Wie aus dem British Empire das Commonwealth entstand

Ab Dezember 2021 wird Königin Elisabeth II. nicht mehr das Staatsoberhaupt von Barbados sein, doch die neue Republik wird als Mitglied des Commonwealth of Nations Großbritannien weiterhin verbunden bleiben.

Veröffentlicht am 30. Nov. 2021, 12:56 MEZ
Über das British Commonwealth of Nations wurde die Verbindung zwischen den ehemaligen Kolonien und Großbritannien weiterhin ...

Der Zerfall des einst so mächtigen British Empire begann im frühen 20. Jahrhundert, als einige seiner Territorien – darunter Kanada, Südafrika und Indien – nach Selbstverwaltung verlangten. Über das British Commonwealth of Nations wurde die Verbindung zwischen den ehemaligen Kolonien und Großbritannien weiterhin aufrechterhalten.

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Im Dezember 1966 trat Errol Barrow als erster Premierminister des kürzlich unabhängig gewordenen Barbados vor die Vereinten Nationen. In der Rede, die er vor der Organisation hielt, die das Land gerade als neues Mitglied anerkannt hatte, sprach er die berühmten Worte: „Wir werden allen ein Freund, aber niemandem ein Anhängsel sein.“

Als Barbados seine Unabhängigkeit erklärte, trennte es sich zwar von Großbritannien, schwor Königin Elisabeth II. und dem Commonwealth jedoch weiterhin die Treue. Das Land war somit einer der heute sechzehn souveränen Staaten, die Königin Elisabeth II. als Staatsoberhaupt anerkennen. In ihnen allen hat die britische Königin ihre Autorität, Gesetze abzusegnen und Diplomaten zu bestimmen, selten genutzt. In manchen ist sie außerdem oberste Befehlshaberin der Armee.

Dieser Zustand endet im Fall von Barbados am 30. November, wenn Königin Elisabeth II. als offizielles Staatsoberhaupt abgesetzt wird. Damit verlässt der Karibikstaat den Commonwealth Realm und wird zu einer Republik, die von diesem Moment an ihre eigenen Geschicke bestimmen kann, ohne ihre Pläne zuvor von der britischen Krone absegnen lassen zu müssen.

Königin Elisabeth II. und ihr Ehemann, Prinz Philip, werden bei einem königlichen Besuch im Jahr 1966 auf Barbados mit Blumen empfangen. Besuche dieser Art in den Mitgliedsstaaten des Commonwealth Realms sollen die Unterstützung für die britische Monarchie in der Bevölkerung stärken.

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Doch Barbados will die Verbindungen zu Großbritannien nicht vollständig kappen: Auch die Republik bleibt Mitglied des Commonwealth of Nations, einer Organisation souveräner Staaten, bei denen es sich zum größten Teil um ehemalige Kolonien Großbritanniens unter der Herrschaft der britischen Monarchie gehandelt hat. Die Mitglieder des Commonwealth arbeiten in Fragen des Umweltschutzes und des Handels zusammen. Außerdem fördern sie mithilfe von Programmen die Demokratie und helfen anderen Mitgliedsstaaten unter anderem bei der Handhabung von Schulden, dem Umgang mit natürlichen Ressourcen und dem wirtschaftlichen Wettbewerb. Zudem gibt es Initiativen, die sich um Geschlechtergleichheit und verwandte Themen bemühen.

Doch wo liegt der Unterschied zwischen dem Commonwealth of Nations und dem Commonwealth Realm? Welche Rolle füllt Königin Elisabeth II. aus? Wie ist die Organisation entstanden? Der Historiker W. David McIntyre charakterisierte diese einst als „lose Verbindung von Staaten, deren Beziehung zu Großbritannien und zu einander oft nicht zu beschreiben ist“.

Die Premierminister des Commonwealth versammeln sich am 6. September 1966 bei einer Konferenz in London zum Gruppenbild. Das Commonwealth Heads of Government Meeting, bei dem sich die Vertreter der Mitgliedsländer des Commonwealth treffen, findet alle zwei Jahre statt.

