DNA aus der Jungsteinzeit: Herkunft der ersten Bauern der Welt

Lange verortete man den Ursprung des Ackerbaus im Nahen Osten. Eine neue Studie zeigt nun: Die genetische Herkunft der ersten Landwirte ist komplexer als bisher gedacht – und ihre Geschichte begann schon vor etwa 14.000 Jahren.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 27. Mai 2022, 14:57 MESZ
Ein Landwirt sitzt auf dem abgeernteten Teil eines Weizenfeldes.

Die ersten Landwirte der Geschichte etablierten sich vor etwa 12.000 Jahren. Ihre genetische Herkunft war lange Zeit ein Rätsel.

Foto von Aamir Mohd Khan / Pixabay

Der Beginn der Jungsteinzeit vor etwa 12.000 Jahren, auch Neolithikum genannt, wird oft mit dem Beginn der Ausbreitung des Ackerbaus gleichgesetzt. Erste Belege für die neolithische Revolution – der Wandel vom Jagen und Sammeln hin zur Landwirtschaft – gibt es im Fruchtbaren Halbmond, der Region um das heutige Syrien, Irak, Libanon, Israel, Palästina und Jordanien. Dort wurden die Menschen laut bisherigem Wissensstand erstmals sesshaft und fingen an, Felder zu bestellen und Viehzucht zu betreiben.

Doch die Frage nach der genetischen Herkunft der ersten Ackerbau betreibenden Menschen scheint bisher ungeklärt. Verbreitete sich das Bauerntum wirklich vom Nahen Osten nach Europa? Ein Team aus Forschenden der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und der Universität Bern stellt nun die gängige Annahme, dass die ersten Bauern aus Anatolien stammten, infrage. Ihre Studie, die in der Fachzeitschrift Cell erschienen ist, stellt heraus: Die genetischen Ursprünge der Ackerbauern der Jungsteinzeit waren viel komplexer als bisher gedacht. 

Ihre Analysen zeigen: Die ersten Bauern sind genetisch keiner Region explizit zuzuordnen. „Wir stellen nun fest, dass die ersten Bauern Anatoliens und Europas aus einer Bevölkerungsmischung zwischen Jägern und Sammlern aus Europa und dem Nahen Osten hervorgegangen sind“, sagt Erstautorin Nina Marchi vom Institut für Ökologie und Evolution der Universität Bern. Diese Bevölkerungsmischung habe bereit vor 14.000 Jahren begonnen – also bevor der Ackerbau überhaupt erste Züge annahm.

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Prähistorische Genome

Laut Studie sind die genetischen Ursprünge der ersten Landwirte der Welt vor allem aufgrund eines Mangels an Gen-Material schwer nachzuvollziehen. „Uns fehlen hochwertige alte Genome, die von den Populationen stammen, die in den entscheidenden Anfangsphasen der landwirtschaftlichen Expansion beteiligt waren“, heißt es in der Studie. So sei es schwer, den räumlichen und zeitlichen Umfang der Bevölkerungsdynamiken zu fassen: „Es fehlte noch immer ein detailliertes historisches Szenario der Bevölkerungsdemografie, Divergenz und Migration.“

Das soll sich durch die Studie nun geändert haben: Die Forschenden extrahierten die DNA aus 15 Skeletten, die an einigen der wichtigsten archäologischen Stätten des frühen Holozäns – also der Zeit vor ungefähr 11.000 Jahren – in Europa und Anatolien gefunden wurden. „So erstellten wir 15 hochauflösende Genome von frühholozänen Bauern und Jäger-Sammler-Individuen, die entlang eines geografischen und zeitlichen Transekts – einem Satz von Mess- und Beobachtungspunkten – von Südwestasien bis zum Rheintal in West-Mitteleuropa verteilt waren“, so die Forschenden.

Verbunden wurden die Genom-Ergebnisse der prähistorischen Skelette dann mit einer demografischen Modellierung der gewonnenen Daten – laut Studie eine sogenannte „demogenomische Modellierung“.

Die Evolution der Landwirte

Das Ergebnis der Studie: Die ersten Bauern stammen von Jäger- und Sammlerpopulationen ab, die die Region vom Nahen Osten bis hin zum Balkan besiedelten. Der Mischungsprozess der Bevölkerungen dieser Regionen begann also bereits vor der Etablierung der ersten Ackerbaukulturen – und nicht durch die Migration der Menschen von Anatolien nach Europa. 

Laut Joachim Burger von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Populationsgenetiker und Co-Autor der Studie, ist das eine bahnbrechende Erkenntnis. „Das war archäologisch nicht vorhersehbar“, sagt er. „Mit diesen Ansätzen haben wir nicht nur die Ursprünge der ersten neolithischen Populationen der Welt aufgeklärt, sondern auch ein allgemeines Modell der Evolution menschlicher Populationen in Südwestasien und Europa erstellt.“

Das Team will sein Bild der Menschheitsgeschichte im Neolithikum nun noch erweitern. Das bereits erstellte demografische Modell soll durch Genome aus den späteren Phasen der Jungsteinzeit sowie der Bronzezeit, die die Jungsteinzeit um etwa 2.200 v. Chr. ablöste, erweitert werden.

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