Nordic Noir: Das Geheimnis schwedischer Krimis

Deutsche lieben Geschichten über Verbrechen. Vor allem, wenn sie aus Schweden kommen. Der schwedische Bestseller-Autor Håkan Nesser erklärt, was Pippi Langstrumpf und Langsamkeit damit zu tun haben.

Veröffentlicht am 13. Jan. 2021, 10:43 MEZ
Håkan Nesser war zu Gast bei unserem Podcast Explore. In der Folge „Schweden: Von schaurigen Krimis und rauer ...

Håkan Nesser war zu Gast bei unserem Podcast Explore. In der Folge „Schweden: Von schaurigen Krimis und rauer Wildnis" erfahrt ihr mehr über Schwedens raue Landschaften und literarische Verbrecherjagd.

Bild Roxana, Adobe Stock

Es ist ein düsterer schwedischer Wintertag auf der Insel Gotland. Die Sonne war seit Wochen nicht zu sehen, und die Corona-Pandemie hat dafür gesorgt, dass auch Håkan Nesser, der sonst viel in der Welt rumkommt, Gotland seit Monaten nicht verlassen hat. Er sitzt an seinem Schreibtisch, 200 Meter Luftlinie vom Meer entfernt, und schaut in den Computer: „Können Sie mich hören? Ich kann Sie sehen, ist zwar ein Standbild, aber ich sehe Sie“, sagt Nesser. Dann steht der Videocall.

Håkan Nesser, 70, ist einer der beliebtesten Krimiautoren in Deutschland. 5,3 Millionen Bücher hat er hierzulande alleine von seiner Reihe mit Kommissar Van Veeteren verkauft, in den Mediatheken gibt es dazu die Verfilmungen seiner Geschichten. In diesen Tagen arbeitet er an den letzten Korrekturen seines neuen Romans, der im Herbst in Deutschland erscheinen soll. Und Deutschland ist sein wichtigster Absatzmarkt: „Wir können hier nur so viele Krimis schreiben, weil die Deutschen so viele kaufen“, sagt er und lacht.

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Nach Angaben des Börsenvereins des deutschen Buchhandels wird in Deutschland ein Viertel des Umsatzes der Belletristik mit sogenannten „Spannungstiteln“ gemacht. 2015 haben 44 Prozent der Menschen in Deutschland mindestens einen Krimi gelesen. Dabei haben die Autoren deutlich mehr Leserinnen: Während 51 Prozent der Frauen Krimifans sind, sind es bei den Männern nur 37 Prozent. Zu den beliebten Autoren gehören hierzulande neben Schweden wie Stieg Larsson, Briten wie Simon Beckett, Amerikaner wie Dan Brown und nicht zuletzt Deutsche wie Charlotte Link.

Schwedische Krimis zählen zum Genre „Nordic Noir“, genau wie Krimis aus Dänemark, Island und Norwegen. Eine in den 1960er Jahren erschienene Romanserie aus Schweden der Autoren Mai Siöwall und Per Wahlöö mit Kommissar Beck, den man heute auch aus dem Fernsehen kennt, wird als Urspung des Genres bezeichnet. 1991 veröffentlichte Henning Mankell sein erstes Buch mit Kurt Wallander als Ermittler. Mitte der 90er dann wurden die „Schwedenkrimis“ in Deutschland populär. 

Auch Håkan Nesser, eigentlich Gymnasiallehrer, wurde in dieser Zeit bekannt. Nesser, Sohn eines Landwirts und einer Kontorin, veröffentlichte sein erstes Buch 1988. Fünf Jahre später erschien mit Das grobmaschige Netz der erste Roman mit Ermittler Van Veeteren als Protagonist, der ihn bekannt machte. Erst schrieb er Bücher neben der Schule – seit Ende der 90er ist Krimiautor sein Hauptberuf. „Es war damals wie ein Hype, man dachte, das geht vielleicht zehn Jahre gut, dann ist es vorbei“, sagt er. Doch 25 Jahre später sind schwedische Krimis so beliebt wie nie.

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„Deutsche Leser sind die besten der Welt“, sagt Nesser. „Ich sage das nicht, um mich einzuschleimen, aber Deutschland ist ein Land, dass Literatur lebt, und nicht jedem ist das so bewusst.“ An jedem noch so kleinen Bahnhof gebe es einen Buchladen, nirgendwo sonst würde so viel gelesen. Außerdem seien die Leser extrem aufmerksam: „Wenn ich zum Beispiel in einem Band sage, jemand lebt in Hausnummer 12, und ein paar Bänder später schreibe ich Hausnummer 14, kommt ganz bestimmt eine Mail aus Deutschland. Sonst würde das niemandem auffallen.“

Was „Nordic Noir“ so beliebt macht, gerade in Deutschland, darauf hat Nesser viele Antworten. „Das Geheimnis ist, dass die Deutschen so viel Pippi Langstrumpf lesen in ihrer Kindheit. Sie haben Schweden im Blut, von klein auf“, sagt er. So sei Astrid Lindgren eine Antwort auf diese Frage. Außerdem sei es Langsamkeit, die schwedische Geschichten interessant mache: Oft lägen die Hintergründe der Verbrechen einige Jahrzehnte zurück, mit Rache ließen sich die Schweden Zeit, sagt er: „US-amerikanische Krimis zum Beispiel sind im Vergleich zu schwedischen extrem schnell. Hier geht es teilweise auf 150 Seiten um nur acht Stunden. Bei uns geht es um viele Jahre.“ In Schweden halte man sich an die englische Regel: „Revenge is a dish best served cold“.

Vielleicht sei es aber auch einfach die Quantität, die am Ende dazu führe, dass so viele schwedische Krimis bekannt geworden sein, also in Qualität umschlage, sagt Nesser, und beruft sich auf den Philosophen Hegel. „In Schweden werden pro Jahr 300 Krimis publiziert. 30 davon sind vielleicht gut, zehn sehr gut – aber das reicht dann ja schon.“

Interesse geweckt? Håkan Nesser war zu Gast bei unserem Podcast Explore. In der Folge „Schweden: Von schaurigen Krimis und rauer Wildnis" könnt ihr mehr über Schwedens raue Landschaften und literarische Verbrecherjagd erfahren.  

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