Queen Victorias Neuauflage der britischen Monarchie

Als Victoria den Thron bestieg, war die britische Monarchie beim Volk extrem unbeliebt. Doch am Ende ihrer Rekordherrschaft war sie nicht nur die mächtigste Herrscherin der Welt, sondern eine populäre Trendsetterin und Kultfigur.

Veröffentlicht am 1. Apr. 2021, 15:07 MESZ
Königin Victoria

Im 19. Jahrhundert beaufsichtigte Königin Victoria die Expansion des Britischen Weltreichs – das bis zum Ende des Jahrhunderts ein Fünftel der Erdoberfläche umfassen sollte – sowie entscheidende Reformen der Monarchie. Ihr Vermächtnis war so tiefgreifend, dass die Zeit ihrer Herrschaft heute als das Viktorianische Zeitalter bekannt ist.

Bild Hi-Story, Alamy

Die Hungerkönigin. Die Witwe von Windsor. Die Großmutter von Europa. Queen Vic. Im 19. Jahrhundert verdiente sich Königin Victoria all diese Spitznamen und noch mehr. Es sind Zeugnisse für den anhaltenden Einfluss ihrer 64-jährigen (1837-1901) Herrschaft über das Vereinigte Königreich.

Während dieser Zeit, die heute als Viktorianisches Zeitalter bekannt ist, beaufsichtigte sie die industrielle, soziale und territoriale Expansion ihrer Nation und wurde als Trendsetterin bekannt, die die Einstellung der Europäer zur Monarchie veränderte. Schätzungsweise jeder vierte Mensch auf der Erde war am Ende ihrer Herrschaft Untertan des Britischen Weltreichs. Doch als Victoria den Thron bestieg, war die britische Monarchie zutiefst unbeliebt.

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Victorias unverhoffte Thronfolge

Victoria war das Produkt einer Thronfolgen-Krise in Englands königlicher Familie. Prinzessin Charlotte, die planmäßige Nachfolgerin von König George, und ihr kleiner Sohn starben beide bei der Geburt desselben. Charlottes Brüder – allesamt waren ledig und hatten der Monarchie mit ihren verschwenderischen Ausgaben und ihrem chaotischen Privatleben einen schlechten Ruf eingebracht – beeilten sich, einen Erben zu zeugen. Einer dieser Brüder, Edward, heiratete eilig eine verwitwete deutsche Prinzessin und wurde der erste, der eine Erbin zeugte. Die 1819 geborene Alexandrina Victoria war eine direkte Thronfolgerin.

Palastintrigen sorgten jedoch für eine unglückliche Kindheit. Victorias Vater starb, als sie noch ein Kind war, und ihre ehrgeizige Mutter verbündete sich mit dem intriganten Sir John Conroy, einem Mitglied des königlichen Haushalts. Er ergriff die Chance, durch die zukünftige Königin Macht und Einfluss zu gewinnen. Er entwickelte das „Kensington-System“, ein ausgeklügeltes Regelwerk, das die junge Prinzessin im Kensington-Palast isolierte und ihm die Kontrolle über ihre Bildung und Erziehung übertrug. Das System sollte Victoria in Abhängigkeit und Loyalität zu Conroy und ihrer Mutter halten und führte zu einer unglücklichen Kindheit – und zu einer wachsenden Verbitterung.

Victoria befreite sich 1837 von ihren Ketten, als sie 18 Jahre alt wurde und den Thron bestieg. Kaum war sie Königin, verbannte sie Conroy von ihrem Hof und drängte ihre Mutter ins Abseits. Im Jahr 1840 heiratete sie ihren Cousin Albert, einen deutschen Prinzen. Es war eine echte Liebesheirat – sie schrieb, dass ihre Hochzeitsnacht „eine unglaubliche Glückseligkeit“ war – und sie bekamen neun Kinder.

Königin Victoria und ihr Ehemann Prinz Albert waren Kunstmäzene, auch in der neuen Kunst der Fotografie. Sie gaben Bilder in Auftrag, um das Leben im Palast zu dokumentieren, und stellten 1954 sogar ihre Hochzeit für ein Foto nach.

