Die beste Show im alten Rom

Gladiatoren waren nicht so, wie im Film dargestellt. Bei ihren Kämpfen ging es eher darum, ein Spektakel zu bieten, als sich gegenseitig zu töten.

Bilder Von Rémi Bénali
Veröffentlicht am 16. Juni 2021, 09:53 MESZ
Gladiatoren-Reenactors beim Schaukampf in der Arena

Gladiatoren-Reenactors kämpfen im Staub der 1900 Jahre alten römischen Arena von Arles. Ihre Wettkämpfe haben Wissenschaftlern dabei geholfen, den antiken Blutsport, der die Römer jahrhundertelang faszinierte, besser zu verstehen. 

Bild Rémi Bénali

Kapitel I.

Arles, Frankreich.

Der Tunnel unter dem römischen Amphitheater im südfranzösischen Arles ist dunkel und kühl. Der Schatten bietet Erholung nach der sengenden Mittelmeersonne, die auf die mit Sand bestreute Arena und die Steintribünen des Amphitheaters herabbrennt.

Der Gladiatorenhelm, den ich trage, behindert mich beim Atmen. Der verbeulte, zerkratzte Helm, Nachbildung eines Kopfschutzes, den ein römischer Gladiator vor fast 2000 Jahren trug, wiegt an die sechs Kilogramm – fast viermal so viel wie ein Motorradhelm – und ist unbequem. Er riecht penetrant nach Metall, als hätte ich meinen Kopf in einen Sack mit Münzen gesteckt. Durch das bronzene Gitter vor meinen Augen kann ich zwei Männer im Lendenschurz sehen, die sich für einen Kampf aufwärmen. Metallene Armschützer klirren, während der eine auf den Fußballen wippt, das stumpfe Krummschwert in der lederbewehrten Hand. Als ich unbehaglich von einem Fuß auf den anderen trete, hebt sein Partner das Schwert und bietet an, mir einen Schlag auf den Kopf zu versetzen.

Ich zucke mit den Schultern. Was tut man nicht alles für eine Story? Da schaltet sich der Trainer ein, ein gebräunter, drahtiger Franzose namens Brice Lopez. „Er ist nicht trainiert“, sagt Lopez scharf. „Er hat nicht die nötigen Muskeln. Du würdest ihm das Genick brechen.“

Als ehemaliger französischer Polizist und Kampftrainer mit einem Schwarzen Gürtel in Jiu Jitsu weiß Lopez, was ein Kampf ist. Vor 27 Jahren begann er sich für antike Kampfstile zu interessieren. Er ließ funktionstüchtige Repliken von Gladiatorenwaffen und -rüstungen anfertigen und brachte Jahre damit zu, darüber nachzusinnen, auf welche Weise diese in einem Duell auf Leben und Tod eingesetzt würden – in jenen brutalen Kämpfen, wie man sie aus unzähligen Filmen und Büchern über Gladiatoren kennt.

Je genauer Lopez Gladiatorenwaffen und -rüstungen studierte, desto unwahrscheinlicher schien dies. Mit Schilden, Arm- und Beinschienen aus Metall und massiven Bronzehelmen ausgestattet, trugen viele Gladiatoren eine fast ebenso schwere Schutzausrüstung in der Arena wie römische Soldaten in der Schlacht. Gleichzeitig waren ihre Schwerter in der Regel nur etwa 30 Zentimeter lang, kaum größer als Küchenmesser. „Warum“, fragt Lopez, „würde man 20 Kilogramm Schutzausrüstung zu einem Messerkampf mitbringen?“

Seine Schlussfolgerung: Gladiatoren legten es nicht darauf an, sich zu töten; sie versuchten, einander am Leben zu erhalten. Sie trainierten jahrelang, um spannende Schaukämpfe zu inszenieren, die überzeugend echt wirkten, aber nur selten mit dem Tod endeten. „Es ist ein Wettkampf, aber kein Kampf “, meint Lopez, der eine Gladiatorenforschungs- und Reenactment-Truppe namens ACTA Sarl leitet. „Es gibt keine feste Choreografie, aber ein Credo – du bist nicht mein Gegner, du bist mein Partner. Gemeinsam müssen wir die bestmögliche Show bieten.“

In den letzten zwei Jahrzehnten haben Forscher Beweise ans Licht gebracht, die Lopez’ Sichtweise der Gladiatorenkämpfe untermauern und das gängige Bild von diesem antiken Spektakel infrage stellen. Einige Gladiatoren waren Kriminelle oder Kriegsgefangene, verurteilt zum Kampf in der Arena. Die meisten jedoch waren professionelle Kampfsportler – die Boxer, Mixed-Martial-Arts-Kämpfer oder Fußballspieler ihrer Zeit. Manche hatten sogar eine Familie, die jenseits der Arena auf sie wartete.

