahrern in der Nähe der verlassenen Kirche in Myra ausgegraben worden sein sollen.

Der Geschichte zufolge ließen die Seefahrer aus Bari, welche die Gebeine aus der Türkei brachten, ein paar der Knochen an der Kirche zurück.

„Es war im Grunde ein heiliger Raubüberfall. Sie fürchteten sich nicht nur davor, dass die Einheimischen sie verfolgen würden, sondern fürchteten auch die Gebeine und die Macht von Nikolaus. Es scheint also so, als hätten sie ein paar kleine Fragmente zurückgelassen, welche die Venezianer später mitnahmen.“

Vor einigen Jahrzehnten hat der Anatomieprofessor Luigi Martino die Knochen in Bari und Venedig untersucht und kam zu dem Schluss, dass sie vom selben Individuum stammen könnten. Aber diese Erklärung hat die Kontroverse nicht völlig zum Erliegen gebracht.

DEMRE, TÜRKEI

Für mehr als sieben Jahrhunderte nach dem Tod von Nikolaus von Myra – bis seine Gebeine nach Italien gebracht wurden – hatten Christen keinen Zweifel daran, wo sich sein Leichnam befand: in der Kathedrale von Myra, wo der Heilige den Gläubigen gedient hatte.

Im Oktober verwiesen türkische Behörden darauf, dass sich Nikolaus von Myra noch immer in Demre befinden könnte. Verschiedene Bildgebungsverfahren hatten angeblich eine unerforschte Kammer unter dem Mosaikfußboden der alten Kirche enthüllt. Einige türkische Archäologen spekulierten, dass es sich dabei um das Grab des Heiligen handeln könnte.

English von der Campbell Universität ist allerdings skeptisch. Zum einen wurde dort noch nichts gefunden, wie er sagt.

Zum anderen „wurde die Kirche geplündert, verlassen und wiederaufgebaut, hat also eine lange, bewegte Geschichte mit vielen Lücken“, erzählt er.

„Was bleibt in der Kirche noch zu finden, wenn sie diesen Raum je öffnen werden? Wer weiß?“

IM REST DER WELT

Heilige galten historisch als Wundertäter, weil die Macht und die Präsenz Gottes in ihnen wohnte.

„Nach ihrem Tod, so glaubte man, würde dieselbe Macht in ihren sterblichen Überresten wohnen, die in der Kirche begraben wurden“, sagt Witczak.

Weil es mehr Kirchen als Heilige gab, „schafften es [einige Leute] mit allen Mitteln, die verschiedenen Reliquien der Heiligen aufzutreiben“, weil sie keine eigenen Märtyrer oder Wundertäter hatten, erklärt er.

Das scheint insbesondere auf Nikolaus von Myra zuzutreffen. Seine vermeintlichen Finger und Zähne werden in mehr als einem Dutzend Kirchen auf der ganzen Welt verehrt, darunter in Russland, Frankreich und den Palästinensischen Autonomiegebieten.

„Die Frage ist, wo sie sie herhaben“, sagt English. „Sie sind Hunderte von Jahren alt und es wäre sehr schwierig festzustellen, wo einige von ihnen ursprünglich herkamen oder ob sie Teil desselben Skeletts waren.“

In dieser Hinsicht haben die heiligen Reliquien des Nikolaus von Myra etwas mit dem Nikolaus oder dem Weihnachtsmann gemein: Es kommt im Grunde nur darauf an, ob man daran glaubt.

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