Hazara in Afghanistan: Neues Kapitel der Angst

Die Hazara werden in Afghanistan seit mehr als 130 Jahren verfolgt und ermordet. Seit Machtübernahme der Taliban verschlechtert sich ihre Lage zunehmend. Über ein Volk, von dessen Leid nur wenige wissen.

Von Atefa Ahmadi
Veröffentlicht am 1. Dez. 2022, 09:39 MEZ
Demonstration Hazara Berlin

Weltweit gingen im Herbst 2022 Menschen auf die Straße, um gegen die Massaker an den Hazara zu demonstrieren – wie hier in Berlin.

Foto von Neman Noori

Parks, Schwimmbäder, Fitnessstudios – Frauen in Afghanistan ist der Zutritt zu diesen Orten seit Anfang November 2022 verboten. Eine Überraschung ist das nicht. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Taliban nach ihrer Machtübernahme die Frauenrechte einschränken würden. 

Nicht nur für Frauen bedeutet die Taliban-Herrschaft in Afghanistan starke Veränderung – für mein Volk, die Hazara, ist sie lebensbedrohlich. Seit Jahrzehnten werden Hazara von den Taliban verfolgt. Auch die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) hat es auf die drittgrößte Bevölkerungsgruppe des Landes abgesehen. 

Massaker, Anschläge und Vertreibung

Raihana Azad, bis 2021 Parlamentarierin und selbst Hazara, bezeichnete den Rückzug der internationalen Truppen vergangenes Jahr als „Freibrief für die Terroristen“. Und so kam es: Mit der Machtübernahme der Taliban 2021 begann ein neues Kapitel des Terrors mit systematischen Hinrichtungen, Anschlägen und Zwangsehen. 

Hazara im Bamiyan-Tal: Kinder spielen mit einem Fußball. Das Bild entstand 2020 – heute sind viele Familien geflüchtet.

Foto von Neman Noori

Im Mai 2021, nur drei Wochen, nachdem die USA den Abzug der Truppen angekündigt hatten, gab es einen Anschlag auf eine Schule in einem Viertel in Kabul, in dem fast ausschließlich Hazara leben. Die Bombe wurde nach dem Unterrichtsschluss der Mädchen gezündet, über 80 von ihnen starben. Im Juli darauf kam es zu Hinrichtungen von Hazara-Männern in der Provinz Ghazni, im August zu weiteren Morden in der Provinz Daikundi. Ein Angriff auf ein Bildungszentrum in diesem Jahr tötete mehr als 50 weibliche Teenager. Alle waren Hazara.  

„Diese Tötungen sind ein weiterer schockierender Beweis dafür, dass die Taliban die Hazara weiterhin verfolgen, foltern und außergerichtlich hinrichten", sagte Agnès Callamard, internationale Generalsekretärin von Amnesty International, im September. „Die Taliban müssen dieses grausame Muster der gezielten Tötungen sofort beenden."

Immer mehr Gewalt gegen Hazara

Doch die Berichte von Gewalt häufen sich weiter. In Kabul kommt es vermehrt zu Gruppenvergewaltigungen der Taliban an Hazara-Frauen. Hazara-Männer werden gefoltert und ermordet. In vielen Provinzen werden Familien systematisch aus ihren Dörfern vertrieben. 

Nach Angaben von Human Rights Watch haben die Taliban mehr als 2.800 Hazara-Bürger in den Provinzen Kandahar, Helmand, Uruzgan, Daikundi und Balkh gezwungen, ihre Häuser und Ländereien zu verlassen. In Behsud ereilte Hunderte Familien das gleiche Schicksal. Sie bekamen drei Tage Zeit, um ihr Zuhause zu verlassen.

Human Rights Watch spricht von einer „klaren Verletzung der Menschenrechte und einer kollektiven Bestrafung der Hazara“ und verurteilt diese aufs Schärfste.

Das Volk der Hazara

Afghanistan ist ein Vielvölkerstaat. Hazara gehören zu den drei größten Bevölkerungsgruppen neben den Paschtunen – denen auch die Taliban angehören – und Tadschiken (nach Berichten des Auswärtigen Amtes sind Hazara die drittgrößte Gruppe). Wie viele es heute genau gibt, ist nicht bekannt: Seit 1979 gibt es keine Zählungen mehr im Land. 