Das Gladiatorenwesen konnte durchaus lukrativ sein und war, so legen literarische Quellen nahe, eine eigene berufliche Laufbahn. Mutige Auftritte konnten Gladiatoren zu Volkshelden machen und verurteilten Straftätern den Weg in die Freiheit öffnen. Die meiste Zeit verbrachten Gladiatoren vermutlich im Training oder mit Schaukämpfen. Und – die wahrscheinlich überraschendste Erkenntnis: Die allermeisten Kämpfe endeten nicht mit dem Tod. Neun von zehn Gladiatoren, die in den Ring stiegen, dürften ihn lebend verlassen haben. (...)

Das Amphitheater von El Djem in Tunesien wurde 238 n. Chr. nach dem Vorbild des Kolosseums in Rom erbaut und war einst die drittgrößte Eventlocation im Römischen Reich. Für die 35000 Fans, die die Ränge füllten, waren die Gladiatoren die Hauptattraktion.

Bild Rémi Bénali

Kapitel III.

Carnuntum, Österreich.

Professionelle Kämpfer brauchten Training. Eine Entdeckung, die vor einigen Jahren in Carnuntum, einer antiken römischen Stätte bei Wien, gemacht wurde, zeigt, wo sie übten. An einem stürmischen Tag im Vorfrühling führt mich Eduard Pollhammer, wissenschaftlicher Leiter von Carnuntum, auf ein frisch eingesätes Feld am Ufer der Donau, 40 Kilometer östlich von Wien. Aus tief hängenden dunklen Wolken fallen vereinzelte kalte Regentropfen.

Im Winter sinken die Temperaturen hier weit unter den Gefrierpunkt, die Weizenfelder sind mit Schnee bedeckt. Doch selbst am Rande des Reiches war der römische Appetit auf Gladiato- renspektakel so groß, dass Carnuntum sich sogar zwei Amphitheater leistete: eines für die vielen Tausend Legionäre im aktiven Dienst und ein weiteres zur Unterhaltung der Zivilbevölkerung aus der nahe gelegenen geschäftigen Stadt.

In der Zeit um 200 n. Chr. lag in dieser Hügellandschaft einer der größten Militärstützpunkte entlang der römischen Grenze, erklärt Pollhammer. Mehr als 7000 Soldaten waren hier stationiert, um die Nordgrenze des Reiches zu sichern. So weitläufig ist Carnuntum, dass in mehr als 150 Jahren Ausgrabungsarbeiten gerade einmal 15 Prozent des zehn Quadratkilometer großen Areals freigelegt wurden.

Aus Sorge, dass tiefes Pflügen verborgene Teile der Fundstätte zerstören würde, setzten Archäologen vor 20 Jahren Bodenradar ein, um die unterirdischen Gebäudereste zu kartieren. Zwischen der Stadtmauer und den Fundamenten des städtischen Amphitheaters fanden die Wissenschaftler Umrisse eines ganzen Viertels, das für die Fangemeinde errichtet worden war und Tavernen, Souvenirläden sowie eine Bäckerei enthielt, in der die Zuschauer einen Happen essen konnten, bevor sie ihre Plätze einnahmen.

2010 meldeten Archäologen einen ganz besonderen Fund: eine Gladiatorenschule oder ludus, nur wenige Gehminuten von den bröckelnden irdenen Ruinen des Amphitheaters entfernt. Aus römischen Berichten wissen wir, so Pollhammer, dass es über das ganze Reich verteilt Dutzende solcher Einrichtungen gegeben haben muss. Sie wurden von Kaisern und lokalen Würdenträgern finanziert und häufig von lanistae genannten Trainern geleitet, von denen nicht wenige ehemalige Gladiatoren waren. In Rom selbst gab es mindestens vier Gladiatorenschulen, die zu einem Trainings- komplex im Schatten des Kolosseums gehörten.

Ohne eine Schaufel in die Hand zu nehmen, fanden die Wissenschaftler einen großen Raum mit erhöhtem Boden, der von unten mit Warmluft beheizbar war und in den kalten österreichischen Wintern als Trainingsraum genutzt worden sein könnte. An einem offenen Hof entlang erstreckt sich ein L-förmiger Gebäudetrakt mit Zimmern oder Zellen. Es gab Bäder, mit Rohrleitungen, Warm- und Kaltwasserbecken. Im Zentrum befand sich eine kreisförmige Trainingsarena mit einem Durchmesser von 19 Metern. „Wir nehmen an, dass hier etwa 70 oder 75 Gladiatoren lebten“, sagt Pollhammer. „Es gibt eine ganze Infrastruktur für große Spektakel.“

Kapitel IV.

