Rätselhafte Gänge: Wer löst das Geheimnis der Erdställe?

Alte Tunnelsysteme in Bayern und Österreich lassen Forscher bis heute rätseln. Erdställe sind eines der letzten großen Geheimnisse des Mittelalters.

Veröffentlicht am 10. Feb. 2022, 09:21 MEZ, Aktualisiert am 10. Feb. 2022, 19:42 MEZ
Dunkle Höhle im Erdreich mit Lichteinlass

Wann oder warum Erdställe gebaut wurden, ist ein Geheimnis, das viele Menschen in seinen Bann zieht.

Foto von Dieter Ahlborn

Erdställe kommen hauptsächlich im nordöstlichen Alpenvorland vor. Allein in Bayern gibt es über 700 der unterirdischen Gangsysteme. Man findet sie aber auch am Niederrhein, in Österreich und Tschechien, sowie vereinzelt in Frankreich, Spanien, Ungarn und Irland. Doch von wem wurden sie erbaut, und wozu?

Über Jahrhunderte wurden die engen, niedrigen Tunnel auf einer Gesamtlänge von 50 Metern oder mehr in den Boden getrieben, mit engen Durchschlupfen, Stufen und Nischen versehen – und dann fast zeitgleich Ende des 13. Jahrhunderts aufgegeben. Doch wer die sogenannten Erdställe baute, welchem Zweck sie dienten und warum sie auf einen Schlag verlassen wurden, ist noch immer ein Geheimnis. „Das ist ein wahnsinnig großes archäologisches Rätsel, das noch keiner verstanden hat“, schwärmt Birgit Symader, die Vorsitzende des Arbeitskreises für Erdstallforschung e.V. im Gespräch mit NATIONAL GEOGRAPHIC.

Erklärungsversuche und Geheimnisse

Das Wort „Erdstall“ kommt aus dem Niederösterreichischen und bezeichnet keinen Stall für Vieh, sondern leitet sich von „Stelle“ oder „Stollen“ ab. Die Forschung definiert einen Erdstall durch besondere bauliche Gegebenheiten: Es gibt nur einen Eingang und es muss ein Kreisgang oder eine Engstelle - der sogenannte Schlupf - vorhanden sein. Nischen, Bänke und Stufen sind weitere Charakteristika.

Erdställe setzen sich aus verschiedenen Kammern, Gängen und Schlupfen zusammen.

Foto von Bearbeitet Grafik, D. Ahlborn. Vorlage: Modell Harald Fähnrich, Der Erdstall Nr. 4, Roding 1978

Außerdem haben alle Erdställe gemeinsam, dass man ihnen bisher keinen Zweck zuordnen konnte. Erklärungsversuche gibt es trotzdem: Wurden die Erdställe zum Beispiel als Lager genutzt? Gegen diese Theorie spricht, dass in den Erdställen kaum Spuren menschlicher Nutzung gefunden wurden. Hinzu kommt, dass die Erdställe sehr schmal und niedrig und nur schwer begehbar sind.

Auch als Fluchtort kommen Erdställe nicht in Frage, da sie nur einen Eingang haben: Hätten Angreifer den Erdstall entdeckt, wären ihnen die darin versteckten Menschen hilflos ausgeliefert gewesen. Zudem ist es in Erdställen kalt. Ein wärmendes Feuer hätte den Sauerstoff in den Gängen aufgebraucht.

Einer weiteren Theorie nach dienten die Erdställe zu Zeiten der Völkerwanderung als Leergräber. Die Körper der Toten lagen weit entfernt, doch ihr Geist konnte in den Leergräbern nahe bei den Hinterbliebenen sein. Einige Forscher deuten die Erdställe als eine Art Wartesaal für Seelen. Diese Theorie stützt sich insbesondere darauf, dass sämtliche Erdställe etwa zu der Zeit aufgegeben wurden, als die Kirche begann, die Lehre vom Fegefeuer zu verbreiten.

Solange jedoch keine Belege für die eine oder andere Theorie gefunden werden, wehren sich Archäologen gegen eine voreilige Zweckbestimmung der Erdställe.

Die Anfänge liegen im Dunkeln

Wann die Erdställe gegraben wurden, ist noch nicht eindeutig geklärt. Ein Grund dafür ist, dass es bislang noch keine Methode gibt, die Verwitterung von Gestein unter der Erdoberfläche zu datieren. „Mit einer Datierung könnte man die Bauzeit genauer bestimmen, aber bislang fehlt uns diese archäologische Dokumentation“, so Birgit Symader.

Auch deshalb versucht Dieter Ahlborn von der Interessengemeinschaft Erdstallforschung eine Datierung der Erdställe in Verbindung mit der Siedlungsgeschichte: „Im Hochmittelalter erlebte Mitteleuropa eine Blütezeit. Die Bevölkerung wuchs und es wurden zahlreiche Dörfer gegründet, in denen Erdställe angelegt wurden.“ Die Dörfer und Hilfsschächte zum Bau der Erdställe sind archäologisch nachweis- und somit datierbar. „Als im Spätmittelalter die Bevölkerungszahlen durch Unruhen, Krieg und Hungersnöte zurückgingen, wurden viele Dörfer und mit ihnen die Erdställe wieder verlassen.“ Allerdings schränkt Archäologin Birgit Symader ein, dass die Hilfsschächte auch erst verschlossen worden sein könnten, als die Anlagen nicht mehr gebraucht wurden.

