Sudan: Aufbegehren der Jugend

Im Oktober 2021 bröckelte die Revolution im Sudan. Gegen den Staatsstreich der Generäle erhob sich die junge Generation – und beschwörte dabei das kulturelle Erbe des Landes.

Von Kristin Romey
Veröffentlicht am 22. Feb. 2022, 15:20 MEZ
Sudan: Aufbegehren der Jugend

Im Oktober 2021 bröckelte die Revolution im Sudan. Gegen den Staatsstreich der Generäle erhob sich die junge Generation – und beschwörte dabei das kulturelle Erbe des Landes.

Foto von Nichole Sobecki

Im April 2019, war die 30-jährige islamistische Diktatur des Omar al-Baschir gestürzt worden. Der zivil-militärische Souveränitätsrat des Landes war dabei, das Erbe des angeklagten Kriegsverbrechers sowie 30 finstere Jahre der Unterdrückung, des Völkermords, der internationalen Sanktionen und der Abspaltung des Südsudans zu überwinden. Doch um die Mittagszeit des 25. Oktober 2021, nur wenige Wochen vor dem geplanten Übergang zur zivilen Kontrolle, nahm das Schicksal des Landes eine neue Wendung. Der Vorsitzende des Souveränitätsrates, Generalleutnant Abdel Fattah al-Burhan, löste die Regierung auf und stellte den zivilen Premierminister unter Hausarrest. Der General sprach von einem Ausnahmezustand. Die sudanesische Bevölkerung aber erkannte den Staatsstreich. Hunderttausende demonstrierten in der Hauptstadt Khartum und in weiteren Gebieten. Wie es sich für einen Regimewechsel im 21. Jahrhundert gehört, spielte sich alles in Echtzeit in den sozialen Medien ab.

Social Media für die königlichen Ahnen

Während des Sturzes der al-Baschir-Regierung im Frühjahr 2019 machten auf Twitter und Facebook bemerkenswerte Bilder die Runde: Ein Meer von jungen Männern und Frauen versammelte sich in friedlichem Widerstand gegen das Regime und forderte eine andere Welt für ihre Generation. Eine Szene wurde in der Reihe von Handyfotos und Videoclips endlos geteilt: Eine junge Frau in traditioneller weißer sudanesischer Kleidung stand auf einem Auto, deutete mit dem Finger in den Himmel und skandierte mit der Menge: „Mein Großvater ist Taharqa, meine Großmutter ist eine Kandake!“ Es handelte sich nicht um Unterstützung einer politischen Gruppierung oder sozialen Bewegung.

Schulkinder besuchen die Pyramidengräber der kuschitischen Könige und Königinnen in der alten Hauptstadt Meroe. Unter der Diktatur von Omar al-Baschir unterdrückte der sudanesische Lehrplan das nicht muslimische Erbe des Landes und seine Wurzeln in Afrika südlich der Sahara.

Die Demonstranten erklärten sich vielmehr zu Nachkommen des alten kuschitischen Königs Taharqa sowie der kuschitischen Königinnen und Königinmütter, deren wichtigster Titel „Kandake“ war. Diese königlichen Ahnen, die sogenannten „schwarzen Pharaonen“, standen an der Spitze eines mächtigen Reiches, das einst vom Gebiet des heutigen Nordsudans aus regierte und sich von Khartum bis zum Mittelmeer erstreckte. Das Reich von Kusch – auch Nubien genannt – wird meist nur als Fußnote in Büchern über die altägyptische Geschichte erwähnt. Selbst im Sudan unter dem Regime al-Baschirs lernten Schüler nicht viel über Kusch. Wie konnte das Erbe eines antiken Königreichs, das nicht einmal unter Archäologen, geschweige denn unter Durchschnittssudanesen besonders bekannt war, plötzlich zur Kampfparole auf den Straßen Khartums werden?

Reich von Kusch: schlampige Archäologie?

