Antiasiatische Gewalt in den USA: Eine blutige Geschichte

Einer der größten Massen-Lynchmorde in den Vereinigten Staaten richtete sich gegen chinesische Einwanderer in Los Angeles.

Von Kevin Waite
Veröffentlicht am 12. Mai 2021, 14:37 MESZ
Antichinesischer Aufstand in Denver, Colorado, 1880

Eine Illustration aus der Ausgabe von „Frank Leslie's Illustrated Newspaper“ vom 20. November 1880 zeigt einen antichinesischen Aufstand in Denver, Colorado. Gewalt gegen chinesische Einwanderer war im amerikanischen Westen weit verbreitet.

Bild Chinese American Museum/Dylan & Phoenix Wong

In diesem Jahr jährt sich einer der größten Massenlynchmorde der amerikanischen Geschichte zum 150. Mal. Das Gemetzel brach am 24. Oktober 1871 in Los Angeles aus, als ein rasender Mob von 500 Menschen in das chinesische Viertel der Stadt stürmte. Einige Opfer wurden erschossen und erstochen, andere wurden an behelfsmäßigen Galgen aufgehängt. Am Ende der Nacht lagen 19 verstümmelte Leichen in den Straßen von Los Angeles.

Lynchjustiz ist ein Begriff, der meist mit Gewalt gegen Afroamerikaner in den Südstaaten in Verbindung gebracht wird. Aber der Hass auf andere Ethnien war nie auf nur eine amerikanische Region oder auf eine einzelne ethnische Gruppe beschränkt. In Los Angeles im Jahr 1871 waren die Opfer chinesische Einwanderer. Ihr Tod war Teil einer Welle antiasiatischer Gewalt, die im 19. Jahrhundert über den amerikanischen Westen schwappte – und bis heute nachwirkt.

In den frühen Tagen der chinesischen Einwanderung verrichteten viele Neuankömmlinge schwere körperliche Arbeit, oft für die Eisenbahn oder als Goldsucher.

Bild George Rinhart, Corbis/Getty Images
Chinese prospectors washing gold in a sluice box placed in the stream to channel water flown. Gold-bearing soil is placed at the top of the box, which is lined with horizontal riffles that cause the gold to drop out of flowing liquid. 1871 photo by William Henry Jackson, probably taken in Colorado, Nevada or Arizona, during the Wheeler expedition.
Bild Photograph via Alamy

Chinesische Einwanderer wurden praktisch sofort zur Zielscheibe von Misshandlungen, wenn sie amerikanischen Boden betraten, beginnend im Jahr 1850 mit dem kalifornischen Goldrausch. Weiße Goldsucher vertrieben chinesische Bergleute regelmäßig von den Landstücken („Claims“), für die sie rechtmäßig die Schürfrechte erworben hatten, während die Gesetzgeber des Staates sie mit einer zusätzlichen Steuer für ausländische Bergleute belegten. Zusammen mit Schwarzen Amerikanern und amerikanischen Ureinwohnern durften sie vor kalifornischen Gerichten nicht gegen Weiße aussagen. Infolgedessen blieben Übergriffe auf Chinesen in Kalifornien im Allgemeinen ungestraft.

Die Wurzel dieser Sinophobie lag in einer Sorge um Arbeitsplätze. Um 1870 machten chinesische Einwanderer etwa 10 Prozent der kalifornischen Bevölkerung und ein Viertel der Arbeitskräfte im Bundesstaat aus. Überall dort, wo sich chinesische Einwanderer in großer Zahl ansiedelten, sahen die Weißen Arbeiter eine Gefahr für ihren Lebensunterhalt. Die vermeintlich existenzielle Bedrohung für Weiße Arbeiter, die einige Aufhetzer propagierten, war in Wahrheit weitaus undramatischer. Dennoch mobilisierten die Anstifter gegen Arbeitgeber, die chinesische Einwanderer auf ihren Gehaltslisten hatten, darunter Eisenbahngesellschaften und reiche Rancher.

Im Jahr 1882, mehr als ein Jahrzehnt nach dem Angriff, ist die Calle de Los Negros – das Herz von Los Angeles' ursprünglichem Chinatown und der Ort des Massakers – wieder belebt.

