Lebende Bauwerke

Der Botaniker Patrick Blanc erschafft vertikale Gärten, die buchstäblich die Wände hochgehen.Donnerstag, 23. Mai 2019

Wie holt man die Natur in die Stadt? Patrick Blanc hat ein faszinierendes Konzept entwickelt. Die Grundidee dazu kam ihm als Kind. Damals machte er die Entdeckung, dass in seinem Aquarium bestimmte Pflanzen auch ohne Erdboden wurzeln konnten. „Erde ist nichts anderes als eine mechanische Stütze. Pflanzen brauchen lediglich Licht und Wasser mit den darin gelösten Mineralien“, sagt er heute. Der Regenwald von Malaysia beispielsweise sei Heimat von etwa 8.000 verschiedene Pflanzenarten, von denen mehr als 2.000 nicht im Erdreich wurzeln, sondern auf Bäumen oder Gestein. Immer wieder unternimmt er Expeditionen in abgelegene Dschungel, um neue Erkenntnisse für seine große Leidenschaft zu gewinnen: das Vertical Gardening.

Seit mehreren Jahrzehnten entwirft Blanc kunstvolle Grünanlagen, die buchstäblich die Wand hochgehen. Der französische Biologe und Botaniker gilt als Erfinder des vertikalen Gartens. Aus grauen, leblosen Fassaden entstehen so blühende, üppige Pflanzenlandschaften. Ende der 70er Jahre entwickelte Blanc die Technik, die er sich später patentieren ließ. „Ein vertikaler Garten besteht aus drei Teilen“, erklärt der Gartenarchitekt. Vor der Wand wird zunächst ein Metallrahmen hochgezogen. Das Trägersystem bestückt Blanc mit dünnen Platten, auf denen ein Vlies angebracht wird, in das schließlich die Setzlinge verpflanzt werden. Das Vlies gibt den Setzlingen Halt und versorgt sie mit einer Nährlösung, die in einem Kreislaufsystem durch Rohre von oben an jede einzelne Pflanze gelangt.

Blühende Kunst im Großstadtdschungel

Blanc versucht, möglichst viele verschiedene Pflanzen für ein Projekt zu nutzen. Bei der Bepflanzung des Caixa-Forums in Madrid setzte er etwa 400 unterschiedliche Arten ein. Diversität statt Monokultur lautet die Devise für ein gesundes Wachstum. Das hat nicht nur ästhetische Gründe. Je vielfältiger die Pflanzenarten, desto widerstandsfähiger ist die Anlage gegen Krankheiten. Inzwischen lässt sich seine lebende Kunst auf allen Kontinenten bestaunen. In seiner Heimatstadt Paris belebte Blanc unter anderem einen Innenhof in der Rue d’Alsace, in Avignon die Außenwand der Markthalle. In Kuala Lumpur werden aktuell die 200 Meter hohen Fassaden der Le-Nouvel-Towers begrünt. Auch in Deutschland sind seine Arbeiten gefragt, wie die grüne Wand im Kulturkaufhaus Dussmann in Berlin demonstriert.

Grüne Wände in der Stadt – wenn es im Großstadtdschungel sprießt und blüht, wertet das nicht nur das Stadtbild auf. „Es ist ein Weg, um die Natur an Orte zu bringen, von denen die Menschen sie einst entfernt haben“, betont Blanc. Vertikale Gärten brauchen keine zusätzliche Fläche. Sie produzieren Sauerstoff, binden Kohlendioxid, filtern Feinstaub, absorbieren Lärm und kühlen die Luft im Sommer. Und sie liefern einen faszinierenden Impuls in der Diskussion um urbane Lebensqualität. Blanc ist sicher: „In jeder Stadt der Welt kann eine nackte Wand in einen vertikalen Garten und damit in einen wertvollen Schutzraum für die Biodiversität verwandelt werden.“

Jens Voss

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