Tatsächlich sind die wenigen Relikte, die in den Erdställen bisher gefunden wurden, auf das Hochmittelalter bis ins späte 13. Jahrhundert zu datieren. „Die meisten Funde in Bayern stammen aus dem 11. Jahrhundert“, erklärt Dieter Ahlborn. „Insgesamt passen die Erdstalltätigkeiten in einen historischen Kontext des Hochmittelalters.“

Die Funde geben jedoch lediglich Auskunft darüber, wann die Erdställe zuletzt genutzt, aber nicht, wann und von wem sie errichtet wurden. Bislang wurden nur drei Anlagen archäologisch untersucht. Die hier geborgenen Funde erlauben eine Datierung. Bei allen bisher gefundenen Erdställen handelt es sich zudem um Fragmente, nicht um vollständige Anlagen.

Im Erdstall in Mitterschneidhart wurden zwei Mühlsteine entdeckt.

Foto von Dieter Ahlborn

Bei den bisher gesicherten Funden handelt es sich beispielweise um Keramikscherben aus dem 11. Jahrhundert, die bei den Grabungen in Grasfilzing und Rabmühle geborgen wurde. In anderen Erdställen wurde außerdem Holzkohle von Kienspänen und in Einzelfällen nicht mehr identifizierbares organisches Material gefunden. Keiner der bisher untersuchten Funde konnte jedoch einer bestimmten Kultur oder spirituellen Praxis zugeordnet werden.

Auch aus diesem Grund gehen Archäolog*innen wie Birgit Symader nicht davon aus, dass die Erdställe das Werk eines bestimmten Volksstammes sind. Viel mehr hält sie die Bodenbeschaffenheit für einen entscheidenden Faktor bei der Verbreitung der Erdställe. Auch Dieter Ahlborn bekräftigt: „Die Anlagen unterscheiden sich von der Statik her – in instabileren Böden sind die Bauten breiter – aber wir finden Erdställe in den unterschiedlichsten Geologien.“ Ideale Voraussetzungen für Erdställe sind ein ausreichend fester Boden, der eine Bearbeitung mit einfachen Werkzeugen erlaubt. Dazu zählen zum Beispiel Lehm, Sandstein oder Löss, aber auch verwitterter Granit. In sehr instabilen Böden kommen Erdställe ebenso wenig vor, wie in massivem Fels.

Die Bearbeitungsspuren im Boden liefern einige der wenigen gesicherten Beweise der Erdstallforschung. An ihnen kann man etwa ablesen, aus welcher Richtung der Bau vorangetrieben wurde. Zudem erlauben sie eine ungefähre Abschätzung, wie lange der Bau gedauert hat: Ein einziger Erdstall bedeutete einen Arbeitsaufwand von mehreren Jahren, abhängig von der Bodenbeschaffenheit.

Denkmalschutz für Erdställe

Einen neu entdeckten Erdstall klammheimlich wieder zuzuschütten, davon kann Birgit Symader nur abraten: Es handelt sich dabei um eine Ordnungswidrigkeit, die mit Geldstrafen geahndet wird. „Das Strafmaß entspricht mittlerweile dem, was die archäologische Dokumentation des Erdstalls gekostet hätte“, warnt die Forscherin. Weil über die Erdställe noch so vieles im Dunkeln liegt, ist jede verschüttete Anlage ein großer Verlust.

Besonders durch Umsiedelungen und Kriege ging vielerorts das Wissen um die archäologische Bedeutung der Erdställe verloren, sodass viele Anlagen bereits verschüttet wurden. Doch Erdställe sind Bodendenkmäler und als solche meldepflichtig. Es gelten die Regelungen der einzelnen Bundesländer. In Bayern müssen neu entdeckte Erdställe an die Untere Denkmalschutzbehörde oder das Landesamt für Denkmalschutz gemeldet werden.

Zudem sollten Laien nicht auf eigene Faust in den Erdstall steigen: Die Anlagen können einsturzgefährdet sein, außerdem besteht die Gefahr, stecken zu bleiben. Auch werden so archäologisch bedeutsame Spuren zerstört, warnt Symader: „Das ist ein Bodendenkmal, das Menschen genutzt haben. Dem sollten wir mit Respekt begegnen.“

Auch die Funktion der engen Schlupfe ist nach wie vor ein Rätsel.

Foto von Dieter Ahlborn

Zwerge, Teufel und Menschen

Dass die meisten Erdställe bisher im Bayerischen Wald und in der Oberpfalz gefunden wurden, hängt laut Birgit Symader hauptsächlich damit zusammen, dass hier das Wissen um ihre Existenz über Jahrhunderte mündlich überliefert wurde. Zwar hat sich im Volksglauben die Interpretation als Schrazellöcher oder Teufelslöcher erhalten, damit einhergehend jedoch auch das Bewusstsein, dass die Gänge, die vor allem unter Bauernhöfen, aber auch in der Nähe von Kirchen und Friedhöfen oder auf freiem Feld gefunden wurden, von besonderer historischer Bedeutung sind. „Ob Erdställe gefunden werden oder nicht, hängt immer von den Menschen ab“, ist die Archäologin überzeugt.

Das Bewusstsein für die kulturgeschichtliche Bedeutung der Erdställe hat sich nach Einschätzung von Birgit Symader in den letzten Jahren jedoch deutlich gebessert. Dies zeigt sich auch darin, dass den Denkmalschutzbehörden immer mehr Erdställe gemeldet werden.

Erdstallvorkommen müssen nicht auf ein bestimmtes Gebiet beschränkt sein. Der wichtigste Faktor bei der Erstallforschung ist laut Birgit Symader, dass es in allen Gebieten mit hohem Erdstall-Aufkommen Menschen gab und gibt, die sich gekümmert und danach gesucht haben, die mit den Anwohnern sprachen und so ein Bewusstsein für die Einzigartigkeit der Erdställe schufen. „Ich bin mir sicher, gäbe es jemanden, der sich darum kümmert, würde das in vielen Bereichen Deutschlands anders aussehen“, so die Archäologin. „Es steht und fällt mit den Menschen.“

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