Das Geheimnis der Ulfberht-Schwerter

Die „Ulfberht“-Schwerter zählten zu den fortschrittlichsten Waffen des frühen Mittelalters. Doch woher stammten sie und wer stellte sie her?

Von Markus Röck
Veröffentlicht am 1. Juli 2022, 16:52 MESZ
Ulfberht-Schwert Reproduktion

Eine digitale Reproduktion des frühmittelalterlichen Ulfberht-Schwertes. So könnte die Wunderwaffe einst ausgesehen haben.

Foto von Dominic Zschokke Public Domain, via Wikimedia Commons

Gut möglich, dass ein Schauer durch die gegnerischen Reihen ging, wenn ein Ulfberht-Schwert im Kampf gezogen wurde. Kein Wunder: Schließlich versprachen die Schwerter einen klaren Vorteil im Zweikampf. Zudem konnte man sie durch den markanten „Ulfberht“-Schriftzug, der in die Klingen eingelassen wurde und ihnen ihren Namen verleiht, schon von Weitem als solche erkennen. Mehr als zwei Jahrhunderte lang zählten die Ulfberht-Schwerter zu den berüchtigtsten Waffen auf den frühmittelalterlichen Schlachtfeldern Europas. Auch heute noch beschäftigen sie die Forschung wie kaum ein anderes Schwert.

Dr. Klaus Georg Kokotidis leitet am Landesmuseum Württemberg in Stuttgart das Referat "Archäologie des Frühen und Hohen Mittelalters". Zu den Ausstellungsstücken seines Museums zählt unter anderem ein in Deutschland entdecktes Ulfberht-Schwert.

Foto von Landesmuseum Würrtemberg

„Die Ulfberht-Schwerter waren Hightech-Produkte ihrer Zeit“, sagt Dr. Klaus Georg Kokkotidis vom Landesmuseum Württemberg in Stuttgart. Sie waren leichter, schärfer und stabiler als andere Schwerter des Frühmittelalters. Zu verdanken hatten sie diesen Umstand neuen Verhüttungstechniken, die sich im 8. und 9. Jahrhundert zunehmend in Europa verbreiteten. „Erst dann wurde die Herstellung von Klingen mit dieser Qualität möglich“, sagt Kokkotidis.

Durch ihre hohe Qualität verbreiteten sich die Ulfberht-Schwerter schnell in ganz Europa. Zahlreiche Funde belegen, dass die Schwerter zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert sowohl im Fränkischen Reich, als auch bei den Wikingern in Skandinavien – den Gegnern der Franken – Verwendung fanden. Per Dekret ließ Karl der Große im 9. Jahrhundert sogar den Export der Schwerter aus dem Frankenreich verbieten. Damit wollte er verhindern, dass noch mehr Schwerter seinen Feinden in die Hände fielen.

Herkunft: Fränkisches Reich oder Skandinavien?

Über den genauen Ursprung der Schwerter ist sich die Wissenschaft uneinig. Während viele Forscher davon ausgehen, dass die Ulfberht-Schwerter aus dem Fränkischen Reich stammen, vertreten andere die Meinung, die Schwerter seien von den Wikingern in Skandinavien geschmiedet worden. Tatsächlich wurde ein Großteil der rund 170 gefundenen Ulfberht-Schwerter in Skandinavien – insbesondere in Norwegen, Dänemark und Schweden – entdeckt. Nur knapp 20 Exemplare fand man im Gebiet des einstigen Frankenreichs, etwa in Deutschland, Belgien oder den Niederlanden. Dazu kommen noch einzelne Schwertfunde aus Osteuropa.

Es sei aber ein Trugschluss, das als Beleg für die skandinavische Herkunft der Schwerter zu sehen. „Das hängt alles mit den Fundumständen zusammen“, so Kokkotidis. So stammen die skandinavischen Schwertfunde meist aus Gräbern. Denn in den einst heidnischen Gebieten war es gängiger Brauch, Krieger mit ihren Waffen und anderen Grabbeigaben zu bestatten. Im christianisierten Frankenreich waren Grabbeigaben hingegen unüblich. Schwerter wurden oftmals weitervererbt, eingeschmolzen, umgearbeitet oder gingen mit der Zeit verloren. Dies sei auch der Grund, warum es sich bei den meisten Funden auf dem einst fränkischen Gebiet um Einzelfunde, beispielsweise aus Flüssen, handelt.

Ein in der Weser bei Großenwieden entdecktes Ulfberht-Schwert, das archäologisch restauriert wurde.

Foto von Axel Hindemith Public Domain, via Wikimedia Commons

Eine andere Methode, den Ursprung der Ulfberht-Schwerter zu ermitteln, ist das Feld der Metallografie, das sich insbesondere mit dem Aufbau und der Qualität von Metallen auseinandersetzt. In einer 2009 veröffentlichten Studie analysierte der britische Archäometallurge Alan Williams mehrere Ulfberht-Schwerter. Aufgrund des festgestellten erhöhten Kohlenstoffgehalts bei vielen der von ihm analysierten Schwerter stellte er die These auf, dass für Ulfberht-Schwerter sogenannter Tiegelstahl verwendet wurde, der insbesondere im Mittleren Osten und im Vorderen Orient verbreitet war. Dieser gelangte – so Williams‘ These weiter – über Handelsrouten entlang der Wolga bis ins Baltikum, wo er schließlich von Wikinger-Schmieden zu Ulfberht-Klingen verarbeitet wurde.

