100 Jahre ungeklärt: der mysteriöse Mordfall von Hinterkaifeck

Er zählt zu den bekanntesten ungelösten Kriminalfällen in Deutschland: der Sechsfachmord von Hinterkaifeck. Genau 100 Jahre ist es her, doch bis heute ranken sich um die Morde viele Rätsel.

Von Markus Röck
Veröffentlicht am 14. Sept. 2022, 13:33 MESZ
Hinterkaifeck-Gedenkstein

Nur noch ein Gedenkstein erinnert heute an einen der aufsehenerregendsten Morde der deutschen Kriminalgeschichte.

Foto von Markus Röck

Hier draußen herrscht Stille. Ein kleiner Feldweg führt durch die oberbayerische Landschaft. Durch Wiesen, Felder und Wälder. Ansonsten gibt es kaum etwas. Nicht mehr - denn dort, wo heute Mais wächst, stand einst ein Bauernhof. 1922 war „Hinterkaifeck“, so der Name des Hofes, Schauplatz von einem der aufsehenerregendsten Morde der deutschen Kriminalgeschichte. Eine sechsköpfige Bauernfamilie ließ dabei ihr Leben. Selbst 100 Jahre später ist der brutale Mehrfachmord nicht vergessen.

Doch warum fasziniert Hinterkaifeck noch immer? „Wenn der Mordfall geklärt wäre, würden wir uns diese Frage nicht stellen“, sagt Jasmine Kaptur. Seit 11 Jahren verwaltet sie das Forum hinterkaifeck.net – eine der umfangreichsten Informationssammlungen zu Hinterkaifeck. Ebenso, wie dutzende Ermittler, Journalisten und Buchautoren vor ihr ist auch Kaptur bestrebt, mehr Licht in den Fall Hinterkaifeck zu bringen. Denn tatsächlich ist der Mordfall bis heute ungeklärt. Es konnte nicht nur kein Täter ermittelt werden, auch um den Tathergang ranken sich viele Geschichten.

Alleine die bekannten Informationen zum Mordfall bieten reichlich Material für einen Krimi: Es war die Nacht vom 31. März auf den 1. April 1922, als das Unglück seinen Lauf nahm. Eine kalte und sehr stürmische Nacht. Auf Hinterkaifeck, einem Einödhof, rund 500 Meter vom nächsten Dorf Gröbern entfernt, war zu dieser Zeit die ganze Familie Gruber zugegen. Der 64-jährige Andreas Gruber, seine 72-jährige Frau Cäzilia Gruber, deren verwitwete 35-jährige Tochter Viktoria Gabriel und Viktorias Kinder Cäzilia und Joseph, 7 und 2 Jahre alt. Auch eine neue Magd, Maria Baumgartner, war wenige Stunden zuvor angekommen, um ihren Dienst auf Hinterkaifeck anzutreten.

Mysteriöse Tatumstände

Nicht wenige Gerüchte rankten sich damals um den Hof. So galt die Familie Gruber als eigenbrötlerisch und geizig. „Viele Menschen vermuteten, dass es auf dem Hof Geld geben musste“, sagt Kaptur. Zudem wurde Andreas Gruber ein inzestuöses Verhältnis mit seiner Tochter Viktoria nachgesagt. 1915 wurden beide wegen Blutschande verurteilt. Schon an den Tagen vor der Tat häuften sich merkwürdige Vorkommnisse rund um den Hof. So berichtete Andreas Gruber unter anderem von Fußspuren im Schnee, die zum Hof hin, nicht aber wieder von ihm wegführten, von Einbruchsspuren und von Geräuschen am Dachboden. Auch ein Haustürschlüssel war der Familie abhandengekommen. Gruber durchsuchte zwar den Hof – allerdings erfolglos.

Um den Einödhof Hinterkaifeck rankten sich viele Gerüchte.

Foto von hinterkaifeck.net/Staatsarchiv Münche/Andreas Biegleder

Kurze Zeit später war die ganze Familie tot. Von einer Reuthaue, einer Art Hacke, wurden sie in der Nacht auf den 1. April auf grausame Art und Weise erschlagen. Nacheinander, wie die Ermittlungen später ergaben. Bereits tags darauf wurde das Fehlen der 7-jährigen Cäzilia in der Schule bemerkt und auch am Sonntag erschien die ganze Familie nicht zum Gottesdienst. Dennoch blieb die Tat fast vier Tage lang unentdeckt. Erst am 4. April wurden die Leichen von Nachbarn aus dem nahen Gröbern aufgefunden, nachdem mehrere Vorbeikommende über die gespenstische Leere am Hof berichteten.

Von da an nimmt der Fall eine beachtliche Eigendynamik auf. Noch bevor die Ermittler eintrafen, waren bereits dutzende Schaulustige aus der näheren Umgebung am Hof. „Für die Familien vor Ort muss das sehr einschneidend gewesen sein. Plötzlich war das Sicherheitsgefühl komplett weg“, sagt Kaptur. Bei den Ermittlern, bei der Dorfbevölkerung und auch bei den Medien, die den Fall schnell aufgriffen, standen zwei Fragen im Vordergrund: Wer und warum? „Natürlich hat jeder für sich eine Lösung gesucht“, sagt Kaptur.