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Der Ursprung des Commonwealth

Das Commonwealth of Nations ging aus dem schleichenden Zerfall des British Empire hervor. Auf dem Höhepunkt befand sich dieses im späten 19. Jahrhundert, als ein Fünftel der Landmasse dieser Erde zu Großbritannien gehörte: von Hong Kong bis in die Karibik und vom Süden bis in den Osten Afrikas. Im Jahr 1877 wurde die britische Königin Victoria Herrscherin über Indien.

Doch mit dem Empire wuchs auch die Frustration in den Kolonien: Sie waren der britischen Kontrolle und Einflussnahme überdrüssig. Im Jahr 1864 hatten drei Kolonien des heutigen Kanadas den Wunsch, sich zu einem selbstverwalteten Bündnis zusammenzuschließen. Die Territorien – Nova Scotia, New Brunswick und Kanada – wollten sich mit einer eigenen Armee auf einen möglichen Angriff durch die Vereinigten Staaten vorbereiten und mit dem südlich gelegenen Nachbarn außerdem freien Handel treiben dürfen.

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Fast ein Jahrhundert zuvor hatte Großbritannien den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg verloren – ein Ereignis, das sich nicht wiederholen sollte. Deshalb gab die Krone dem Anliegen der kanadischen Kolonien statt, allerdings ohne die Kontrolle vollständig abzugeben: Das vereinigte Kanada wurde zum britischen Herrschaftsgebiet erklärt, den sogenannten Dominions. Das bedeutete, dass Kanada sich zwar selbst verwalten durfte, staatsrechtliche Akte jedoch weiterhin von Großbritannien abgesegnet lassen mussten. Gesetze konnten demnach nur mit der Zustimmung der Krone geändert oder erlassen werden.

In den folgenden Jahrzehnten taten es weitere britische Kolonien Kanada gleich, darunter Australien, Neuseeland, Neufundland, Südafrika und der Irische Freistaat, die heutige Republik Irland.

Nach dem Ersten Weltkrieg bekam der Nationalismus in den Dominions, deren Bevölkerung an der Seite der Briten gekämpft hatte, Aufwind. Der Ruf nach gesetzgeberischer Unabhängigkeit wurde lauter. Im Jahr 1926 einigten sich Großbritannien und Dominions darauf, dass sie alle gleichgestellt seien, „vereint durch eine gemeinsame Treue zur Krone“. Diese Satzung, die im Jahr 1931 als Statut von Westminster vom britischen Parlament erlassen wurde, legte den Grundstein für das British Commonwealth of Nations.

Königin Elisabeth II. nimmt im Jahr 1961 während einer königlichen Tour durch Indien an einer öffentlichen Zeremonie in Neu-Delhi teil. Indien hat der britischen Krone zwar keine Treue geschworen, das Land erkennt britische Monarchen jedoch als Oberhaupt des Commonwealth of Nations an.

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Treue zur Krone

Bis das Commonwealth seine heutige Form angenommen hatte, dauerte es noch mehr als zwei Jahrzehnte. Eine wichtige Rolle spielte dabei die indische Unabhängigkeitsbewegung. Obwohl das Land an den Gesprächen im Jahr 1926 teilgenommen hatte, weigerte es sich, die Einigung zu unterschreiben, die eine weitere Anerkennung der britischen Monarchie nach sich gezogen hätte. Stattdessen kämpfte eine Bewegung, die von Mahatma Ghandi angeführt wurde, für die vollständige Unabhängigkeit Indiens und das Ende der Kolonialisierung.

Im Jahr 1947 wurde Indien von Großbritannien unabhängig, löste sich jedoch nicht komplett von den ehemaligen Kolonialherren. Schon zwei Jahre nach Erreichen der Unabhängigkeit bat der nun souveräne Staat um Aufnahme in den British Commonwealth of Nations – stellte dabei jedoch gewisse Bedingungen. Indien war zwar bereit, den damaligen König George VI. als Oberhaupt des Commonwealth anzuerkennen, wurde aber das erste Land in der Organisation, das keinen Treueschwur leisten wollte.