Kolosseum, Rom.

Was bewog die Römer, für Gladiatorenspiele einen derartigen Aufwand zu betreiben? Was brachte die Fans dazu, Jahr für Jahr, fast sechs Jahrhunderte lang, wiederzukommen? Jüngste Ausgrabungen im Kolosseum in Rom geben Hinweise darauf. Unter dem Boden der Arena erstreckt sich, in rund sechs Meter Tiefe, ein rie- siger unterirdischer Bereich. Inzwischen können auch Besucher einen Teil des Labyrinths aus Säulen, bröckeligen Backsteintreppen und düsteren Kammern besichtigen. (…)

Durch Dutzende Klappen im Arenaboden konnten die Pfleger die Tiere zu inszenierten Jagden oder Hetzen direkt in die Manege entlassen. Diese sogenannten venationes bildeten typischerweise das „Warm-up“ oder Vorprogramm zu den Gladiatorenkämpfen. Großformatige, aufwendig gestaltete und bemalte Kulissen wurden aus dem Arenaboden nach oben gefahren, und Aufzüge könnten Gladiatoren direkt in den Ring befördert haben. „Die Zuschauer wussten nie, wer oder was wann wo auftauchen würde“, erklärt Beste. (…)

Das Anmieten von Gladiatoren funktionierte nach dem Prinzip „Beschädigte Ware gilt als gekauft“. Wurde ein Kämpfer getötet, musste der Sponsor des Kampfes dem Besitzer den vollen Preis erstatten. „Diese Leute waren so wertvoll, weil sie so gut ausgebildet waren. Das will man nicht vergeuden“, sagt Welch von der New York University. „Auf zehn Paarkämpfe kam vielleicht ein Todesfall, möglicherweise auch zwei.“

Als im gesamten Reich immer mehr Amphitheater entstanden und Politiker im Wahlkampf gewaltige Summen für die Spektakel ausgaben, liefen die Kosten für Gladiatorenspiele aus dem Ruder. Im 2. Jahrhundert n. Chr. waren die Spiele derart teuer geworden, dass ihr Fortbestehen bedroht war. Eine große Bronzetafel, die vor gut einem Jahrhundert in den Ruinen von Italica, einer römischen Stadt unweit des heuti- gen Sevilla, entdeckt wurde, zeigt, wie man die Situation wieder in den Griff bekommen wollte.

Die als Tabula Gladiatoria bekannte Tafel ist mit einem Erlass aus dem Jahr 177 n. Chr. beschriftet, der die Ausgaben der Sponsoren für die Spiele begrenzte. Sie enthält sogar eine Honorartabelle. Ein Gladiator „von höchstem und attraktivstem Rang“ konnte bis zu 15 000 Sesterzen kosten, was dem sechsfachen Jahressold eines durchschnittlichen Legionärs entsprach. Bis zu einem Viertel dieser Summe ging an den Gladiator – und war im Voraus zu zahlen.

Ein römischer Schriftsteller schildert eine besonders teure Show, die von einem jungen Adligen ausgerichtet wurde, der kurz zuvor ein Vermögen geerbt hatte. Für sage und schreibe 400 000 Sesterzen kaufte er „den besten Stahl, kein Weglaufen, mit dem Gemetzel im Zentrum der Arena, damit das ganze Amphitheater zusehen kann“.

Es ist leicht, eine derartige Gesinnung als Verirrung längst vergangener Zeiten abzutun. Auch heute sind Athleten, die risikoreiche Sportarten ausüben – von Fußball und Eishockey bis hin zu Boxen und Mixed Martial Arts – als Vorbilder für Disziplin, Härte und Kampfgeist umschwärmt. Ihre Duelle locken Millionen Zuschauer an, obwohl die teils dauerhaften Schäden, die sich die Sportler dabei zuziehen, bekannt sind.

„Das Leben ist kein Ponyhof. Wir müssen kreischen, weinen, schreien“, sagt Ducros. „Wir müssen Gewalt sehen, um die Gewalt, die wir in uns haben, zu externalisieren. Wir können die Römer nicht dafür verurteilen, dem eine Bühne gegeben zu haben.“

Aus dem Englischen von Dr. Eva Dempewolf

Andrew Curry, der in Berlin wohnt, berichtete für die August-Ausgabe 2019 über die ersten Europäer. Rémi Bénali lebt unweit von Arles, Frankreich, wo er für die April-Ausgabe 2014 ein römisches Boot fotografierte.

Dieser Artikel erschien in voller Länge in der Juni 2021-Ausgabe des deutschen NATIONAL GEOGRAPHIC Magazins. Keine Ausgabe mehr verpassen und jetzt ein Abo abschließen! 

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