Taxidermie: Wo ist die Grenze zwischen Mensch und Tier?

Dieser Frage widmet sich Kate Clark mit ihrer Kunst. Den von der Natur entfremdeten Menschen will sie mit ihren Werken verdeutlichen, was uns mit Tieren verbindet.

Von Kathryn Carlson
Veröffentlicht am 4. Mai 2021, 11:45 MESZ, Aktualisiert am 4. Mai 2021, 13:48 MESZ

In einem hellen, staubigen Loft neben dem Brooklyn Navy Yard befindet sich ein Studio, das eine ganze Menagerie beherbergt: Zebras, Wölfe, Pumas, Bären, Kudus, Gemsböcke, Paviane und Springböcke. Nur dass diese Tiere unbeweglich sind und etwas haben, das sie nicht haben sollten: ein menschliches Gesicht.

Das Wort „Taxidermie“ stammt von den griechischen Wörtern taxi und derma und bedeutet übersetzt „die Anordnung der Haut“. Ein traditioneller Präparator gerbt die Haut des Tieres und entfernt das Fleisch und die Knorpel, um die Haut und das Fell zu konservieren, bevor er sie um einen Schaumstoffkörper drapiert. Doch die Künstlerin Kate Clark macht es anders.

Statt frischer Häute verwendet sie alte, die für typische Trophäenpräparate als ungeeignet gelten. Manchmal lagen sie zu lang in der Gefriertruhe oder Insekten fraßen Löcher in die Haut. Clark näht sie sorgfältig zusammen, bevor sie den Kopf des Schaumstofftieres abtrennt und durch einen aus Ton geformten ersetzt, der menschliche Züge hat. Diesen bedeckt sie dann mit der Gesichtshaut des Tieres.

Dabei geht es nicht darum, eine Kreatur aus der Fantasie oder aus Albträumen zu erschaffen – sondern darum, den Betrachter mit der ureigenen Verbindung des Menschen zum Tierreich zu konfrontieren, indem der Anblick Empathie, Neugier und manchmal auch Unbehagen hervorruft.

Ohne Titel (Männliche Büste 2); Medium: Antilopenhaut, Geweih, Schaumstoff, Ton, Stifte, Faden, Gummiaugen. Größe: 81 x 41 x 48 Zentimeter. 2012. © Kate Clark

Bild Kate Clark

Als ich zum ersten Mal ihr Atelier betrat, starrte ich in jedes einzelne dieser menschenähnlichen Tieraugen, die von den echten Wimpern des Tieres umrandet waren. Mir lief ein Schauer über den Rücken, aber nicht vor Entsetzen oder Ekel. Es waren eindringlich schöne Skulpturen, die zwei getrennte Welten miteinander verbanden: eine aus den Ebenen der Savanne und die andere aus den verstopften, schmutzigen Straßen von New York City.

„In der westlichen Welt sind die Menschen so separiert, dass wir keinen Grund mehr haben, eine Verbindung zu [wilden] Tieren aufzubauen“, sagt Kate. „Wir zu etwas so Anderem geworden.“ In der Tat merken die meisten Leute ihr zufolge gar nicht, dass sie oft das Geschlecht der Tiere ändert. Wer an ihren Skulpturen vorbeigeht, sieht weibliche Gesichter, gekrönt von einem Geweih – ein Anhängsel, das normalerweise nur von männlichen Tieren getragen wird. „Selbst etwas so Grundlegendes bemerken die Leute nicht, weil unser Wissen um die natürliche Welt nicht mehr sehr ausgeprägt ist“, sagt sie.

Obwohl Clark keine Taxidermie-Ausbildung hatte, bevor sie mit dieser Kunst begann, hat sie viel Zeit damit verbracht, sich mit den Häuten vertraut zu machen. Vom dreitägigen Entfernen tausender toter Zecken aus der Mähne und den Genitalien von Gemsböcken bis hin zu der Erkenntnis, welche Häute wie nasses Papier reißen können, lernt sie die Lebensgeschichten der Tiere kennen, mit denen sie arbeitet.

„Dieser Große Kudu hat eine wirklich schöne Krallenspur an der Seite“, sagt sie über ein Exemplar mit einem Frauengesicht und geschwungenen Hörnern. „Also hat ihn irgendwann ein Tier angegriffen und er hat überlebt. Er hat etwas, das manche als Makel betrachten würden, aber für mich macht ihn das umso interessanter.“

Licking the Plate; Medium: Kudufell und -hörner, Schaumstoff, Ton, Faden, Stifte, Gummiaugen. Größe: 304 x 304 x 122 Zentimeter. 2014. © Kate Clark

Bild Kate Clark, Foto: Nicole Cordier

Mit Baumwollgarn und Stecknadeln dehnt, befestigt und näht Clark die Tierhäute auf der Schaumstoffform. Aber die Gesichter zieren auch Reihen von Stecknadeln, die Muster um das menschliche Gesicht herum nachzeichnen.

„Manche denken, das sei stammesspezifisch, manche denken, es sei nur dekorativ“, erklärt sie. „Aber ich möchte, dass diese Konstruktion wirklich sichtbar ist. Da die Nähte verschwinden, betonen die Nadeln, dass dieses Gesicht konstruiert ist. Auch wenn man es erkennt und glaubt, möchte ich, dass der Betrachter deutlich sieht, dass es von einem Tier in einen Menschen verwandelt wurde.“

Diese Transformation vom Tier zum Menschen ist es, die ihre Arbeit auf der ganzen Welt bekannt gemacht hat. Diese durchdringenden Augen, der ruhige Gesichtsausdruck und der stolze Tierkörper ziehen immer wieder Menschen aller Ethnien, Religionen und Sprachen in ihren Bann. Manche sind erstaunt über die Dreistigkeit, Mensch und Tier zu kombinieren. Aber die meisten Betrachter sind begeistert und schätzen die Botschaft, die Clark zu vermitteln hofft.

„Es spricht die Menschen an“, sagt sie. „Selbst wenn sie nicht wissen, was in der zeitgenössischen Kunstwelt passiert, erkennen sie sich in der Arbeit wieder. Und das bedeutet mir sehr viel.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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