Bild Roger Fenton, Getty

Frühe Herrschaftsjahre mit Albert

Während ihrer frühen Regierungszeit wurde Victoria stark von Lord Melbourne, dem Premierminister, und Albert beeinflusst, der ihr engster politischer Berater war. Einige Historiker glauben sogar, dass er „in jeder Hinsicht außer der nominellen König war“. Gemeinsam verfolgten sie in einer politisch turbulenten Ära eine Agenda der Modernisierung und Stabilität. Der Ruf der Monarchie war von Victorias Vorgängern schwer beschädigt worden, und die britische Bevölkerung forderte lautstark, die Monarchie durch eine Republik zu ersetzen. Und in Irland schürte die Große Hungersnot zwischen 1845 und 1852 regelrechte Rebellionen.

Gemeinsam mit ihrem Mann stellte sich Victoria diesen Herausforderungen und arbeitete daran, die Position der Monarchie in England und in ganz Europa zu stärken. Denn auch auf dem Kontinent gab es eine wachsende Abneigung gegen Königsfamilien, die erwarteten, dass die Öffentlichkeit die Rechnung für ihren verschwenderischen Lebensstil bezahlte. Im Gegensatz dazu erweiterte Victoria die öffentliche Rolle der Monarchin, indem sie Wohltätigkeitsorganisationen, die Künste und bürgerliche Reformen unterstützte. Infolgedessen wurden die Königin und ihre wachsende Familie zu beliebten Stars ihrer Zeit und beeinflussten die Populärkultur: Victoria war es, die in England den Trend der weißen Hochzeitskleider und der Weihnachtsbäume lostrat. 

1861 überschattete eine Tragödie die Monarchie, als Albert im Alter von 42 Jahren starb. Victoria war am Boden zerstört und verfiel in tiefe Trauer. Sie trug für den Rest ihres Lebens Schwarz und zog sich für Jahre aus der Öffentlichkeit zurück. Die republikanische Bewegung wuchs während ihrer Isolation, und sie wurde für ihre Abkehr vom öffentlichen Leben kritisiert.

Die späten Jahre

In den späten 1860ern nahm Victoria ihre öffentlichen Aufgaben wieder auf. Ihre spätere Regierungszeit widmete sie größtenteils Friedensbemühungen in Europa und der Erweiterung und Konsolidierung ihres gewaltigen politischen Reiches. Sie wurde 1877 Kaiserin von Indien und beeinflusste die ausländischen Beziehungen durch ihre Kinder und Enkel, von denen viele in europäische Königshäuser einheirateten.

Zu Beginn ihrer Monarchie galt Großbritannien vor allem als Handelsmacht. Doch unter Victoria wurde es zu einem mächtigen Imperium und sogar zur mächtigsten Nation der Welt. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wuchs es um 25 Millionen Quadratkilometer und 400 Millionen Menschen. Diese Zugewinne hatten jedoch einen furchtbaren Preis: England befand sich während Victorias Herrschaft fast unablässig im Krieg, und der in ihrem Namen praktizierte Kolonialismus ging mit brutaler Unterwerfung einher.

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Obwohl Victoria beliebt war, drängten ihre Untertanen immer noch auf eine Reform der Monarchie. Letztendlich führte das zu einer Erosion der direkten politischen Macht des Monarchen, als das britische Volk Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts das Wahlrecht, das Recht auf geheime Wahl und andere politische Reformen durchsetzte. 

Königin Victorias Vermächtnis

Bei ihrem Tod im Jahr 1901 war Victoria eine Institution, bekannt für ihre Willenskraft und das gewaltige Reich, das sie regierte. Das britische Empire umspannte ein ganzes Fünftel der Erdoberfläche und war zur überragenden Supermacht seiner Zeit geworden.

Victorias Versuche, die europäischen Monarchien zu stärken, indem sie ihre Familienmitglieder verheiratete, brachten zwar kurzfristigen Frieden, aber sie säten die Saat für einige der zerstörerischsten Konflikte des 20. Jahrhunderts. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 wendeten sich ihre Enkelkinder schließlich gegeneinander.

Der unerbittliche Kolonialismus ihres Reiches und der verheerende Krieg, den sie ungewollt mit in die Welt setzte, werfen heute einen Schatten auf Victorias Herrschaft. Dennoch glaubte sie daran, dass die Macht und der Wohlstand Großbritanniens das Wichtigste waren. So schrieb sie 1899: „Wir sind nicht an den Möglichkeiten einer Niederlage interessiert; sie existieren nicht.“ Für eine Frau, die zum Regieren geboren war, gab es keinen Raum für Zweifel an ihrer historischen Bestimmung – oder an der Macht des Reiches, das in ihrem Namen errichtet wurde.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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