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In einer Rede vor dem indischen Parlament begründete der damalige Premierminister Jawaharlal Nehru die Entscheidung, in das Commonwealth zurückzukehren, folgendermaßen: „In der heutigen Welt sind viele zerstörerische Kräfte am Werk. Wir befinden uns oft an der Schwelle zum Krieg. Ich denke, dass es nicht sicher ist, die Verbindungen zu kappen, die man hat.“

Die Mitglieder des Commonwealth of Nations waren mit Indiens Forderungen einverstanden. Indien, Pakistan und Ceylon – das heutige Sri Lanka – traten dem New Commonwealth als „freie, gleichberechtigte Mitglieder“ bei. Die Entscheidung, dass auch solche Staaten Teil des Commonwealth sein durften, die der Krone nicht treu ergeben waren, wurde in der Londoner Erklärung vom 28. April 1949 festgehalten.

Königin Elisabeth II. besucht im September 1984 Kanada. Der Staat ist Mitglied des Commonwealth Realm und erkennt britische Monarchen als Staatsoberhaupt an. Eine aktuelle Umfrage hat jedoch ergeben, dass mehr als die Hälfte aller Kanadier sich in dieser Hinsicht eine Änderung wünscht.

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54 Mitgliedsstaaten

Im Jahr 2021 umfasst das Commonwealth of Nations 54 Mitgliedsstaaten, die einander zu nichts verpflichtet und nur durch gemeinsame Werte miteinander verbunden sind – und, in den meisten Fällen, durch ihre Vergangenheit als britische Kolonien.

In den mehr als 70 Jahren seines Bestehens hat das Commonwealth eine große Fluktuation unter den Mitgliedern erlebt. Irland verließ die Organisation, als es im Jahr 1949 offiziell zur Republik wurde. Andere Länder wie Fiji und Nigeria wurden in Zeiten, in denen sie unter autokratischer Herrschaft standen, aus dem Commonwealth ausgeschlossen. Mosambik und Ruanda sind die einzigen Länder, die beitraten, ohne dass zuvor historische Verbindungen zum British Empire bestanden.

Viele Länder wie Barbados, Zypern und Singapur schlossen sich dem Commonwealth an, nachdem sie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Großbritannien unabhängig geworden waren. Papua-Neuguinea wurde Mitglied, nachdem es sich von dem ehemaligen Dominion Australien gelöst hatte. Nach dem Vorbild Indiens entschieden sich die meisten neuen Mitgliedsstaaten gegen den Treueschwur.

Nach wie vor gibt es jedoch einige Mitglieder, die Königin Elisabeth II. als Staatsoberhaupt anerkennen. Die Länder, die dem Commonwealth Realm angehören, sind Antigua und Barbuda, Australien, die Bahamas, Belize, Grenada, Jamaika, Kanada, Neuseeland, Papua-Neuguinea, St. Kitts und Nevis, St. Lucia, St. Vincent und die Grenadinen, die Salomonen, Tuvalu und natürlich Großbritannien selbst.

Die Rolle der britischen Monarchie

Die britischen Monarchen sind nicht automatisch Oberhäupter des Commonwealth. Königin Elisabeth II. folgte ihrem Vater König George VI. auf den britischen Thron, der Vorsitz des Commonwealth of Nations ist jedoch keine vererbbare Position, sondern wird von den Mitgliedsstaaten vergeben. Im Jahr 2018 verkündete die Organisation, dass Prinz Charles das Amt von seiner Mutter übernehmen wird, dies muss aber nicht zwangsläufig auch für auf ihn folgende britische Monarchen gelten.

Da die Geschäfte der Organisation zentral gesteuert und betreut werden, hat die Rolle des Vorsitzes eher eine symbolische Natur. Aufgabe der Königin ist es, die Beziehungen der Mitgliedsstaaten zu stärken, indem sie regelmäßige königliche Besuche durchführt.