Hazara, die durch ihre oft asiatischen Gesichtszüge auffallen, bewohnen heute vor allem die zentralen Regionen des Landes. Die meisten sind schiitische Muslime – anders als die Paschtunen, die Sunniten sind. Beides sind Strömungen des Islams. Schiiten sind in Afghanistan eine Minderheit, fundamentalistische Sunniten sehen sie als Ungläubige an – und somit als Feinde.

Anders als in der traditionellen patriarchalischen Gesellschaft Afghanistans werden in der Gesellschaft der Hazara keine großen Unterschiede zwischen Männern und Frauen gemacht. Ihre Geschichte könnte also die eines Volkes sein, das sich dem Fortschritt angepasst hat. Stattdessen ist es die Geschichte eines nicht enden wollenden Völkermords. 

Das Morden von Abdur Rahman Khan 

Dieser begann nicht erst mit der Machtübernahme der Taliban 2021, sondern rund 140 Jahre früher: In den 1880er- und 1890er-Jahren ließ Abdur Rahman Khan, damals autokratischer König Afghanistans, 62 Prozent der Hazara massakrieren. Er wollte ein großes Königreich – und brauchte dazu das Land der Hazara.

Hazara-Mädchen bei einer Schneeballschlacht in Bamiyan 2020. Seit der Machtübernahme der Taliban im Sommer 2021 wird die Situation für das Volk schwieriger. Neben zahlreichen Anschlägen kommt es zu immer mehr Zwangsehen für junge Frauen mit Taliban. 

Foto von Neman Noori

Bis dahin waren die Hazara ein unabhängiges Volk mit großer Macht im Land. Viele strategisch wichtige Punkte in Afghanistan lagen in ihrem Gebiet, Hazaristan. So startete Abdur Rahman Khan einen Feldzug. Nach anfänglichen Misserfolgen bekam er Unterstützung von Britisch-Indien. Er mobilisierte den Rest der Stämme des Landes gegen die „ungläubigen“ Hazara. Eine Fatwa – eine religiöse Erlaubnis von Religionsgelehrten – sollte das Morden vor Gott legitimieren. 1892 hatte er sein Ziel erreicht.

Versklavt und verkauft

Die Menschen, die Abdur Rahman leben ließ, wurden aller Rechte beraubt und auf Sklavenmärkten verkauft. Sie durften sich nicht bilden. Wer konnte, verließ die Heimat. Viele Hazara fanden Zuflucht im iranischen Mashhad und in Quetta in Pakistan, wo noch heute große Communities leben. Andere flohen nach Indien, in den Irak und nach Zentralasien. 

Der Rest zog sich in die Berge zurück. Ein Blick auf die Landkarte Afghanistans und die Lebensräume der Hazara in den letzten hundert Jahren zeigt, wie sie immer weiter vertrieben wurden. 

Offiziell wurde die Sklaverei in Afghanistan Anfang des 20. Jahrhunderts abgeschafft. Die Hazara jedoch arbeiteten weiter unter sklavenartigen Bedingungen. Möglichkeiten, sich in der Gesellschaft hochzuarbeiten, gab es kaum. Erst in den Achtzigerjahren, während der sowjetischen Besatzung, organisierte sich das Volk neu und kämpfte für mehr Rechte. Nicht ohne Folgen.

Massenmorde in den Neunzigerjahren

In den Neunzigerjahren kam es während der Bürgerkriege und in der ersten Zeit der Taliban-Herrschaft zu weiteren Massenmorden. In der Stadt Balch im Norden Afghanistans wurden mehr als 4.000 Hazara brutal umgebracht. Unter den Opfern waren vor allem Kinder, Frauen und Jugendliche. Ihre Leichen lagen wochenlang in den Straßen und Gassen. Man verwehrte den Angehörigen, sie anständig zu bestatten. 

Im Jahr 1993 fand in Afshar im Westen von Kabul ein weiteres Massaker statt, bei dem über tausend Hazara starben. In den internationalen Fokus rückten die Hazara im März 2001, als die Taliban die 1.500 Jahre alten Buddha-Statuen von Bamiyan zerstörten – im Herzen des kulturellen Zentrums der Hazara, dem Bamiyan-Tal. Die besetzten das Land und brannten die Dörfer nieder. 

Dann kam der 11. September. Der Einzug der internationalen Truppen im Herbst 2001 bedeutete für die Hazara aufatmen. Diskriminierung und Vorurteile gab es jedoch weiterhin. Angehörige des Volkes arbeiteten meist in niederen Berufen und verdienten schlecht. Bildung war der einzige Ausweg.

