Von der Tänzerin zur Söldnerkönigin: Indiens vergessene Machthaberin

Begum Samru befehligte Armeen, nahm sich zahlreiche Liebhaber und benannte sich nach Jeanne d’Arc.Donnerstag, 25. Juli 2019

Von Priyanka Borpujari

Der weisse Steinbau in Delhis Marktviertel mag sich optisch nicht von den anderen heruntergekommenen Bauten abheben, die eine Straße säumen, an der sich dicht an dicht Elektroläden drängen, die Adapter, Kupferkabel, Röntgenfilme und Elektrodengel für EKGs verkaufen. Nur eine kleine Plakette an der Fassade informiert die Passanten darüber, dass der Palast Bhagirath einst die opulente Residenz einer von Indiens mächtigsten Frauen war: eine Kurtisane, die später zu einer Söldnerin, dann zu einer Diplomatin und schließlich zur Königin wurde.

Begum Samru befehligte im 18. Jahrhundert 3.000 Truppen im Norden Indiens, darunter mindestens 100 europäische Söldner. Sie hielt Hof, trug einen Turban, rauchte Wasserpfeife, konvertierte vom Islam zum Katholizismus und nannte sich selbst Joanna – nach Jeanne d’Arc. Trotz ihres bemerkenswerten Lebenslaufs erinnert sich heute kaum jemand an sie. Der Palast Bhagirath ist eine von nur noch zwei handfesten Beweisen für ihre Existenz in der reichen Geschichte des Landes.

„In den Augen der meisten Menschen steht Frauen keine direkte Machthabe zu“, erzählt Uma Chakravarti, eine Geschichtswissenschaftlerin und Feministin. Sie bezieht sich damit auch auf die Frauen, die 78 der 534 Sitze im indischen Parlament innehaben. Auch heute noch müssen Frauen in Machtpositionen im Schatten jener Männer an der Spitze der politischen Parteien arbeiten. Aber, so sagt Chakravarti, „Begum Samru gelang es, den Moment des politischen Wandels zu nutzen, um sich in diesen Korridoren der Macht zu verankern und sich dort einen Platz zu verschaffen.“

Dieser politische Wandel war eine Periode, die von Unruhen und Chaos geprägt war, als das Mogulreich im 18. Jahrhundert von den Aufständen lokaler Stammesoberhäupter und der Invasion und Kolonisierung durch die Briten erschüttert wurde.

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Begum Samru wurde 1750 geboren und trug damals noch den Namen Farzana. Einige Historiker behaupten, dass sie die Tochter eines muslimischen Adligen war. Andere sind überzeugt, dass sie eine Waise, die in einer Kotha aufgezogen wurde – einem traditionellen indischen Freudenhaus, in dem Frauen für reiche Männer tanzten.

Um lokale Aufstände niederzuschmettern, heuerten die Mogule europäische Söldner an. Einer von ihnen war der mutmaßliche Österreicher Walter Reinhardt, der sich den Beinamen „der Schlachter von Patna“ verdient hatte, nachdem er dort im Jahr 1763 150 Engländer getötet hatte.

Der 45-jährige, verheiratete Reinhardt war von der 14-jährigen Farzana entzückt, die er in einer Kotha kennen lernte. Die beiden schlossen sich zusammen und bildeten fortan ein gefährliches Duo: sie ließen sich als Söldner anheuern.

“Sie hielt sich nicht an das traditionelle Bild der aufopfernden Frau. Stattdessen tat sie, was immer nötig war, um als Herrscherin zu überleben.”

ARCHANA GARODIA-GUPTA, Autorin

Farzana verzauberte die Mogule an ihren Höfen. Sie verliehen ihr den Titel Begum, der im Allgemeinen von Fürstinnen und Prinzessinnen getragen wird. Eine abgewandelte Version von „Le Sombre“ – Reinhardts Spitzname, der so viel wie „der Finstere“ bedeutet – verschafft ihr den Namen Samru. Wäre sie mit Reinhardt verheiratet gewesen, wäre ihr der Zugang zu den Herrschern und ihrer Politik verwehrt geblieben, wie die Historikerin Aditi Dasgupta anmerkt. Eine Heirat hätte die Kurtisane direkt in das Gefängnis der Geschlechtertrennung befördert.

