Jahrtausendealte Höhlenkunst in Australien zerstört

In der Koonalda Cave in Südaustralien zerstörten Unbekannte die 22.000 Jahre alte Höhlenkunst der Mirning People. Dem Einbruch gingen Maßnahmen voraus, die entgegen der Wünsche der Ureinwohner den Zugang zu der Höhle erleichterten.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 10. Jan. 2023, 09:24 MEZ
Der Blick auf die Höhle, die unterhalb der Erde im Gestein liegt.

Die Koonalda Cave besteht aus Jahrtausende altem Kalkstein, in den die Mirning vor Jahrtausenden ihre Kunst eingearbeitet haben.

Foto von Bill Doyle

In den Weiten der Nullarbor-Ebene in Südaustralien liegt ein heiliger Ort: die Koonalda Cave. Die Höhle beherbergt eines der ältesten Beispiele von Höhlenkunst der australischen Ureinwohner Mirning, ein Volk dessen Abstammungslinie fast 60.000 Jahre zurückgeht.

Vor etwa 22.000 Jahren verewigten die Indigenen ihre Kunst in den Kalksteinwänden der Höhle. Nun haben Unbekannte die historischen Kunstwerke teilweise zerstört, indem sie die Botschaft „don't look now, but this is a death cave” – zu Deutsch „nicht hinschauen, das hier ist eine Todeshöhle” – darüber ritzten. 

Während die Polizei ermittelt, trauern die Mirning. „Unsere Ältesten sind am Boden zerstört, schockiert und verletzt über die Schändung dieser Stätte”, sagt Uncle Bunna Lawrie, Mirning-Ältester und einer der Hüter der Koonalda Cave. „Koonalda ist wie ein Vorfahre für uns.” Dem Vorfall gehen jahrelange Bemühungen der Mirning voran, die heilige Höhle zu schützen und ihre Traditionen zu bewahren.

“Dies ist ein anerkanntes nationales Kulturerbe, und wir können nicht verstehen, wie jemand unsere in der Weltgeschichte einzigartige Kunst entweihen konnte.”

von Dorcas Miller
Senior Female Mirning Elder

Whale Dreaming: Die Geschichten der Mirning

Der Name Mirning bedeutet so viel wie „Höre zu, lerne, beobachte und verstehe, um Weisheit und Wissen zu erlangen”. Im Fokus der Geschichten des indigenen Volks steht vor allem die Große Australische Bucht, die sich ebenso wie die Bunda Cliffs nahe der Stadt Eucla im Nullarbor auf ihrem Gebiet befindet. Bis heute ist sie ein beliebter Ort für das Whale Watching.

In den Geschichten der Mirning spielen Wale ebenfalls eine große Rolle. So soll der Große Weiße Wal Jeedara in der sogenannten Dreamtime, als Meer und Land entstanden, den Ozean vor den Bunda Cliffs bewacht haben. Die Jahrtausende alte Kunst in der Koonalda Cave erzählt von der Dreamtime und Jeedara und wird deshalb auch Whale Dreaming Art genannt. „Koonalda ist einer unserer wichtigsten Whale Dreaming Orte und einer der letzten seiner Art auf diesem Planeten”, sagt Bunna Lawrie. Als Whale Songman hat er den Auftrag, die Geschichten der Dreamtime und Jeedaras am Leben zu erhalten und an die nächsten Generationen weiterzugeben.

Die Kunst selber wurde von den Vorfahren der heute noch lebenden Mirning mit den Fingern auf die Wände der Höhle gebracht. Diese prähistorische Kunstform nennt man auch Fingerriffelung. Der Teil, der von den Einbrechern mit dem Spruch überdeckt wurde, zeigt ein wichtiges Element der Jeedara-Schöpfungsgeschichte. „Durch die Zerstörung werden unsere Mirning-Kinder ihres Erbes, ihres Kulturgutes und ihrer spirituellen Verbindung zu ihren Vorfahren beraubt”, so Bunna Lawrie, der die Geschichten zusätzlich in seiner eigenen Kunst am Leben erhält.

Die Kunst der Mirning lebt durch Älteste wie Uncle Bunna Lawrie bis heute weiter. Dieses Gemälde zeigt einen Teil der Jeedara-Schöpfungsgeschichte.

Foto von Uncle Bunna Lawrie

Fehlender Schutz der Koonalda Cave

In der Vergangenheit wurden immer wieder Maßnahmen ergriffen, um die Stätte zu schützen: beispielsweise durch den Aboriginal Heritage Act 1988 und die Aufnahme auf die National Heritage List 2014. Trotzdem sahen die Ältesten die Koonalda Cave schon länger in Gefahr. „Fast 1.000 Generationen unserer Mirning-Vorfahren haben diesen heiligen Ort geschützt und gepflegt”, sagt Bunna Lawrie. „In jüngster Zeit haben jedoch Regierungsausschüsse die Kontrolle über den Ort übernommen und konsultieren die Ältesten der Mirning nicht mehr.” Bitten nach besserem Schutz der Höhle seien die Behörden nicht nachgekommen. Die fehlende Sicherheit erleichterte es nun den Einbrechern, die Höhle zu betreten und die Kunst zu zerstören.

Von dem Vandalismus an der heiligen Stätte haben die Mirning laut Bunna Lawrie erst durch die Medien erfahren – sechs Monate nachdem die Behörden die Zerstörung entdeckten. Zuvor hätten diese den Zugang zur Höhle entgegen der Wünsche der Mirning sogar noch erleichtert. „Die Regierungsausschüsse hatten einen Steg und eine Treppe gebaut, um die Höhle besser zugänglich zu machen. Dies geschah ohne unsere Rücksprache und Genehmigung”, sagt er.

Dabei besteht für die Öffentlichkeit eigentlich ein offizielles Zutrittsverbot – unter anderem, weil die Höhlenkunst teilweise bis auf den Boden reicht und leicht beschädigt werden kann. Und auch die heiligen Rituale der Mirning schließen aus, dass Menschen die Koonalda Cave betreten, die nicht offiziell mit ihrem Schutz betraut sind. „Wir möchten unsere Kultur und unsere Geschichte mit anderen teilen”, heißt es von Seiten der Mirning. „Aber das muss auf respektvolle Weise geschehen, wie zum Beispiel durch den Status als UNESCO-Weltkulturerbestätte – nicht durch die zur Entweihung unserer spirituellen Heimat”.

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