Ein Hazara-Reiter im Bamiyan-Tal beim einem traditionellen Spiel zum Neujahrsfest Newroz. Der Tag war ein nationaler Feiertag in Afghanistan – bis die Taliban an die Macht kamen. In der Nische im Hintergrund stand rund 1.500 Jahre lang eine riesige Buddha-Statue. Ihre Zerstörung durch die Taliban 2001 sorgte international für Schlagzeilen. Sie zerstörten damals nicht nur Kulturgut, sondern auch zahlreiche Dörfer der Hazara. 

Foto von Neman Noori

Viele arme Familien zogen nach Kabul, wo ihre Kinder erst auf die Schulen, dann an die Universitäten Kabuls gelangten – obwohl die Plätze beschränkt waren.  

Die Menschen bemühten sich, ihr Leben in neue Bahnen zu lenken: Sie lernten moderne und demokratische Werte und wurden in verschiedenen Bereichen sogar zu Vorreitern. Etwa im Hinblick auf Gleichberechtigung. 

Neue Attentate in Kabul 

Ein großer Teil der Hazara-Frauen und -Mädchen kann heute lesen und schreiben und hat eine Ausbildung genossen. Viele haben außerhalb von Afghanistan studiert, sich im Sport, in der Kunst, Literatur oder Politik einen Namen gemacht. So zum Beispiel Sima Samar, Ärztin, Politikerin und Vorsitzende der afghanischen Menschenrechtskommission. 2001 wurde sie als erste Ministerin für Frauenangelegenheiten in die afghanische Regierung gewählt. 

Die Hazara Habiba Sarabi war als Gouverneurin der Provinz Bamiyan landesweit die einzige Frau in diesem Amt. Und die preisgekrönte Journalistin Zahra Joya ist laut dem Time Magazine eine der zwölf wichtigsten Frauen der Welt des Jahres 2022. 

Es gibt zahlreiche Frauen wie sie. Die meisten haben das Land in den vergangenen Monaten verlassen. 

Friedliche Proteste, blutige Angriffe

Dass es für Hazara wieder schwieriger werden würde, zeichnete sich schon im Jahr 2015 ab. Mit gezielten Anschlägen begann eine neue Ära der systematischen Tötung. Auf der Straße von Kabul nach Ghazni wurden sieben Menschen aus ihren Autos gezogen, gefoltert und dann enthauptet. Unter den Ermordeten war auch ein Kind: die siebenjährige Shokrieh Tabsem. 

Dieses Verbrechen löste große Wut aus. Es kam zu friedlichen Demonstrationen in Kabul, die gewaltsam gestört wurden: 80 Hazara-Studenten verloren auf dieser Demo im Viertel Dehmazang bei einem Anschlag ihr Leben. Im gleichen Jahr fand ein vorsätzlicher Angriff auf die Dasht-e-Barchi-Geburtsklinik statt, bei dem 56 Studentinnen sowie 25 Kinder und Mütter getötet wurden. 

Eine Gruppe Jungen im Bamiyan-Tal 2020. Auch ihr Leben hat sich seit der Machtübernahme der Taliban stark verändert. 

Foto von Neman Noori

Morden ohne Konsequenzen

Basierend auf aktuellen Statistiken wurden in den letzten Jahren mehr als 4.000 Hazara gezielt getötet. Woher der große Hass der Taliban auf die Hazara kommt, kann heute keiner wirklich mehr erklären, denn unter den Hazara gibt es auch Sunniten – und auch sie werden ermordet. Sicher ist nur: Die Feindschaft ist groß. In einer Redensart der Taliban heißt es: „Tadschiken nach Tadschikistan, Usbeken nach Usbekistan, Hazara nach goristan“ – auf den Friedhof. 

Nach der Definition der Menschenrechtskonventionen sind die zahlreichen Morde an den Hazara Völkermord. Die Reaktionen anderer Länder auf diese Massaker bleiben mild. Doch die Wut des Volkes wächst: In den vergangenen Wochen wurden auf Twitter und auf Demonstrationen der Hazara-Diaspora in mehr als 100 Städten der Welt Petitionen zur Beendigung dieses Völkermordes gestartet. Frauen stehen mit an vorderster Front bei den Protesten – denn sie trifft es am stärksten. Wir Hazara-Frauen wollen lernen, studieren, arbeiten. Und vor allem wollen wir leben.

Die Autorin ist Hazara und lebt heute in Deutschland. Auch Fotograf Neman Noori lebt seit 2021 hier. 

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