Die frühesten historischen Berichte über die Kuschiten stammen von den Ägyptern. Die versuchten, die demütigende Eroberung aus ihren Annalen zu tilgen und die Kuschiten lediglich als eine von vielen lästigen Gruppen darzustellen, die die Grenzen unsicher machten. Diese Erzählung wurde von den ersten europäischen Archäologen, die im 19. Jahrhundert in den Sudan kamen, nicht hinterfragt. Sie stöberten in verfallenen kuschitischen Tempeln und Pyramiden herum und erklärten die Funde zu bloßen Imitationen ägyptischer Monumente. Der Rassismus der meisten westlichen Gelehrten verstärkte diese Sichtweise des afrikanischen Königreichs. „Die einheimische negroide Rasse hatte weder einen nennenswerten Handel noch eine nennenswerte Industrie entwickelt und verdankte ihre kulturelle Stellung den ägyptischen Einwanderern und der importierten ägyptischen Zivilisation“, schrieb George Reisner. Der Archäologe von der Harvard University führte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die ersten wissenschaftlichen Ausgrabungen in den Königsgräbern und Tempeln von Kusch durch.

Der sudanesische Archäologe Sami Elamin hält Reisner für ebenso schlampig in seiner Methode wie fehlgeleitet in der Interpretation. Im Jahr 2014 durchsuchten Elamin und ein Archäologenteam einen großen Erdhügel an Reisners Ausgrabungsstätte am Fuße des Jebel Barkal. „Wir haben eine Menge Objekte gefunden“, sagt Elamin, „sogar kleine Götterstatuen.“Elamin stellt fest, dass immer mehr Einheimische den Jebel Barkal besuchen und durch die Ruinen wandern. „Sie stellen viele Fragen zu den Altertümern, der Geschichte und der Zivilisation“, sagt er. Mit seinen Kollegen ist er bestrebt, einer wissensdurstigen Generation dieses ferne Kapitel der Geschichte näherzubringen. Als sudanesische Archäologen hätten sie eine Verantwortung, sagt er, die Bürger zu vereinen, indem sie ihnen die Leistungen auch weit zurückliegender Generationen vor Augen führen.

Anhänger des Sufismus, einer mystischen Ausrichtung des Islams, vollziehen am Grab von Scheich Hamed al-Nil in Omdurman das Dhikr. Der Sudan ist die Heimat einer der größten Sufi-Gemeinschaften der Welt. Ihre Führer haben großen Einfluss. Einige Sufi-Orden unterstützten den Volksaufstand, der zum Sturz von al-Baschir führte.

Revolte mit dem Mut der Könige und Königinnen

Das Bild der revolutionären Kandake, die in weißem Gewand unter den Demonstranten steht und ihren Finger in den Himmel reckt, während sie die kuschitischen Könige und Königinnen beschwört, wurde als Street Art in Khartum und auf der ganzen Welt verewigt. Mit 23 Jahren wurde Alaa Salah zu einem Gesicht der sudanesischen Revolution. Diese Rolle machte aus der Ingenieurstudentin eine internationale Persönlichkeit, die man einlud, um vor dem UN-Sicherheitsrat über die Rolle der Frauen im neuen Sudan zu sprechen.

Als die Demonstranten auf den Straßen von Khartum den Sprechgesang „Mein Großvater ist Taharqa, meine Großmutter ist eine Kandake“ anstimmten, erklärte Salah, hätten sie damit ihren Stolz auf den Mut und die Tapferkeit der alten Könige und Königinnen ausgedrückt. Es gab ihnen das Gefühl, selbst Teil dieser alten Zivilisation mit ihren starken Anführern zu sein. Vor allem galt das für die Frauen, die bei den Protesten eine zentrale Rolle spielten. Der Staatsstreich hatte noch mehr Unsicherheit in eine Nation und Generation getragen, die sich nach Demokratie und Stabilität sehnt. Die meisten der prächtigen Paläste und Tempel von Kusch sind verschwunden, geplündert und vom Sand verschluckt. Doch bis heute wachen die Pyramiden der einstigen Könige und Königinnen in der Wüste. Auf den Friedhöfen der Städte liegen die Gräber von Scheichs und protestierenden Studenten. Sie überdauern, während Bürger, Politiker und Generäle um die Macht kämpfen, Regimes zusammenbrechen und wieder aufgebaut werden. Jedem, der zuhören will, sagen sie: Wir haben dafür gekämpft. Wir waren auch einmal hier.

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