Schwierige Ermittlungen

Die Ermittlungen gestalteten sich schwierig. Die zur Unterstützung der überforderten Landpolizei hinzugezogene Münchner Kriminalpolizei traf erst spät am rund 70 Kilometer von der Landeshauptstadt entfernten Tatort ein. In dieser Zeit hätten die zahlreichen Schaulustigen reichlich Zeit gehabt, Spuren am Tatort unbewusst zu zerstören. „Für einen Spurensicherer war es katastrophal, den Tatort so vorzufinden“, sagt Olaf Krämer. Regelmäßig veranstaltet Krämer Führungen zum einstigen Tatort. Ebenso wie Kaptur ist auch er im Forum hinterkaifeck.net engagiert. Da es kein elektrisches Licht am Hof gab, konnte der Tatort nur tagsüber ausreichend untersucht werden. Von der Tatwaffe fehlte zunächst jede Spur. Erst 1923, rund ein Jahr nach den Morden, konnte diese bei Abbrucharbeiten am Hof sichergestellt werden.

Dennoch habe die Polizei alles damals in ihrer Macht Stehende getan, um den oder die Täter zu überführen. Zu diesem Schluss kamen 15 Polizeikommissaranwärter der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung und Rechtspflege in Fürstenfeldbruck. In einem 188-seitigen Abschlussbericht untersuchten sie den Fall mit modernen Ermittlungsmethoden. Zwar konnten sie mehrere Versäumnisse bei den Ermittlungen aufzeigen – unter anderem wurden keine Fingerabdrücke aufgenommen und bestimmten Hinweisen wurde nicht ausreichend nachgegangen, aber „die Rahmenbedingungen wurden damals auf jeden Fall erfüllt“, heißt es in dem Bericht.

Raubmord, Beziehungstat oder doch etwas Anderes?

Mehr als 100 Tatverdächtige gab es im Laufe der Ermittlungen. Die möglichen Motive für die Tat sind vielfältig. „Je nachdem, in welche Richtung man ermittelt, werden Indizien unterschiedlich bewertet“, sagt Krämer. Jahrelang gingen die Ermittler von einem Raubmord aus. Neben einem Zimmer, das offensichtlich durchsucht wurde, fanden die Ermittler heraus, dass sich der oder die Täter auch nach der Tat noch eine Weile am Hof aufhielten. Das Vieh im Stall war versorgt und in der Räucherkammer fand man einen frisch aufgeschnittenen Schinken. Schnell gerieten einschlägig Vorbestrafte und umherziehende Tagelöhner ins Visier der Ermittler. Das Motiv wurde aber zunehmend in Zweifel gezogen, nachdem in einem Schrank Schmuck sowie Gold- und Silbermünzen gefunden wurden.

Olaf Krämer veranstaltet regelmäßig Führungen zum einstigen Tatort.

Foto von Markus Röck

Ein weiteres Motiv deutet auf eine Beziehungstat hin. So war Viktoria Gabriel die Mutter eines unehelichen Kindes. Die Frage nach dem Vater bot seit jeher Raum für Spekulationen. Der in den Akten geführte Vater – einer der Auffindezeugen – bestritt seine Vaterschaft mehrmals. Stattdessen brachte er Andreas Gruber selbst ins Spiel. Ein Racheakt also? Ebenso, wie bei den vielen anderen Theorien, die im Umlauf sind, reicht auch hier die Beweislage nicht aus.

Erbstreitigkeiten, ein politischer Mord oder jemand aus dem Umfeld der Magd – sogar der 1914 im Krieg gefallene Ehemann von Viktoria Gabriel und Andreas Gruber selbst wurden als denkbare Täter in Betracht gezogen. „Es gibt bei jeder Theorie Dinge, die dafür und Dinge, die dagegensprechen“, sagt Jasmine Kaptur. Jahrelang verfolgten die Ermittler jede Spur, die sich ihnen bot. Sogar eine Belohnung von 100.000 Mark wurde ausgeschrieben. Dennoch konnte nie jemand der Tat überführt werden. Erschwerend kam hinzu, dass ein Großteil der Akten 1944 bei einem Bombenangriff auf Augsburg vernichtet wurde. 1955 wurden die Ermittlungen offiziell eingestellt. Trotzdem fanden weiterhin Vernehmungen statt. Die letzte davon 1986.

Das Vermächtnis von Hinterkaifeck

Nur ein Gedenkstein, der unweit des Tatorts aufgestellt wurde, erinnert heute an die Morde, die sich vor 100 Jahren in Hinterkaifeck ereignet haben. Dennoch zieht der Ort nach wie vor Touristen und Schaulustige an. In der Bevölkerung der näheren Umgebung war Hinterkaifeck lange Zeit ein Tabuthema. Inzwischen sei aber auch hier so etwas wie ein Wandel bemerkbar. „Der Fall hat sich inzwischen als Teil der Heimatgeschichte etabliert“, sagt Krämer. Inzwischen hätten bereits Nachfahren von Tatverdächtigen an seinen Führungen teilgenommen.

Ebenso wie Jasmine Kaptur hält es Krämer für unwahrscheinlich, dass jemals alle Details zu Hinterkaifeck ans Licht kommen werden. Auch der Polizei-Abschlussbericht aus dem Jahr 2007 kommt zu diesem Ergebnis. Dennoch sei für die Verfasser bereits „nach kurzer Zeit festgestanden, wer der wahre Täter sein muss.“ In den Augen der Ermittler hätte zu viel für den von ihnen identifizierten Hauptverdächtigen gesprochen, fast nichts gegen ihn. Namentlich genannt wird der mutmaßliche Täter aber nicht. Und ohnehin ließe sich der Fall auch trotz dieser Informationen nicht abschließend aufklären. Denn weiterhin bleiben viele Fragen offen und auch beweisen lässt sich 100 Jahre später kaum noch etwas. So wird der Fall Hinterkaifeck wohl auf ewig ein Rätsel bleiben.

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