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Die Funktion der Monarchie im Commonwealth Realm unterscheidet sich von der im Commonwealth of Nations. Obwohl die Mitgliedsstaaten des Realm nicht Teil Großbritanniens sind und ihre eigenen Regierungen wählen, sind sie der britischen Krone doch in Treue verbunden. Ihr Vertreter in den Ländern ist der Generalgouverneur, der de facto das Staatsoberhaupt ist und Gesetze absegnet und Minister, Botschafter und Richter ernennt.

Die Position hat jedoch vorrangig zeremonielle Relevanz. Viele Länder bestimmen den Generalgouverneur selbst und geben ihm vor, wie er seinen Pflichten nachzukommen hat. Laut dem Council on Foreign Relations mit Sitz in New York hat der Generalgouverneur jedoch dir Autorität, unter gewissen Umständen in die Entscheidungen lokaler Regierungen einzugreifen. Im Jahr 1975 verhinderte zum Beispiel der australische Generalgouverneur John Kerr im Alleingang den Versuch des Premierministers Gough Whitlam, eine parlamentarische Blockade zu beenden, was das Land in eine konstitutionelle Krise stürzte.

Die Zukunft des Commonwealth

In den vergangenen Jahren ist der Wunsch nach Veränderung in den Mitgliedsstaaten des Commonwealth Realm gewachsen – insbesondere in den früheren Kolonien in der Karibik und dem Pazifik, in denen die jungen Menschen in der Bevölkerung die Organisation als Relikt der Kolonialzeit betrachten.

In den Siebzigerjahren setzten Guyana, Trinidad und Tobago und Dominica die Königin als Staatsoberhaupt ab, blieben aber Mitglieder im Commonwealth. Andere Länder taten es ihnen gleich. Bevor Barbados im Jahr 2020 diesen Weg betrat, war Mauritius im Jahr 1992 das vorerst letzte Land, dass sich von der britischen Krone abwandte.

Es wird spekuliert, dass die Entscheidung Barbados eine neue Welle der Republikgründungen nach sich ziehen könnte. Laut Richard Drayton, Professor für imperial Geschichte am King’s College in London, könnte die Absetzung der Königin als Staatsoberhaupt von Barbados „ein Stein des Anstoßes“ für andere Länder wie Jamaika, St. Lucia und St. Vincent und die Grenadinen sein.

Auch ehemalige Dominions ziehen eine Veränderung in ihrer Beziehung zur königlichen Familie in Betracht. In einem Referendum im Jahr 1999 sprachen sich 45 Prozent der Australier gegen die Königin als Staatsoberhaupt aus. Eine Umfrage in Kanada im Februar 2021 ergab, dass die britische Königsfamilie für das Leben von 55 Prozent der Bevölkerung keinerlei Relevanz hat. Die Hälfte der Befragten war für ein Absetzen der Königin als Staatsoberhaupt.

Doch während dieser historische Schritt in der Bevölkerungen viele Unterstützer findet, sind die Regierungen selbst eher auf der Seite von Errol Barrow und Jawaharlal Nehru: In einer zunehmend globalisierten Welt sei es von großer Wichtigkeit, durch Organisationen wie das Commonwealth of Nations Verbündete zu finden – selbst wenn es sich bei diesen um ehemalige Kolonialherren handelt.

„Wir freuen uns darauf, die Zusammenarbeit mit der britischen Monarchie fortzuführen“, sagte Mia Mottley, Premierministerin von Barbados, in einer Parlamentsansprache im Oktober 2021. Zu der Motivation hinter der Entscheidung, sich von der Königin als Staatsoberhaupt zu trennen, sagte sie: „Das Recht darauf, das Schicksal der Bevölkerung selbst zu lenken, sich zu erheben und gegen alle Widrigkeiten zu verteidigen, ist ein heiliges Recht, das wir im Namen aller Menschen dieses Landes für uns beanspruchen. Wir erklären hiermit selbstbewusst, dass Barbados ungeachtet aller Herausforderungen und im vollen Bewusstsein der Möglichkeiten und der Notwendigkeit zur Einheit am 1. Dezember diesen großen Schritt unternehmen und die jüngste Republik in der globalen Gemeinschaft der Nationen werden wird.“

Dieser Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

 

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