Bild USC Digital Library, California Historical Society Collection

Die Kampagnen gegen chinesische Einwanderer waren gut organisiert. In den Jahren unmittelbar nach dem Bürgerkrieg entstanden sogenannte Anti-Kuli-Vereine. Die Central Pacific Anti-Coolie Association setzte sich unter anderem für ein Verbot der chinesischen Einwanderung ein und verteidigte sogar Weiße Bürgerwehren. 1867 vertrieb ein Mob Weißer Arbeiter chinesische Arbeiter von ihrer Baustelle in San Francisco. Zwölf Chinesen wurden dabei verletzt und einer getötet. Die Anti-Coolie Association stand dem Mob zur Seite und erreichte die Freilassung aller zehn Täter. Das sollte zu einem Muster werden, das sich allzu oft wiederholte: Chinesische Einwanderer wurden verletzt oder getötet, die Täter wurden entlastet.

Im Süden nahm der Ku Klux Klan während der Reconstruction Afroamerikaner und ihre Weißen Verbündeten ins Visier; im Westen griffen Klansmänner die Chinesen an. Ich habe mehr als ein Dutzend Angriffe auf chinesische Arbeiter zwischen 1868 und 1870 aufgedeckt, die dem KKK in Kalifornien zugeschrieben werden, sowie eine kleinere Anzahl in Utah und Oregon.

 

Die Aktivitäten des Klans in Kalifornien reichten von gewaltsamen Drohungen über Überfälle bis hin zu Brandstiftung. Im Frühjahr 1868 überfielen Weiße Randalierer eine Reihe von Ranches in Nordkalifornien und schlugen die dortigen chinesischen Arbeiter brutal zusammen. Als ein methodistischer Pfarrer 1869 eine Sonntagsschule für chinesische Einwanderer eröffnete, brannten Bürgerwehren seine Kirche nieder und bedrohten sein Leben. Klansnahe Brandstifter brannten eine zweite Kirche nieder, diesmal in Sacramento, weil sie Gottesdienste für die chinesische Gemeinde abhielt. Auch eine Schnapsbrennerei bei San Jose steckten sie in Brand, weil sie chinesische Arbeiter beschäftigte.

Im Süden der USA hatte es der Ku Klux Klan auf Afroamerikaner abgesehen. Im Westen griff die rassistische Organisation chinesische Einwanderer an.

Bild Alamy

Der Ku Klux Klan war nur eine der Manifestationen der antichinesischen Ressentiments, die bis in die höchsten Ränge der kalifornischen Politik reichten. In seiner Antrittsrede von 1867 warnte Gouverneur Henry Haight, dass ein „Zustrom“ chinesischer Einwanderer „der Nachwelt für alle Zeiten einen Fluch auferlegen“ würde. Die Gesetzgeber des Staates kämpften gegen die beiden wichtigsten Bürgerrechtsmaßnahmen jener Zeit – den vierzehnten und den fünfzehnten Verfassungszusatz –, indem sie behaupteten, dass die Zusätze den chinesischen Einwanderern die Staatsbürgerschaft und das Wahlrecht gewähren würden. Von der Sinophobie angestachelt, lehnte Kalifornien beide Maßnahmen ab – und war damit der einzige freie Staat, der so entschied. Erst 1959 bzw. 1962 bot die kalifornische Legislative eine symbolische Ratifizierung der Verfassungszusätze an.

Auch die Zeitungen befeuerten die antichinesische Stimmung und normalisierten die Angriffe auf diese Bevölkerungsgruppe. Der Herausgeber der „Los Angeles News“, Andrew Jackson King, füllte seine Kolumnen mit bissigen Beschimpfungen der chinesischen Minderheit vor Ort. Sie seien, so schrieb er, „eine fremde, minderwertige und götzendienerische Rasse“, „abscheulich und abstoßend“, „ein Fluch für unser Land und ein übler Schandfleck für unsere Zivilisation“. (Während er öffentlich gegen diese Einwanderer und die Bedrohung, die sie angeblich für Weiße Arbeiter darstellten, wetterte, beschäftigte King in seinem eigenen Haus einen chinesischen Koch). Seine Leitartikel führten zu einem Anstieg der Übergriffe auf chinesische Arbeiter.