„Sie hielt sich nicht an das traditionelle Bild der aufopfernden Frau. Stattdessen tat sie, was immer nötig war, um als Herrscherin zu überleben“, sagt Archana Garodia-Gupta, die Autorin des Buches „The Women Who Ruled India: Leaders, Warriors, Icons“.

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Nach Reinhardts Tod kommandierte die gerade mal 1,42 m große Begum Samru eine Armee und herrschte 50 Jahre lang über das Königreich Sardhana etwa 137 Kilometer nordöstlich von Delhi. Mogule wandten sich an sie, wann immer sie von Rivalen angegriffen wurden. Ihre Armee war stets kampfbereit und sie hatte ein gutes Gespür für Händel mit fremdländischen Aggressoren, die gegen die Mogule vorgehen wollten. Ein Mogulherrscher verlieh ihr gar den Titel Zeb-un-nissa (dt. etwa: „eine Zierde der Weiblichkeit“).

Begum Samru war, mit den Worten von Julia Keay, die eine Biografie über sie verfasst hat, „die einzige emanzipierte indische Frau, die diese ausländischen Gefolgsmänner je zu Gesicht bekamen. Sie hingen an ihren Lippen, als sie von vergangenen Zeiten erzählte, an die sich nur wenige noch erinnern konnten, von Armeen und Gräueltaten, von Tapferkeit und Verrat.“

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Ihre Abenteuer beschränkten sich jedoch nicht auf den Hof. Sie nahm sich einen europäischen Liebhaber nach dem anderen und ging sogar einen Selbstmordpakt mit einem geheimen französischen Liebhaber ein. Als die beiden vor einem Angriff flohen, stach sich Begum Samru einen Dolch in den Leib. Als der Franzose ihre blutige Kleidung erblickte, erschoss er sich. Er starb, aber sie überlebte. Ein verschmähter Geliebter Samrus aus Irland – ein Hafenarbeiter, der zum Söldner geworden war – rettete sie. Nach seinem Tod kümmerte sich Begum Samru um seine Frau und seine Kinder.

Garodia-Guptas Buch stellt 20 Frauen vor, die in Indiens Geschichtsbüchern größtenteils vergessen wurden. Im Falle von Begum Samru geht sie insbesondere auf deren diplomatisches Geschick bei Verhandlungen mit den Mogulen und den Briten ein. Nach Reinhardts Tod konvertierte sie zum Katholizismus und ließ in Sardhana die Basilika Unserer Lieben Frau der Gnaden errichten. Als Architekt diente dabei ein italienischer Offizier aus ihrer Armee.

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„Sie wusste, dass die Briten in Zukunft regieren würden. Man könnte vermuten, dass ihre religiöse Konvertierung ein Zugeständnis an sie war. Vielleicht hat sie den Katholizismus aber auch wirklich für sich entdeckt“, sagt Garodia-Gupta.

 „Sie aß nie in Gegenwart ihrer Gäste und es gibt widersprüchliche Berichte darüber, ob sie je den Wein anrührte […]. Aber wenn sich die Memsahibs zurückzogen, bedeutete sie einem Diener, ihr ihre Wasserpfeife zu bringen und gesellte sich zu den Männern mit ihren Zigarren“, schrieb Keay.

„Begum Samru starb im Januar 1836. Die Britische Ostindien-Kompanie erbte ihr Vermögen, das heute einem sagenhaften Wert von 40 Milliarden Dollar entspräche. Sie wurde unter der Basilika in Sardhana bestattet. Eine fünfeinhalb Meter hohe Statue ihrer selbst thront in der Nähe des Altars.

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Heutzutage ist ihr Palast in Delhi mit seinen griechischen Säulen vom Ruß geschwärzt. Inmitten der von Männern dominierten Ladenstraße hat sich eine einsame alte Frau Begum Samrus feurigen Kämpfergeist erhalten – allerdings in ihrer kleinen Apotheke, nicht auf einem Thron.

„Was wollen Sie?“, fährt sie mich an. „Ich hab’ keine Zeit für Sie.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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