Williams‘ deutscher Kollege Robert Lehmann teilt die Thesen des Briten nicht. In einer Studie für die Universität Hannover aus dem Jahr 2015 untersuchte er ein Ulfberht-Schwert, das drei Jahre zuvor in der Weser bei Großenwieden in Niedersachsen gefunden wurde. Nicht nur stellte Lehmann bei dem von ihm analysierten Schwert fest, dass der Stahl aufgrund des zu hohen Mangangehalts in der Klinge nicht aus dem Mittleren Osten stammen konnte. Bei dem im Schwertgriff verarbeiteten Blei konnte Lehmann zudem eine Herkunft aus dem Rheinischen Schiefergebirge, genauer dem Hintertaunus, nachweisen.

Wer war Ulfberht?

Stammen die Ulfberht-Schwerter also in Wahrheit aus Deutschland? „Die Indizien sprechen dafür“, sagt Kokkotidis. So gab es mit den Klöstern Lorsch und Fulda gleich zwei Standorte in nächster Nähe zum Bleiabbaugebiet, die als Herstellungsort in Frage kommen würden. Für beide Klöster ist dokumentiert, dass sie zur Zeit des Fränkischen Reichs als Produktionsstätten für die Waffenherstellung dienten. Zudem findet sich auch auf der Ulfberht-Inschrift am Schwert ein Hinweis, der eine Herkunft aus fränkischen Klostern untermauern könnte.

Auf den meisten Schwertern sind mit damasziertem Eisendraht die Buchstaben „+VLFBERH+T“ eingelassen. Die Schreibweise variiert allerdings bei den unterschiedlichen Funden. Heute geht man davon aus, dass es sich dabei um den ins Schwert eingelassenen Namen „Ulfberht“ handelt. „Der Name war im Frankenreich durchaus verbreitet“, sagt Kokkotidis. Ulfberht könnte demnach ein fränkischer Schmied gewesen sein, der die Schwerter fertigte.

In der Forschung bezweifle man dies allerdings zunehmend. So konnten Schmiede im Fränkischen Reich selten lesen oder schreiben. Ganz anders war es bei Geistlichen. Auch das Kreuz am Anfang der Inschrift deute darauf hin, dass Ulfberht ein kirchlicher Würdenträger gewesen sein könnte. „Bischöfe und Äbte stellen ihrem Namen auch heute noch ein Kreuz voran, wenn sie unterschreiben“, so Kokkotidis. Er geht wie viele andere Forscher davon aus, dass Ulfberht nicht der Name eines Schmiedes ist, sondern der Name eines Abtes oder Bischofs, dem mehrere Werkstätten im Kloster unterstanden.

In die meisten Ulfberht-Klingen ist mit damasziertem Eisendraht die Inschrift "+VLFBERH+T" eingelassen.

Foto von Torana Public Domain, via Wikimedia Commons

Zweifellos belegen lässt sich diese Theorie aber nicht. So tauche der Name Ulfberht in keinerlei historischen Urkunden auf, die in Zusammenhang mit Schwertern oder anderen Schmiedeerzeugnissen stehen. Auch in Bischofslisten sucht man einen Ulfberht vergeblich. Die Tatsache, dass Ulfberht-Schwerter mehr als 200 Jahre lang – und damit weit über die Lebensspanne eines gewöhnlichen Schwertschmiedes oder Abtes hinaus – hergestellt wurden, wirft ebenfalls Fragen auf.

Markenschwert oder billige Fakes?

Ein Erklärungsversuch ist die These, dass der Name Ulfberht auch lange nach dem Tod des ursprünglichen Namensgebers zur Kennzeichnung der Schwerter verwendet wurde. „Es könnte sich dabei um eine frühe Art der Markenbildung gehandelt haben“, sagt Kokkotidis. Ein weiteres Indiz dafür sei die Tatsache, dass insbesondere bei jüngeren Funden aus dem 10. und 11. Jahrhundert die Qualität stark von älteren Schwertern abweicht und sich auch Fehler in der Inschrift finden. „Je weiter man in der Zeit voranschreitet und je weiter weg vom ursprünglichen Verbreitungsgebiet die Klingen auftauchen, desto schlechter ist die Qualität und desto mehr häufen sich Fehler in der Inschrift“, so Kokkotidis. Der Archäologe geht von billigen Nachahmungen aus.

Könnte es sich um einen frühen Fall von Produktpiraterie gehandelt haben, wie man es auch bei heutigen Handelsmarken kennt? Undenkbar ist das Ganze nicht. „Es gab immer schon Leute, die auf der Welle eines erfolgreichen Produktes mitschwimmen wollten“, sagt Kokkotidis. So lässt sich Produktpiraterie bereits im alten Rom nachweisen, etwa bei Öllampen. Im Mittelalter war es dann noch viel einfacher, die mutmaßlichen Fake-Schwerter an den Mann zu bringen. Ein „herkömmliches“ Schwert konnte nicht nur binnen kürzester Zeit nachträglich mit der Ulfberht-Inschrift versehen werden. Auch Übertragungsfehler seien kaum aufgefallen. Denn im Gegensatz zur römischen Bevölkerung konnte im Mittelalter kaum jemand lesen.

Ebenso wie die Herkunft der Ulfberht-Schwerter ist auch die Frage der Produktpiraterie ein Diskussionspunkt, bei dem sich die Forschung uneinig ist. „Wir werden wahrscheinlich nie alle Fragen zu den Schwertern beantworten können“, sagt Kokkotidis. Dennoch geht der Archäologe davon aus, dass durch neue Funde und genauere Materialanalysen in den nächsten Jahrzehnten noch weitere Erkenntnisse zu Ulfberht-Schwertern ans Licht gebracht werden könnten. Denkbar sei für ihn sogar, dass sämtliche aktuellen Theorien zu den Schwertern durch einen einzelnen Fund wieder umgeworfen werden könnten. „Das letzte Wort zu Ulfberht-Schwertern ist nach wie vor nicht gesprochen.“

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