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Der Überfall, der am 24. Oktober 1871 in Los Angeles stattfand, war der größte und tödlichste der Angriffe. Ungefähr 500 Randalierer – sowohl Angloamerikaner als auch hispanische Einwohner – stürmten in das chinesische Viertel der Stadt, nachdem eine Schießerei zwischen mutmaßlichen chinesischen Bandenmitgliedern und den örtlichen Behörden zum Tod eines Weißen ehemaligen Saloonbesitzers und zur Verwundung eines Polizisten geführt hatte. Als der Mob näherkam, suchten verängstigte chinesische Bewohner Schutz in einem langen Lehmgebäude im Herzen von Chinatown.

Es folgten zwei Stunden des wahllosen Tötens. Der Mob brach die Türen des Gebäudes auf und ergriff chinesische Männer und Jungen, die sich darin versteckt hielten – nur einer von ihnen war an der früheren Schießerei beteiligt gewesen. Die Randalierer verstümmelten und ermordeten praktisch jeden Chinesen, den sie finden konnten. Als dem Mob die Seile ausgingen, benutzten sie Wäscheleinen, um ihre Opfer aufzuhängen.

Der Mob ermordete insgesamt 19 Menschen, darunter einen angesehenen Arzt und einen heranwachsenden Jungen. Bis auf zwei wurden alle Leichen in den Gefängnishof der Stadt gebracht, wo verzweifelte Freunde und Familienangehörige zwischen den Reihen der Toten nach ihren Angehörigen suchten. Die Zahl der Toten entsprach 10 Prozent der chinesischen Bevölkerung der Stadt.

Obwohl acht Randalierer wegen Totschlags verurteilt wurden, kamen sie alle ein Jahr später aufgrund eines Formfehlers wieder frei.

Obwohl sogar gesetzliche diskriminierende Maßnahmen gegen Chinesen ergriffen wurden, einschließlich des hier dargestellten Chinese Exclusion Act von 1882, engagierten sich chinesische Einwanderer, um sich in ihrem neuen Land einzuleben.

Bild MPI/Getty Images

Zu den Integrationsbemühungen zählte auch das Erlernen der englischen Sprache.

Bild MPI/Getty Images

Diesen Oktober wird Los Angeles dem 150. Jahrestag des Massakers gedenken – inmitten eines landesweiten Anstiegs antiasiatischer Gewalt. Führende Persönlichkeiten der chinesisch-amerikanischen Gemeinschaft planen eine einwöchige Veranstaltungsreihe, um an die Tragödie und ihre heutigen Nachwirkungen zu erinnern. Das Programm begleitet eine Kampagne zur Errichtung einer Gedenkstätte für die 19 Opfer. Zusammen werden die Gedenkveranstaltungen eine düstere Erinnerung an die Gräueltat und die anhaltenden Herausforderungen sein, mit denen chinesische Amerikaner konfrontiert sind.   

Aber sie zelebrieren auch das Überleben. Innerhalb eines Jahres nach dem Massaker zogen chinesische Einwanderer wieder in einige der Viertel ein, die vom Mob verwüstet worden waren. Sie bauten vieles von dem wieder auf, was verloren gegangen war, und trotzten den wiederholten Forderungen nach ihrer Entfernung. Ihre bloße Anwesenheit war eine unauslöschliche Botschaft: Der Mob hatte versagt, und sie würden bleiben.

Das ist eine Kernbotschaft für Gay Yuen, die Präsidentin der Friends of the Chinese American Museum in Los Angeles. „Chinesisch-amerikanische Geschichte ist US-Geschichte; sie ist kalifornische Geschichte; sie ist die Geschichte von Los Angeles“, sagte sie. „Wir sind Amerikaner und wir haben geholfen, dieses Land aufzubauen. Wir sind nicht ‚die Anderen‘ und wir sind keine Ausländer.”

Die Diskriminierung hielt chinesische Einwanderer nicht davon ab, in die Vereinigten Staaten zu kommen – so auch diese Studenten, die 1925 in Seattle eintrafen.

Bild Bettmann/Getty Images
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